Archiv für den Monat: Juli 2015

WDR, SPIEGEL, SZ – ach was, alle: Essen bei Hitze – Tipps, bis der Arzt kommt.

 

Es ist heiß, diesen Sommer. Es ist so heiß, dass manche Leute wegen der Hitze weder essen noch schlafen können. Andere wissen gar nicht, was sie bei der Hitze tun sollten, außer essen und schlafen.

Ich zum Beispiel. Wenn ich nicht müsste, würde ich nicht arbeiten. Ich würde am See im Schatten liegen und nur aufstehen, um mich ab und an ein wenig im Wasser abzukühlen oder was zu essen.

Aber ich muss ja arbeiten. Folgerichtig habe ich Hunger.

Und wie an jedem Tag des Jahres fordert mein Körper am Mittag gebieterisch seine warme Mahlzeit ein. Ich beeile mich, ihm die zu liefern. Schließlich arbeitet mein System auch bei Hitze äußerst zuverlässig. Sommer- und Reise-Durchfall, Darmgrippe, Noro-Viren, Blähungen und Verstopfung sind ihm fremd, der Kreislauf ist stabil, und mein Magen ist eher das Modell Betonmischer.

Das Ganze bei Normalgewicht – da geht so einiges. Deswegen soll das System auch belohnt werden und bekommen, wonach es verlangt. So denke ich.

 

Gegen die Gesetze der Natur

Ich führe der Maschine also auch an heißen Tagen die nahrhaften Speisen zu, die sie verlangt. Davon gibt es in unseren gesegneten Breiten ja reichlich: Tafelspitz mit Salzkartoffeln, Wirsinggemüse und Meerrettich, gegrilltes Schweinskotelett mit Pommes Frites und Gemüse, Braten von Lamm, Schwein oder Rind, in Butter gegarten oder gegrillten Fisch, Nudeln aller Art, Tintenfisch, Reis, Steaks, Lasagne, Kartoffelgratin, vielerlei Gemüsebeilagen, ich wechsele gerne ab. Den Salat vorher und den Nachtisch hinterher muss ich hier ja nicht extra erwähnen. Kurz und gut, ich esse was Ordentliches, wie immer halt. Mein Körper will das so.

Aber damit liege ich total daneben. Ich verstoße gegen Naturgesetze, die Schöpfungsordnung und die Biologie des Menschen.

„Wir“ haben „bei der Hitze“ nämlich keinen Hunger. Schon gar nicht auf was Warmes. „Wir“ haben allenfalls Lust auf Obst, Kaltschalen, Rohkost und Salat. Bloß nichts „Schweres“, bitte kein Fett und um Himmels Willen nicht sowas wie Schmorbraten, nicht einmal Gegrilltes. Denn „unser Körper“ macht bei Hitze instinktiv das Richtige und will nur Früchte, Limo, Eis und ähnliche Kinderbelustigungen, weiß der SPIEGEL:

Zu träge, um aufzustehen und etwas zu trinken? Appetit auf Früchte, aber keine Lust auf ein zünftiges Schweineschnitzel mit ordentlich Soße? (…) Im Sommer gibt es viele Dinge, die wir im Hinblick auf unsere Ernährung automatisch richtig machen.

 

Ein Fall für die Wissenschaft

Ehrlich, seit ich das im SPIEGEL gelesen habe, bilde ich mir viel auf mich ein: Ich bin ein Sonderfall der Natur! Wer ist das schon? Wer läuft schon wartungsfrei mit einer Maschine, die total falsch bedient wird?

 

Teller mit geschmorten Ochsenbäcken und Kartoffelpüree

Ganz was Leichtes: Geschmorte Ochsenbäckchen und Kartoffelpüree. Temperatur: 36 Grad im Schatten. Gegessen: vor Zeugen am 22. Juli 2015 in München. System: läuft.

 

Ich möchte mich der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Und zwar sofort, nicht erst, wenn ich tot bin. Sondern jetzt, wo ich noch unter Aufsicht essen kann. Sonst hat die ja nichts davon, die Wissenschaft. Denn die Studienlage zum Essen bei Hitze ist schlecht.

