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ZEIT online über Alkohol in Zeiten von Corona: Wir können nicht anders! Wirklich?

Ohne Schnaps, Bier und Wein geht in der Pandemie nichts, behauptet ein Autor bei ZEIT online – und das sei in Ordnung so. Um seine Thesen zu untermauern, biegt er sich Zahlen zurecht, am Ende plädiert er für Alkohol als letzte Rebellion gegen das Corona-Korsett. Quarkundso.de rät: Wer trinken muss, sollte nicht auch noch darüber schreiben.

Beitrag vom 16.3.2021

Bild: Peter Ivey Hansen / Unsplash

Es kann hier nicht immer nur um Essen gehen. Daher dreht sich dieser Beitrag ums Trinken, also um Alkohol.

Alkohol, dieser große Tröster, das gnädige Gift, das Herzblut der abendländischen Kultur, weil schon ihr oberster Chef Wasser in Wein und Wein in Blut verwandelt hat, weswegen seinen Anhängern gerne Kannibalismus vorgeworfen wird.

Alkohol also. Ob, warum, wie lange man darauf verzichten kann oder sollte, ist regelmäßig Thema in Genusskolumnen, besonders jetzt, in der Fastenzeit.

Und Genusskolumnen sind immer für das Trinken. Immer.

Ihr Strickmuster ist ein ewiger Dreischritt: Jemand bekennt, dass er – oder sie – trinkt. Regelmäßig. Auch mal mehr als gut ist.

 

Nicht-Trinker als freudlose Asketen

Im Hauptteil, wo es um Begründungen und Argumente geht, fragt er oder sie, warum man sich das nicht gönnen sollte und wer eigentlich etwas dagegen hat. Jaja, Trinken ist nicht gut. Wir kennen die Zahlen, hier, wir leiern sie pflichtschuldigst herunter, zitieren Drogenbeauftragte und Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Aber mal ehrlich – brauchen wir nicht alle spätestens am Abend was zu trinken? Als Lichtblick im Jammertal des Lebens, nach nerviger Kinderbetreuung und stressigem Job? Löst der Götterstoff nicht Herz und Zunge beim Date, unter verstummten Paaren, wiegt er nicht sanft in den Schlaf?

Also bitte. Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein, im Übrigen sind Nicht-Trinker freudlos, verkniffen und haben keine Freunde.

Am Ende steht immer fest: Alkohol ist Privatsache, wie ich mich vergifte, entscheide ich selbst. Außerdem gehört der Rausch zum Leben und verbieten lassen wir uns sowieso nichts.

 

Corona: Ist Alkohol die Lösung?

Diese Schablone für Genusskolumnen aus dem Baukasten der Liberalen und Libertären ist universell: Für Alkohol kann man auch Rauchen, Computerspiele, Facebook, Roulette, Sex, Pornos, Essen, Übergewicht, Haschisch, Fleisch, Süßigkeiten oder Bingewatching von Netflix-Serien einsetzen.

Den klassischen Aufbau ziehen alle Kolumnisten durch, neulich auch einer in der Zeit. Da ging es ums Trinken in der Pandemie. Angeblich trinken „wir“ (alle) seit Anfang 2020 mehr, öfter und früher am Tag als je zuvor – weil Trinken Freiheit bedeutet:

Ständig sprechen wir darüber, was, wie viel und wann wir trinken – und ob das noch im Rahmen ist. Kein Wunder: Zu trinken ist eine der letzten Freiheiten im Lockdown.

Alkohol wird laut Autor Jakob Pontius sogar zum „Grundrauschen der Pandemie“, die „nüchtern kaum zu ertragen“ ist (so ein anderer Zeit-Titel zum Thema).

Und angeblich reden „wir“ auch nur noch von Alkohol, über das Glas Wein „als Tageshighlight, auf das man hinarbeitet“: „Wir trinken und trinken – und reden ständig darüber.“

Abgesehen von dem populistischen, übergriffigen Eingemeinden der Leser ist das mit dem „wir alle“ und „immer mehr“ schon eine sehr steile Annahme. Dafür müsste es eigentlich Zahlen geben – Verkaufsstatistiken zu Bier, Schnaps und Wein, zum Beispiel. Doch im Hauptteil des Beitrags wird es damit dünn.

