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Das ZDF testet Luxus aus dem Discounter – Gourmet geht auch billig. Hallo?

 

Viele Champagner-Gläser auf einem Tablett, nah.

Luxus für alle – her mit dem Champagner aus dem Discounter!

Das ZDF ist inzwischen ja Schnäppchen-TV, ein Shoppingkanal für Billigkäufer. Unentwegt beweist dort Sternekoch Nelson Müller mit der Hilfe angeblicher Freunde, wie gut Lebensmittel aus dem Discounter sind.

Seine Redaktion von ZDF:zeit denkt sich dazu einen Test nach dem anderen aus, das Ergebnis ist immer: Netto, Aldi und Lidl haben nicht nur Schrott im Sortiment, man kann dort eine Menge Geld sparen, und das teure Zeug aus dem Einzelhandel muss nicht sein – es geht auch billig.

Abgesehen davon, dass das keine Nachricht ist, befremdet der Ansatz inzwischen. Denn selbst wenn Lebensmittel im Discounter billiger und nicht immer schlecht sind – wollen wir da kaufen?

Wollen wir dieses System?

Wissen wir nicht schon genug über das Preisdumping, das Verramschen hochwertiger Lebensmittel, die Ausbeutung der Produzenten und Bauern, die niedrigen Löhne und oft schlechten Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter?

Sind wir uns nicht inzwischen einig, dass es gutes Essen nicht zu Schleuderpreisen geben sollte, bekunden wir nicht wieder und wieder in Umfragen, wir seien bereit, mehr Geld für gute Ware auszugeben, wenn es dafür den Tieren und der Umwelt besser geht?

Tja. Scheinbar nicht, oder nicht genug.

Das ZDF jedenfalls beraubt die Deutschen ihrer Lebenslügen, vielleicht holt es die Menschen aber auch einfach dort ab, wo sie sind. Deshalb appelliert es Folge für Folge an die niedrigsten Instinkte des kleinen Mannes und führt vor, dass es sich gar nicht erst lohnt, mehr Geld für Essen auszugeben, wenn man auch billig Futter horten kann.

 

Lieblingsplattitüden der Geiz-ist-geil-Denke

Und so hämmert der treuherzige Nelson Müller den Zuschauern neben scheinbarer Konsumkritik unaufhörlich die Lieblingsplattitüden der Geiz-ist-geil-Denke ins Hirn: „Ich bin doch nicht blöd!”, “Ich gebe doch nicht mehr Geld aus als ich muss!“, „Billig ist nicht immer schlecht, und teuer ist nicht immer gut!“

Passend dazu ging es letzten Dienstag, am 21.3.2017, um Feinkost aus dem Discounter, also um Produkte, die oben im Regal stehen, optisch etwas aufgemotzt, leicht höher im Preis als das sonstige Sortiment, und bedruckt mit Bezeichnungen wie „Gourmet“, „Feine Welt“ oder „Delikatess“.

Ja, Luxus gibt es nämlich auch beim Discounter!

Nein, gibt es natürlich nicht. Wie soll das auch gehen, im Massengeschäft. Und warum.

Aber das konnte das ZDF ja nicht wissen, also, es musste so tun, als wisse es das nicht. Sonst hätten die Macher ihre Sendungsfrage nicht stellen können: Was kriegt der Verbraucher für sein Geld? Ist Luxus drin, wo Luxus draufsteht? Wie gut sind die Gourmetangebote, schlagen sie gar echte Delikatessen aus dem Feinkostladen?

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Jeder normale Mensch mit einem Funken Restverstand im Gierzentrum konnte an der Stelle umschalten. Denn auch dem dümmsten Verbraucher muss inzwischen klar sein, dass es im Discounter keinen Luxus geben kann.

Bei Kik gibt es ja auch keine Lagerfeld-Couture. Und den japanischen Reiskocher mit scheppernden Türen hält keiner für einen Jaguar mit Ledersitzen und Mahagoni-Armatur.

Das merkt doch keiner!