Dafür wiederum gibt es harte Beweise, also für die Nicht-Wissenschaft. Für die mangelhafte Studienlagen, die fehlende Forschung.

Man sieht es an den vielen Artikeln, Berichten und Ratgeberbeiträgen, in denen es Tipps zur richtigen Ernährung bei Hitze gibt: Die Autoren haben keine wissenschaftlichen Quellen zu bieten. Egal, wo man hinschaut, bei SPIEGEL und STERN, beim WDR, der SZ und anderswo – eigentlich überall: keine Studien, keine Quellen, keine Literatur, nicht einmal irgendein Handbuch für Familien oder so.

 

Woher haben die das?

Trotzdem sind die Tipps erstaunlich einheitlich, ein festgelegter Kanon: Bloß kein fettes Essen. Bei der Hitze lieber viele kleine Mahlzeiten statt wenige große, das ist besser für den Organismus. Mittags kalt, das erfrischt. Warm ist zu schwer, Fleisch und Fett ebenfalls. Das belastet nur den Kreislauf. Salat ist die ideale Hauptmahlzeit, oder Obst, Rohkost, Jogurt. Ganz was Leichtes. Damit man den Kreislauf nicht zusätzlich überfordert, das tut ja schon die Hitze.

Ach ja, Kreislauf: Keinen Kaffee oder Tee, also nichts mit Koffein. Das belastet bekanntlich ganz besonders den Kreislauf. Lieber Saftschorlen trinken, sind auch Vitamine drin.

Letzteres stand im SPIEGEL, das mit dem Saft und den Vitaminen.

Sowas macht stutzig. Und wenn man einmal misstrauisch ist, fällt einem immer mehr auf. Zum Beispiel der Hinweis ganz am Ende des SPIEGEL-Artikels auf eine „ältere Version“. Aha, der Text wird wohl öfter mal wiederbelebt?

Logisch. Man muss ja nicht jeden heißen Sommer dasselbe recherchieren. Nimmt man einfach das, was vom letzten heißen Sommer übrig ist.

 

Irrte die Evolution?

Gut, die einen oder anderen haben jemanden gefragt. Mal einen Hausarzt, mal eine Ökotrophologin, mal einen Koch.

Die SZ zum Beispiel hat Holger Stromberg interviewt, einen Koch, der schon mal für ein paar Fußballer auftischen durfte. Auch Stromberg arbeitet den Kanon ab: „Grundsätzlich“ empfiehlt er im Sommer

…viel Salat, Rohkost, Obst und Gemüse, da sie neben vielen Mineralstoffen auch viel Flüssigkeit liefern. Je frischer, bunter und abwechslungsreicher, desto besser.

Was die Wissenschaft angeht, verlässt sich Stromberg sicherheitshalber auf die Traditionelle Chinesische Medizin. Er rät bei Jogurt und Gurken zu, bei Gegrilltem ab. Vor Grillfleisch („zu schwer, zu fett“) warnt auch der Arzt Dr. Thomas Kurscheid bei WDR.de. Er empfiehlt stattdessen „gekühlte Suppen“.

Kein Gegrilltes im Sommer? Dafür gekühlte Suppen? Man stelle sich den Aufstand vor, den es gäbe, wenn man Millionen Deutsche im Sommer am Grillen hindern und ihnen stattdessen kalte Suppe einflößen wollte.

Vor allem stellt sich jetzt die Frage: Irrte die Evolution? Müssen wir die Lehrbücher umschreiben, weil sich der am offenen Feuer grillende Homo erectus in der heißen Savanne heimlich von kühlen Süppchen ernährt hat? Haben Kaltschalen sein Gehirn wachsen lassen, unter der sengenden Sonne Afrikas?

Wohl nicht.

 

Irgendwie verwirrend, der SPIEGEL

Nun aber zum SPIEGEL. Da hat man sich abgesichert. Die Autorin hat für die SPIEGEL-Tipps die Herkunftsvariante „Ökotrophologin“ gewählt. Zumindest erweckt die Redaktion diesen Anschein.