 

Die Statistik gibt es nicht her

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Denn die Zahlen der Getränkeindustrie belegen nicht, dass in der Pandemie im großen Stil mehr getrunken wird: Die Bierbrauer haben Minus gemacht, der Weinabsatz im Handel zeigt nur sechs Prozent Steigerung für das ganze Jahr 2020, wie das Deutsche Weininstitut berichtet.

Das ist, gemessen an vier Monaten Lockdown 2020 und einem Umsatzeinbruch in der Gastronomie von 38 Prozent, nicht viel.

Mit anderen Worten: Etwas mehr Wein wurde im Vergleich zum Vorjahr zwar von Privathaushalten gekauft. Aber dafür fielen Restaurant- und Barbesuche weg, und dazu die Urlaubsreisen in andere Länder. Dort wird zwecks Erholung bekanntlich gerne und viel getrunken, das mussten die Deutschen 2020 wohl oder übel zuhause tun.

Scheinbar haben sie sich dabei ziemlich zurückgehalten, wie die mageren sechs Prozent Jahresplus im Handel zeigen.

„Ein Blick auf die Umsatzzahlen in der Getränkebranche liefert zunächst ein widersprüchliches Bild“, räumt Genussautor Pontius widerstrebend ein – ehrlicherweise hätte er sagen müssen, dass die Zahlen seine Annahme einfach nicht stützen.

Dann aber bricht auch die These zusammen – dass es völlig in Ordnung ist, zu trinken, dass „wir“ trinken müssen, und zwar mehr als sonst.

 

Was die Zahlen wirklich sagen

Also gibt er nicht auf, alternative Fakten müssen her. Die findet Pontius in einer Auswertung vom letzten Jahr. So verweist er darauf, dass im zweiten Quartal 2020 von April bis Juli ganze 12,8 Prozent mehr Wein verkauft wurden, und zwar „trotz geschlossener Restaurants“. Als Beleg verlinkt er auf eine österreichische Weinseite.

Österreich? Nanu? Nicht selbst in Deutschland recherchiert?

So oder so, der Beleg taugt nicht. Denn erstens wurde im Frühling mehr Wein in Supermärkten und Weinläden verkauft, weil die Restaurants geschlossen waren. Nicht „trotz geschlossener Restaurants“.

Exakt so steht es auf der Seite von „Der Winzer.at“, von der ZEIT als Quelle verlinkt.

Zweitens aber erläutert die Redaktion des Fachportals die Zahlen und zitiert dazu das Deutsche Weininstitut: „Rund vier Prozent mehr Haushalte hätten aufgrund des Lockdowns in der Gastronomie mehr Wein eingekauft als im Vorjahresquartal, erläutert DWI-Geschäftsführerin Monika Reule.“

Aha, vier Prozent der Haushalte. Das ist nicht so viel.

 

Auch der Schnapskonsum nimmt ab

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Bleibt noch das Hochprozentige. Aber die Spirituosenbranche erwähnt Pontius sicherheitshalber nur am Rande. Die kann nämlich sein Sittengemälde von „Trinken gegen Corona“ erst recht nicht stützen: Seit Jahren stagniert der Konsum von harten Sachen.

Es gibt einen auffallenden Trend zum bewussten, gemäßigten Trinken, dem „Mindful Drinking“. Der größte Boom in der Branche gehört gerade den alkoholfreien Drinks, so eine repräsentative Umfrage des Rumherstellers Bacardi von Januar 2021.

Schon im Mai 2020, nach der ersten Infektionswelle, beklagten die Schnapsbrenner, dass Corona ihre Umsätze zusätzlich bremst, nicht steigert. Die Einkäufe der Privathaushalte machten den Ausfall durch die geschlossenen Bars nicht wett.

Das galt auch in der zweiten Jahreshälfte, als im Lockdown vor Weihnachten das lukrative „Jahresendgeschäft“ ausfiel, wie das Fachblatt Lebensmittelpraxis berichtet.

 

Es geht um Sucht

Aber in den Genusskolumnen der Libertären geht es nicht um Fakten. Es geht um ein festes Weltbild vom Menschen als Triebtäter.