Die Ökotrophologin arbeitet bei der ehrwürdigen DGE, der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Der SPIEGEL zitiert sie so: Generell gilt, dass viele kleine Mahlzeiten besser vertragen werden, Obst ist in der Mittagshitze gut als Snack, zum Beispiel wasserreichen Melonen. Von Fett rät die Ökotrophologin natürlich ab, auch von Kaffee. Bei Salaten rät sie zu. Und sie sagt, die Orientierung an den „Ernährungsgewohnheiten der Südeuropäer“ könne helfen.

Jetzt werde ich vollends misstrauisch. Die DGE hat doch ihr Dogma von den vielen kleinen Mahlzeiten schon vor Jahren fallen lassen müssen und aus ihren Regeln komplett gestrichen?

In den berühmten „10 Regeln für gesunde Ernährung“ der DGE gibt es jetzt überhaupt keine Empfehlung zur Häufigkeit von Mahlzeiten, weil sich die Behauptung mit den kleinen Mahlzeiten schlicht als nicht belegbar entpuppte. Stattdessen hat sich herausgestellt, dass viele kleine Mahlzeiten bei Erwachsenen dem Stoffwechsel schaden.

Und das mit Südeuropa ist irgendwie verwirrend. Da schwimmt doch alles in Fett, ob in Schmalz oder Olivenöl. Gegrilltes und Geschmortes sind an der Tagesordnung, warmes Essen mittags und abends selbstverständlich.

Dagegen gehen Salat und Obst auf keinen Fall als Hauptmahlzeit durch, ebenso wenig wie Jogurt und kalte Suppen. „Viele kleine Mahlzeiten“ oder „Snacks“ gehören auch nicht zur Esskultur. Das heißt: Die Tipps, die allerorten vergeben werden, orientieren sich offensichtlich nicht an der Lebensweise der Südländer.

 

Frau Gahl von der DGE macht es kurz: Da ist nichts

Es bleibt mir nichts anderes übrig, ich rufe da an, bei der DGE. Ich verlange die Frau, die der SPIEGEL zitiert. Ich will es wissen: Studien? Belege? Forschung? Lehrbücher der Biologie und Physiologie? Was belegt solche Tipps, wer sagt, dass wir instinktiv nach Früchten, Salat und Obst verlangen, wenn es heiß wird, wer sagt, dass Gegrilltes und Fett im Sommer nicht gut verdaulich sind?

Die Ökotrophologin hat Urlaub. Aber ihre Chefin, die Leiterin der Pressestelle, ist da. Auch gut. Und Antje Gahl von der DGE-macht es kurz und knapp: Es gibt keine Studien, die belegen, dass Kaltes im Sommer besser ist als Warmes. Dass fettarmes Essen im Sommer besser ist als Essen mit Fett, oder dass Essen mit Fett im Winter leichter zu verdauen wäre.

Es gibt auch keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Rohkost bei Hitze besser und bekömmlicher ist als im Winter. Oder dass Gurken, Obst, Jogurt und Saftschorlen das ideale und naturgegebene Essen des Menschen bei hohen Temperaturen ist. Oder dass der Körper „automatisch“ nach „Früchten“ verlangt, wenn es heißt ist.

Nein, Empfehlungen zum Essen bei Hitze gibt die DGE nicht. Sie hat dazu auch selbst nichts im Netz. Nein, sie selbst kann sich nicht vorstellen, dass ihre Kollegin derlei gesagt habe. Sie werde sie nach dem Urlaub fragen. Aber vielleicht ist da was ganz Altes recycelt worden? Nein, das mit den vielen kleinen Mahlzeiten, das raten sie nicht.

Sie empfehlen zu Essen bei Hitze – nichts. Denn das ist nicht nötig, und die Studienlage, sagt sie, ist da ganz dürftig. Jeder kann und soll das essen, was er mag, bei Hitze.

Was die Herkunft solcher Ratschläge angeht, vermutet sie, dass da einiges zusammengeschrieben wird, aus viel älteren Publikationen, zum Beispiel einem Uralt-Papier der DGE von 1998. Das steht bei der DGE schon gar nicht mehr im Netz.

Oder dass man sich die Tipps aus gewissen Prinzipien herleitet, eher: aus den Fingern saugt, die aus der Senioren- und Krankenkost kommen. Wenn Menschen Leberschäden oder eine gestörte Gallenfunktion haben, im Krankenhaus liegen oder im Pflegeheim, zum Beispiel.

 

Ein Wort reicht

Sicherheitshalber rufe ich noch jemanden an. Es ist Prof. Dr. Johannes Erdmann, er hat den Lehrstuhl für Ernährungsmedizin an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Ich schildere ihm alles, ich frage ihn: Woher kommt das? Warum geben so viele Blätter solche Tipps? Gibt es wissenschaftliche Belege, Literatur? Sagt die Ernährungsmedizin, wie wir bei Hitze essen sollen, was die menschengemäße Nahrung bei Hitze ist – und dass es Obst, Jogurt und Rohkost sind?

Herr Erdmann schont seinen Kreislauf, bei der Hitze.

Und antwortet, auch weil er Schwabe ist, äußerst sparsam.

Er sagt: „Nö.“

 

Gefühltes Wissen

Ich lege auf. Ich bin erschüttert. Jetzt ist es klar: Ein multimediales Komplott will meinem funktionierenden System Schonkost aufzwingen. Journalisten, Köche, zweifelhafte Ernährungsberater haben sich verschworen, nach gefühltem Wissen allen Menschen den Speiseplan von Magersüchtigen vorzuschreiben – Rohkost und Jogurt. Allen den Seniorenteller reinzuwürgen, damit der Kreislauf geschont wird. Und ohne echte wissenschaftliche Information immer dasselbe voneinander abzuschreiben und wieder aufzulegen.

Bei der Service-Redaktion des WDR ist das nett anzusehen. Die Tipps stammen nämlich schon aus dem Jahr 2013 und wurden im Juni 2015, als es heiß wurde, wieder online gestellt.

Bild und Text sind weitgehend identisch, auch so hübsche Patzer wie diese Liste hier, unter Tipp Nr. 7:

Um den Kreislauf möglichst wenig zu belasten, stehen auf dem Speiseplan am besten leichte Kohlenhydrate: Pasta, Reissalat, Salate, Obst, Käse, Fisch, mageres Fleisch. (WDR, fett im Original)

Diese Liste ist an sich ist eigentlich nicht satisfaktionsfähig. Deshalb kein Kommentar dazu, welche Lebensmittel der Reihe dort oben hauptsächlich Kohlenhydrate enthalten und welche nicht.

Lohnender ist die Frage, ob es sowas wie „leichte“ Kohlenhydrate gibt. Die Antwort ist: nein. Kohlenhydrate sind nicht „leicht“. 100 Gramm Nudeln haben dreimal mehr Kalorien als mageres Fleisch oder magerer Fisch, und selbst fetter Fisch wie Aal kommt weder an Nudeln noch an Brot dran. Kalorientabellen geben Auskunft.

Oder was war jetzt mit „leicht“ gemeint? Verdaulichkeit? Verwertbarkeit im Organismus? Beides Fehlanzeige. Fett ist genauso leicht verdaulich wie Kohlenhydrate, es verbrennt fast rückstandslos im Körper. Kann man auch nachlesen.

 

Die Südländer: ein unberechenbarer Menschenschlag

Das mit dem Fett hatten wir schon geahnt, instinktiv. Ich meine, die Menschen am Mittelmeer, deren Essen in Öl schwimmt, und ich. Aber überhaupt machen diese Südländer Sachen, mit denen eine Service-Redaktion im WDR keinesfalls rechnen kann.

So warnt der Sender geflissentlich unter Tipp Nr. 4 vor Koffein, unisono mit allen anderen Tippgebern. Denn Koffein putscht den Kreislauf angeblich erst auf und lässt ihn dann absacken, weswegen koffeinhaltige Getränke in der Hitze nicht empfehlenswert seien, beim WDR warnend fett gedruckt.