Und um die ganz großen Fragen, an erster Stelle steht natürlich die Freiheit. Dann ist da der Rausch als Menschenrecht, und dahinter steht eine angenommene conditio humana, die lautet: Wir können nicht anders.

Auf der Suche nach Belegen für den naturgegebenen Rausch muss Pontius aber von hinten durch die Brust ins Auge. Erst wirft er sich auf eine größer angelegte internationale Umfrage, den Global Drug Survey, dann auf eine Umfrage von Suchtforschern des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim.

Drogen. Sucht.

Da müsste es eigentlich geklingelt haben, im Hirn des Krisen-Trinkers Pontius. Denn die Studien, die er zitiert, haben einen bestimmten Hintergrund. Sie wollen Risikogruppen identifizieren, sie sprechen Menschen an, die ohnehin regelmäßig Drogen, auch harte, konsumieren.

Und den gepflegten Alltagskonsum der Normalverbraucher geht es nicht.

 

Manche sind gefährdet

In der Pandemie gefährdet: Menschen mit problematischem Alkoholkonsum. / Bild: Hayes Potter – Unsplash

Die Teilnehmer dieser Studien sind auch nicht repräsentativ ausgewählt, sie bilden nicht die Bevölkerung ab.

Stattdessen sind es Betroffene, die sich freiwillig melden, wenn sie sich bei der Frage: „Konsumieren Sie seit Corona mehr oder regelmäßig Drogen?“ angesprochen fühlen.

Das ist im Design von Studien schon ein Unterschied. Doch nicht einmal in diesem Kollektiv zeigen die Ergebnisse, dass „alle“ immer mehr „trinken und trinken“.

Stattdessen zeigen sie, wie man in den verlinkten Quellen nachlesen kann, dass die Mehrheit der Befragten seit Beginn der Pandemie gleich viel oder sogar weniger Alkohol trinkt.

In der deutschen Studie des ZI Mannheim sind das ganze 62 Prozent der Teilnehmer.

Speziell die Suchtforscher, die Pontius zitiert, erklären dazu, dass „manche Menschen“ in der Pandemie viel mehr Alkohol trinken – manche. Es ist nicht die Mehrheit, es ist nur ein gutes Drittel. Und ganze acht Prozent haben in der Umfrage des ZI Mannheim im Frühjahr 2020 angegeben, dass sie „viel mehr trinken“.

Das ist eine Minderheit. Doch diese Minderheit ist gefährdet, weil ihr Verhalten auf Sucht hinweist.

Die Expertengruppe aus Mannheim spricht die Gefahren dieses Verhaltens an: Risikogruppen, nämlich Menschen, die vorher schon regelmäßig oder viel Alkohol getrunken, die geraucht oder andere Suchtmittel genommen haben, brauchen in der Pandemie Hilfe.

Und ja, Pandemien sind ein Nährboden für Süchte. Gemeint ist: Süchte, die schon bestehen. Nicht: In der Corona-Pandemie werden Menschen reihenweise süchtig – „wir alle“, der Wunschtraum der Libertären zwecks Rechtfertigung ihres Menschenbildes.

 

„Wir sind alle kleine Sünderlein“

Pontius hat also wieder Pech gehabt – auch Studien und Umfragen bestätigen seine Thesen nicht. Aber es gibt ja noch den Expertentrick: eine Autorität zitieren, die die eigenen Spekulationen untermauert.

Dazu fragt Pontius niemanden, der sich mit Drogen, Sucht, Trinken, Alkohol auskennt, zum Beispiel aus der Suchtforscher-Gruppe im ZI Mannheim. Das wäre naheliegend gewesen, die hätten ihm auch gleich ihre Umfrage erklären, die Zahlen von 2020 einordnen und den neuen Stand 2021 durchgeben können.

Nein, Pontius fragt lieber einen Genuss-Soziologen. Über die – im Übrigen falsch verstandene – Plattitüde von „Wir sind alle kleine Sünderlein“ geht dessen Antwort nicht hinaus.

Das reicht dem Essayisten. Es ist systemstabilisierend, unkritisch, erklärt nichts und rechtfertigt jede Art von Rausch. So muss er weder seine eigenen Spekulationen noch seine Annahmen über die Gründe des Trinkens in Frage stellen.

Er kann bei seiner Nabelschau mit Pseudo-Belegen bleiben und sich am Ende nochmal als Corona-Trinker outen:

„Ich rechne mich zu den sozialen Trinkern, die auch ohne große Runden weiterhin Anlässe finden, ein Glas Wein einzuschenken – und das ist in Ordnung.

Denn der Alkohol ist nicht nur Quälgeist, nicht nur Fiepen im Ohr. Wenn die Welt schließt, die Kultur verstummt, das Reisen verboten wird oder wenigstens unangebracht ist, dann ist moderates Trinken ein letzter Zipfel Freiheit.

Was vorher schon galt, wird jetzt noch einmal deutlicher: Kontrolle heißt nicht automatisch Verzicht, Leben nicht automatisch Gesundheit.

Ich kann mich auch bewusst für eine maßvolle Dosis Gift entscheiden.

Das ist meine trotzige kleine Rebellion gegen das notwendige Korsett der Corona-Einschränkungen: der kontrollierte Kontrollverlust.“

Dabei zählt Pontius sich und seine Freunde übrigens nicht zu den Gefährdeten, obwohl er schildert, wie seine Gedanken ständig um den Alkohol kreisen oder wie sich eine Kollegin statt Tee neuerdings „hochprozentige Mischgetränke“ in die Thermoskanne füllt. Dieses Verhalten könnte in einem Test für riskanten Alkoholkonsum schon als problematisch durchgehen, kleiner Tipp. Den Link zum Selbsttest gibt es natürlich als Service am Ende.

 

Trinken. Aber nicht darüber schreiben

Mit seinen Bekenntnissen hat der Autor das Klischee der Genusskolumne jedenfalls ganz durchgespielt.

Leider konterkariert er nebenbei auch die Bemühungen der Ärztinnen, Psychologen, Suchtexperten, Präventionsmediziner – der Menschen, die ihre Kraft dem Kampf gegen Sucht und Drogenmissbrauch zu widmen.

Auf deren Studien verlinkt er zwar in dem Versuch, seine falschen Annahmen zu stützen. Ihre Bemühungen, auf die Gefahren des Drogen- und Alkoholkonsums in der Pandemie hinzuweisen, wischt er danach aber vom Tisch, denn Trinken ist ja „in Ordnung“.

Nun könnte einem dieses unbefangene Geklittere von Daten, Befunden und Zitaten, dieses Zurechtbiegen von Zahlen und Studien zugunsten einer feuilletonistischen These egal sein, hätten wir nicht eine Pandemie.

Wir haben aber eine. Und wir haben Alkohol und Drogen, wir haben Gewalt in Familien, wir haben Milieus, die durch noch mehr Alkohol und Drogen im „Kontrollverlust“ noch gefährlicher werden, zum Beispiel für Frauen und Kinder.

Da wäre es schön gewesen, wenn man sich am Ende zum – moderaten? – Alkoholkonsum bekennt, ohne ihn mit querdenkerischen Parolen von „Rebellion“, „Korsett“ und „letzte Freiheit in Zeiten von Corona“ zu versehen.

Mit anderen Worten: Wer in Zeiten der Pandemie trinken muss, sollte nicht auch noch darüber schreiben.

 

©Johanna Bayer

 

Alkohol ist der Tinnitus der Pandemie – Artikel bei ZEIT-Online mit Links zu Quellen.

Das Deutsche Weininstitut mit den Zahlen zum Corona-Jahr 2020

Selbsttest zum Alkoholkonsum der BZgA  – Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 

Übrigens: Alkohol schwächt das Immunsystem. Wer seinen Körper gegen Corona stärken will, tut also gut daran, weniger zu trinken, Quarkundso.de berichtete.

Geld und so in Zeiten von Corona: Spenden Sie jetzt!

Das bleibt natürlich völlig freiwillig. Einfach ins Sparschwein stecken, es steht mit diesem Bild oben rechts im Menü.

Visite beim NDR: Neues über Zucker und Kokain. Aus der Epoch Times.