Dann gibt es aber noch Tipp 8. Da geht es um die passende Kleidung bei Hitze: keine engen Hosen oder Oberteile, lieber weite, lässige Stücke. Das leuchtet ein.

Den Beleg bietet ein Foto, auf dem ein Beduine mit seinem Kamel zu sehen ist. Der Mann ist eingehüllt in blaues Tuch, eben die angeratene lose sitzende Kleidung. Die kennen sich ja aus, diese Wüstenvölker und machen garantiert alles richtig.

Doch halt – alles richtig? Das kann nicht sein. Denn der Beduine sitzt nicht einfach so da. Er macht auch etwas, auf dem Bild.

Er macht sich einen Kaffee.

Gerade gießt er kunstfertig aus einiger Höhe den schwarzen Sud mit dem kreislaufschädigenden Nervengift in eine Tasse. Der Mann ist sichtlich stolz auf seine Kultur. Und es dämmert der naiven Betrachterin, dass tatsächlich irgendwelche Wilden in sehr warmen Gegenden das mit den koffeinhaltigen Heißgetränken erfunden haben.

Weil es so schön ist – hier ist der Beleg im Bild: Beduine macht sich Kaffee – bei der Hitze!  Stand 6.8.2015, Link überprüft.

Was sich aber die WDR-Service-Redaktion dabei gedacht hat, also bei den Tipps, dem Bild, den Menschen im Süden, dem Kaffee, dem Kreislauf und dem Koffein, liegt nun nachweislich schon seit mehreren Jahren im Dunkeln.

Ich will daran nicht weiter rühren. Aber amüsiert habe ich mich nicht schlecht, was übrigens sehr anregend auf den Kreislauf wirkt.

 

Wie essen diese Südländer eigentlich – bei der Hitze?

Widmen wir uns noch ein wenig den Südländern. Mit denen ist es so eine Sache. Seit eine der größten Wissenschaftsfälschungen unserer Zeit aufgeflogen ist, nämlich die über die angeblich fleisch– und fettarme mediterrane Diät und den Herzinfarkt, wissen wir: Das, was Leute im Norden für die Essgewohnheiten der Südeuropäer halten, essen die da unten nicht. Die essen ganz anders.

Zum Beispiel essen sie zweimal warm. Da schreckt der Deutsche zurück. Das ist ungehörig. Man isst, wenn man mittags oder abends warm isst, ansonsten Brot. Brot auf Brettchen, Wurst, Käse, saure Gurke. Wenn es modern sein soll, einen „knackigen Salat“. Aber doch nicht zweimal warm!

Es kommt noch dicker: Das Mittagessen, mitten in der größten Hitze, ist die Hauptmahlzeit. Das gilt für alle heißen Länder – Italien, Spanien, Mexico, Griechenland, Marokko, die Türkei, ganz Arabien, Indien, Südostasien – überall, wo es warm ist. Ja, das Mittagessen ist traditionell die Hauptmahlzeit. Das heißt: Mittags wird von alters her die größere Kalorienmenge eingefahren, es gibt mehr als abends und morgens, zum Beispiel Fleisch und Fisch, gegrillt und öfter noch geschmort. Abends gibt es nochmal warm, aber meist ein kleineres Menü.

Richtiges Essen, mittags, bei der Hitze! Das kann man sich hierzulande buchstäblich nicht vorstellen. Erstens geht es ja, wie wir gesehen haben, gegen die Gesetze der Natur. Und was wissen diese Südländer schon von der Biologie des Menschen.

Wichtiger ist aber vor allem, dass so ein warmes Mittagessen schwer den Betriebsablauf stört. Vor allem bei Hitze, im Sommer. Das weiß der Ingenieursgeist des blassen Nordmenschen. Und mit Missvergnügen sieht er zu, wie dieses verlotterte südländische Pack sich, wenn die Sonne am höchsten steht, in die Hängematte der Evolution fallen lässt – ins physiologische Mittagstief.