In der NDR-Gesundheitssendung „Visite“ fällt eine Ärztin mit steilen Thesen über Zucker auf: Er wirke auf das „Suchtzentrum des Gehirns ähnlich wie Kokain“. Nicht nur Quarkundso.de fragt da nach. Aber leider kommt als Beleg ein Artikel der dubiosen Epoch Times. Ausgerechnet. Und das ist nicht der einzige Patzer. (Beitrag vom 25.10.2017)

 

Quarkundso.de wird ja inzwischen als allgemeine Auskunftei zu Essen und Gesundheit betrachtet.

Die Leute haben keine Hemmungen.

Da fragt ein unbekannter Follower über Twitter an, warum die Butter so teuer geworden, aber Biobutter nicht genauso im Preis gestiegen ist.

Eine Kollegin möchte wissen, was dran ist an der Behauptung, Mikrowellen zerstörten wichtige Stoffe im Essen und ließen Gifte entstehen, angeblich schon vor 30 Jahren entdeckt von einem Schweizer Arzt, der seither im Untergrund kämpft (so ähnlich).

Andere Blogger-Freunde verwickeln Quarkundso.de in eine Diskussion über Zucker als Droge, mittels Markierung auf Facebook. Was da dran sei, was ich so meine, und überhaupt.

Ich verspreche allen Antragstellern: Wir sind bemüht, Fragen sofort und ausführlich zu beantworten. Dabei widmen wir uns auch den wildesten Verschwurbelungen, wenn es nur um Essen geht.

Die Mikrowelle und die Butter mussten aber etwas zurückstehen, denn die langweilige Zucker-Nummer wuchs sich zu einer peinlichen kleinen Panne für den NDR aus. Und als gefundenes Fressen für Quarkundso.de.

Es geht um die Gesundheitssendung des NDR, die „Visite“. Das ist ein altes Flaggschiff in der Senderlandschaft. Eine der dort als Expertin auftretenden Fernsehärztinnen hatte in der Sendung vom 17.10.2017 vor Zucker gewarnt.

Ihren steilen Satz spielte die Redaktion online über Facebook, samt der Bemerkung, die WHO rate deshalb zur Begrenzung des Zuckerkonsums.

 

 

Zucker mit Kokain zu vergleichen ist einfach Quatsch

Bloggerin Irene Gronegger, ebenfalls im Gesundheitsbereich unterwegs, war darüber gestolpert. Zucker wirkt wie Kokain? Macht also wach, süchtig, hyperaktiv, ist eine gefährliche, suchterzeugende Droge, zerstört das Gehirn? Und das als Ärztin?

Die Kollegin fragte nach, und zwar bei der Pressestelle des NDR: Welche wissenschaftlichen Belege es denn gäbe? An diesem Punkt wurde Quarkundso.de herbeizitiert, man freute sich auf ein kleines Scharmützel.

Dabei passte uns das gerade gar nicht. Es war Mittag, wir waren hungrig, müde, erkältet, mussten trotzdem was abarbeiten und die Sache selbst ist doch schon längst ausgelutscht: Nein, Zucker als Stoff wirkt nicht wie harte Drogen, egal, was irgendwelche Amerikaner sagen, von Robert H. Lustig, dem Anti-Zucker-Aktivisten über David Ludwig von der Harvard-Universität bis zu Tosca Reno, der Clean-Eating-Päpstin.

Wissenschaftlich ist der Käse längst gegessen: Es gibt kein einziges Lebensmittel oder einen einzelnen Stoff in der Nahrung, der süchtig oder abhängig macht.

Auch nicht Zucker. Gegen Kokain, Heroin und selbst Nikotin sind alle Lebensmittel harmlos. Daher steht auch keines auf der Liste suchterzeugender Substanzen, sieht man mal vom Alkohol ab. Aber der ist kein Lebens-, sondern ein Genussmittel.

Quarkundso.de berichtete mehrfach.

Das rechtfertigt oder verharmlost nicht das übermäßige Verschlingen von Süßigkeiten. Aber es rückt die Verhältnisse gerade: Es ist nicht der Stoff Zucker, der körperlich abhängig macht und etwa wirkt wie ein Droge. Es ist das zwanghafte, übermäßige Essen, das Verhalten, das das Gehirn in einer bestimmten Region verändert, die die Fernsehärztin „Suchtzentrum“ nennt.

Korrekt heißt es Belohnungszentrum, und das erzeugt bei Dingen, die gelingen ebenso wie beim Naschen von Leckereien Glücksgefühle. Harte chemische Drogen ahmen diesen natürlichen Mechanismus nach und verzerren ihn stark, das macht sie so gefährlich.

Aber klar ist: Das ist schon eine ganz andere Nummer. Darüber sind sich alle Suchtforscher auf der Welt einig.

 

Immer wieder neu aufgekocht: Zucker als Droge

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Ob Essen oder irgendein Stoff im Essen trotzdem süchtig machen könnte, ist zur Sicherheit geklärt worden: Forscher haben im Auftrag der EU haben 2013 ein internationales Konsenspapier erstellt, das die Lage zum Thema Essen und Abhängigkeit – Food and Addiction – sondiert.

Demnach gibt es kein einzelnes Lebensmittel oder einen Inhaltsstoff, der abhängig macht wie eine Droge, die reinen Genussmitteln Alkohol und Kaffee ausgenommen.

Bisher sieht es nicht so aus, als ob sich die Einschätzung sich ändert.

Das heißt nicht, dass es nicht Menschen mit suchtartigem oder suchthaftem Essverhalten gibt. Und dass sie nicht genau die charakteristische Veränderungen im Gehirn aufweisen, die denen von Drogenkonsumenten ähneln. Oder tatsächlich eine suchtartige Gier nach Süßem, aber besonders auch nach Fettigem entwickeln könnten. Darauf sind wir nunmal biologisch geeicht.

Aber es geht dabei nicht um einen chemischen Stoff, der das Gehirn manipuliert. Sondern um das gestörte Verhalten und das ständige Wiederholen: Menschen werden nicht süchtig nach den Substanzen Zucker oder Fett. Sondern abhängig vom Essen als zwanghafte Handlung.

Die Mechanismen im Gehirn sind dabei tatsächlich immer dieselben. Die Veränderungen, die man beobachten kann, etwa im Kernspin, auch.

Egal, die Details mag jeder selbst nachlesen.

Hier geht es eher um die interessierten Kreise, die den wissenschaftlichen Konsens zu Zucker als Lebensmittel nicht akzeptieren. Sie haben auch nicht den gesunden Menschenverstand der Hausfrau, die Zucker in den Kuchenteig gibt, aber auch weiß, wann es zuviel ist.

Nein, die Verschwörer betrachten Zucker als Gift und kommen ständig mit denselben Behauptungen und Argumenten sowie angeblich neuen Belegen um die Ecke, spielen über Bande, schreiben oder zitieren unseriöse populistische Bücher, beziehen fragwürdige Informationen aus dem Internet und schwören auf angeblich neue Studien, wahlweise auch auf brisante Daten, die angeblich seit 60 Jahren unter Verschluss gehalten werden.

Darunter sind Fachleute, Ärzte und Journalisten. Erstaunlich, eigentlich. Das Ganze ist eine amerikanische Debatte, sogar eigentlich eine Kampagne, die nicht auf alle zu übertragen ist. Die entsprechenden Akteure sind auch alle von drüben, das ist kein Zufall.

 

Quellen: Epoch Times und das Interview mit einem Toten

Wir wollten also müde abwinken, dann aber wurde es lustig, denn Kollegin Gronegger bekam Antwort von der NDR-Pressestelle. Quarkundso.de erwachte aus der Lethargie, denn brühwarm landete die Mail des NDR bei uns auf dem Tisch.

Darin wurden als Belege zwei Links angegeben. Einer führte zur Epoch Times, einer zu den Deutschen Gesundheitsnachrichten.

Wie bitte, die Epoch Times? Das Kampagnenblatt der Falun-Gong-Bewegung, in seiner deutschen Ausgabe Lieblingspostille von AfD-Wählern und Rechtsextremen? So beschreibt zum Beispiel DIE ZEIT das fragwürdige Portal.