Sie schließen ihre Geschäfte, essen ihre heißen, schweren Schmorgerichte und ihr fettiges Grillgut, und dann halten sie Mittagsschlaf. Siesta. Il sacro pisolino, wie es auf Italienisch heißt, „das heilige Nickerchen“.

Die schlafen! Nach einem warmen Mittagessen! Skandal!!!

Deshalb arbeiten die reichen, kühlen Länder bekanntlich energisch daran, den faulen Griechen und allen anderen Südländern ihren Schlendrian auszutreiben.

 

Leben und Essen bei Hitze – die ultimativen Tipps

Trotzdem möchte man zaghaft anmerken, dass am Süden nicht alles schlecht ist. Man fährt wegen der Lebensweise und des Essens auch gerne da hin. So falsch kann das nicht sein. Und vielleicht ist das Leben dort an die Hitze sehr gut angepasst?

Wenn mich jemand um Tipps bitten würde, und ich endlich auch mal der ganzen Welt vorschreiben dürfte, was sie bei Hitze zu tun hat, dann wüsste ich, was ich sagen würde. Ich würde – gefühlt – herleiten, was die Evolution bei großer Hitze für Menschen vorgesehen hat.

Wobei Quarkundso.de aus Prinzip keine Tipps gibt, das soll an dieser Stelle deutlich gesagt werden. Das Folgende ist also nur für den Fall, dass im Ressort „Gefühltes Wissen“ mal eine Stelle frei wird, beim SPIEGEL, beim WDR, bei der SZ oder einem anderen Qualitätsmedium.

Wenn man also die Menschen in heißen Ländern nicht alle für faul und ungebildet hält, kommt so ungefähr das raus:

 

  • Weite, lockere Kleidung für alle, also für Männer und Frauen, sowas wie Sarongs oder flatternde Beduinenkutten. Offene Schuhe ohne Socken, Flip-Flops auch im Büro. Das passt zur Hitze, wie schon die alten Römer und Griechen wussten. Die trugen Toga und Sandalen, auch im Senat.
  • Nicht oder nur wenig arbeiten bei großer Hitze. Geeignet sind der Vormittag und der Abend. Das reicht auch.
  • Bei starker Hitze im Schatten oder im Haus bleiben. Bei unvermeidbaren kurzen Aufenthalten im Freien sind Sonnenhüte Pflicht.
  • Keine körperliche Anstrengung in der Mittagshitze. Das ist so ungefähr von 12.00 bis 17.00 Uhr.
  • Keine Mittagspause unter zwei Stunden.
  • Mittags reichhaltig essen. Warm. Das ist leichter verdaulich, hochwertiger, vielseitiger und nahrhafter. Dazu viel Wasser trinken.
  • Danach schlafen. Mittagsschlaf für alle. Erst in der Abendkühle wieder ausgehen oder arbeiten. Keine Snacks. Keine Zwischenmahlzeiten.
  • Die Lebensweise der Südländer aufmerksam studieren und davon lernen. Für die Hitze. Schließlich steht uns der Klimawandel bevor.

 

Ich finde, dieser Tipps sind mindestens so gut wie das Verbot von Kaffee, der Zwang zu Rohkost und Kaltschalen, oder der Versuch, uns das Grillfleisch madig zu machen. Für mich zumindest. Nach bestem gefühlten Wissen. Oder hat jemand andere Quellen?

 ©Johanna Bayer

Links

Tipps im SPIEGEL

Tipps im WDR

Süddeutsche Zeitung

Und noch ein Link: In heißen Ländern isst man scharf, fettig, geschmort, würzig. Chili con Carne  in Mexiko, deftige Eintöpfe aus der Tajine, dem Schmortopf Nordafrikas, perfekt für das Wüstenklima, gibt von Marokko bis Tunesien. Auch die Ungarn können es, in der heißen Puszta: ein feurig-heißes Kesselgulasch! Hier noch ein Tipp von Peter Posse auf seinem Blog Reisewege-Ungarn.de, ein schönes Rezept für gefüllte Paprikaschoten. Mit ordentlich Schweineschmalz und Schweinehack, versteht sich, und aus einem ungarischen Kochbuch.

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

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