Auf keinen Fall kann ein Artikel aus einer solchen Schleuder als Quelle für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gelten, gar als Beleg für einen Sachverhalt aus Medizin und Wissenschaft.

Die andere Quelle leistet sich unter dem reißerischen Titel „Zucker wirkt auf den Körper wie Heroin“ leider ein peinliches Missverständnis. In wörtlicher Rede zitiert der Artikel Princeton-Forscher Bart Hoebel, als ob er gerade interviewt worden wäre.

Im Nucleus accumbens, dem Lustzentrum des Gehirns, löst „Zucker die Ausschüttung von Dopamin und Opioiden aus“, so Bart Hoebel von der Princeton University in New Jersey. Das Dopamin wird als Triebkraft hinter Drogensucht gesehen. Und die Opioide sind Substanzen, die eine betäubende Wirkung im Körper hervorrufen, indem sie sich an die Opioidrezeptoren binden. „Das Gehirn wird süchtig nach seinen eigenen Opioiden, wie es das auch bei Heroin und Morphin tun würde“, ergänzt Hoebel. Insgesamt erzielten Drogen eine größere Wirkung, aber im Wesentlichen sei der Prozess der gleiche, so Hoebel. Hoebel führt dies unter anderem auf eine durchgeführte Studie mit Ratten zurück.

Klingt gut, der Artikel ist allerdings von 2014. Und Bart Hoebel ist 2011 gestorben.

 

Huch, vertippt!

In solch einem Fall muss man leider feststellen: Das hätte der NDR nicht rausgeben sollen.

Bart Hoebel war übrigens ein sehr renommierter Forscher, dessen Arbeiten in Deutschland und anderswo fortgeführt wurden. Das Ergebnis ist aber nicht die platte Aussage, dass Zucker süchtig macht.

Die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de hatte inzwischen selbst der NDR-Pressestelle geschrieben und gefragt, was es mit diesen seltsamen Quellenlinks auf sich habe.

Die Antwort kam am Abend: Nein, nein, das, äh, sei nur ein Versehen gewesen, die Ärztin habe die Links nur nebenher in der Praxis rausgesucht. Das seien weder ihre Quellen noch die der Redaktion. Und die Redaktion habe sie lediglich weitergegeben, das seien „allgemeinverständliche Medien“.

Interessante Einschätzung.

 

Unbestritten, aber umstritten – was denn nun?

Ansonsten wurde uns erklärt, dass es bei Zucker „unbestrittene gesundheitliche Risiken“ gäbe – aber wissenschaftlich sei die Sache umstritten, es gebe ja „unterschiedliche Einschätzungen und Veröffentlichungen.“

Ah ja. Das haben wir natürlich verstanden: Schrödingers Zucker.

Dazu kamen neue Belege, darunter wieder eine dubiose Quelle, ein „Sleuthjournal“, das zur Sache auf ein esoterisches Naturkostportal verlinkt, eine ältere Arbeit von Bart Hoebel, die ins Konsenspapier der EU von 2013 eingeflossen ist – Ergebnis: Zucker macht nicht süchtig wie Kokain. Eine verfehlt das Thema und dreht sich um Angststörungen, eine weitere beschäftigt sich auch mit einem anderen Thema, übrigens ebenfalls auf der Basis von Bart Hoebel (ja, das war ein hoch renommierter Suchtforscher).

Soll heißen: Diese Quellen ändern nichts am Stand der Wissenschaft. Der entspricht weiterhin dem EU-Konsenspapier, es wurde erst letztes Jahr, 2016, international bekräftigt.

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Die hartnäckigen Zucker-Verschwörer haben dagegen keine harten Fakten in der Hand. Sie zitieren selektiv, interpretieren tendenziös und einseitig oder suggerieren Ergebnisse und Erkenntnisse, die es gar nicht gibt. Meistens spielt sich das in den USA ab, und das hat seinen eigenen Charme.

Natürlich wollen alle dabei nur das Beste, nämlich die Gesundheit schützen. Das ist ehrenwert, aber ein wenig aufpassen und auf unseriöse Thesen verzichten sollte man schon. Der gute Zweck heiligt nicht alle Mittel.

Diese ganze Zucker-ist-Droge-Diskussion wollen wir jetzt nicht weiter aufrollen. Das können Interessierte ja nachlesen.

Wir hingegen blicken kurz noch einmal auf das journalistische Handwerk und die redaktionelle Verantwortung, die der NDR nunmal hat.

 

Online geht noch einer

Denn im Netz lief es leider auch nicht rund.

Der Facebook-Post der Redaktion nämlich bauscht nicht nur den steilen Satz der Ärztin auf. Dazu bekräftigen die Onliner der Redaktion Visite auf Facebook:

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt deshalb auch nicht mehr als 25g Zucker am Tag.

Deshalb, aha. Das klingt, als warne die WHO vor Zucker wegen seiner drogenähnlichen Wirkung. Aber so ist es nicht. Ganz und gar nicht.

Die WHO warnte 2015 vor Übergewicht und Karies durch übermäßigen Zuckerverzehr. Das ist in der Begründung zur Empfehlung ganz klar. Von Sucht, Droge, Kokain oder sonstigen Gesundheitsgefahren ist nicht ansatzweise die Rede. Die WHO ist nämlich über den Stand der Wissenschaft orientiert.

Von wegen „deshalb“.*

Der Online-Kommentar ist einfach besinnungslos und ohne Kontrolle oder Recherche ins Netz geblasen worden. Wenn er nicht sogar aus der Redaktion stammt. Die hätte da doch besser aufpassen und nicht den tendenziösen Vereinfachungen aufsitzen sollen.

Die Sendung selbst sieht ihre Inhalte und Aussagen, gerade auch die vom 17.10. zum Zucker, als „wie immer gut recherchiert, und natürlich unbeeinflusst und unabhängig“ (aus der Moderation vom 17.10.2017). Schade, dass da niemandem, weder Pressestelle (Kommunikationsprofis) noch Redaktion (erfahrene Gesundheitsredakteure) aufgefallen ist, dass die Ärztin einen Link der Epoch Times verschickt.

Und keiner hat mal kurz in die Links geschaut und gesehen, was da zitiert wird. Keiner hat recherchiert, niemand hat kontrolliert und niemand schaut nach, was die Onliner treiben. Die geben einfach wieder, was Redaktion und O-Ton der Ärztin ihnen nahelegen.

Das wünscht man sich schon anderes, von einer Gesundheitsredaktion im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Und in den heutigen Zeiten. Es spielt Verschwörungstheoretikern in die Hände. Das sind die Leute, die sich zum Beispiel aus der Epoch Times, esoterischen Gesundheitsportalen oder Angeboten mit „Alternative News“ wie dem Sleuthjournal informieren.

Und das nicht nur über Zucker. Sondern auch über Chemtrails, Invasionen aus dem All und Reptiloiden.

©Johanna Bayer

*Die Online-Redaktion der Visite hat auf den Beitrag von Quarkundso.de reagiert und schnell ihren Facebook-Kommentar nach Erscheinen geändert. Das „deshalb“ ist gestrichen worden, Stand 30.10.2017 – ohne jede Anmerkung. Neuer Text: „Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt nicht mehr als 25g Zucker am Tag“.

Hinweis: Die Deutschen Gesundheitsnachrichten haben umgehend auf die Kritik von Quarkundso.de reagiert und in ihrem Artikel von 2014 vermerkt, dass Bart Hoebel 2011 verstorben ist. Sie möchten auch nicht als „dubioses Portal“ bezeichnet und mit den Epoch Times in einen Topf geworfen werden, da sie nach den Grundsätzen des Deutschen Presserates (Pressekodex) arbeiten. Ich habe daher den Text an dieser Stelle geändert. Meine Kritik an den Formulierungen im Artikel über Zucker und Bart Hoebel wird von der Redaktion in der Sache akzeptiert.

 

EU-Konsenspapier Food and Addiction (ältere Fassung von 2013 ist nicht mehr online).

Update 2020: Das Konsenspapier ist neu verfasst worden, hier die aktuelle Version. Noch immer gilt: Die Vorstellung von einzelnen Lebensmitteln, die süchtig machen, ist falsch.

Sendung Visite beim NDR vom 17.10.2017

Über die „Zuckerlüge“ von ARTE und die US-Kampagne