Bei Lebensmitteln allerdings gilt der Sinn für Qualität, wie man ihn bei Mode oder Autos schlicht voraussetzt, als nicht existent. Nie. Da sind sich alle Schnäppchenjäger-Redaktionen einig: Das merkt doch keiner! Da schmeckt man doch gar keinen Unterschied! Das ist doch genauso gut, auch wenn es billig ist!

Nur weil es diesen versteckten Konsens gibt, kann das ZDF beharrlich seine Tests nach dem Strickmuster „Billiges gegen Markenware“ auflegen.

Das Ergebnis muss aber auch stimmen, sonst schalten die Zuschauer ab, das Storytelling funktioniert nicht und die Redaktionsleiterin schimpft, weil sie Budgetkürzungen fürchtet, wenn die Quote absackt.

Auch wenn also durchaus Kritisches und Aufklärendes im Beitrag ist – es muss todsicher an den entscheidenden Stellen das Richtige rauskommen, damit das Aldi-Einfach-gut-Weltbild des Verbraucher/Zuschauers ungeschoren bleibt. Dazu gibt es in der Trickkiste des Service-Genres das passende Werkzeug:

Trick 1: Tests mit ein paar Hausfrauen, Schrebergärtnern, Stammtischbrüdern, Rentnern oder Normalos in der Fußgängerzone. Wenn beim ZDF vier Omas am Kaffeetisch Eierlikör oder Schnapspralinen nach ihren Vorlieben bewerten, kommt mehrheitlich sicher raus: Das Billige schmeckt aber auch gut!

Trick 2: Vergleiche von Ware aus industrieller Massenproduktion wie No-Name-Discounterzeug grundsätzlich nur mit Produkten aus industrieller Massenproduktion, also von Großfirmen, die ebenfalls in riesigen Mengen Supermärkte beliefern. Denn merke: Alles, was in großen Massen produziert wird, entsteht in denselben Industrieprozessen, besteht schon aus technischen Gründen aus ähnlichem Material und ist im Geschmack sehr ähnlich, da an die Vorlieben der breiten Masse angepasst. Deshalb kommt praktisch immer raus, dass die Unterschiede nicht groß oder gar nicht erst vorhanden sind.

Trick 3: Grundprodukte mit wenigen Zutaten nehmen – Schinken, Lachs, Käse, Kaffee. Da kann es nur große Differenzen geben, wenn die Discounter wirklich im Warenwert pfuschen oder so runtergehen, dass sie im Wettbewerb mit Supermärkten Nachteile befürchten müssten. Das tun die aber nicht. Die sind doch nicht doof. Die wollen verkaufen. Deshalb drücken sie lieber bei ihren Lieferanten die Preise, machen eine Mischkalkulation und verkaufen teils gute Ware zum Schleuderpreis. Dann kommt beim Test garantiert raus: Billig kann auch gut sein!

Trick 4: Einen aufwändigen Test an einem wissenschaftlichen Institut machen, ihn aber hinterher so interpretieren, dass er das gewünschte Ergebnis bringt. Einen dabei nicht ins Konzept passenden O-Ton des Fachmannes kann man ignorieren, aus dem Zusammenhang reißen, schneiden oder verzerren, um das genehme Fazit zu ziehen, wie das Doku-Team von ZDF:zeit bravourös vorführt.

 

Was wem schmeckt, ist kein Zufall

Alle Tricks sind auch miteinander kombinierbar, und Trick 4 ist natürlich die Königsklasse.

Der Sender kann sich Kategorie 4 locker leisten, immerhin stehen pro Hochglanz-Produktion von ZDF:zeit im Schnitt 250.000 Euro zur Verfügung, da darf es auch mal ein eigener Versuch mit 100 Probanden sein. Also hat man ein seriöses Institut beauftragt, das auf Konsumenten- und Marktstudien spezialisiert ist. Das hat die Versuchsteilnehmer nach repräsentativen Gesichtspunkten ausgewählt und die Proben blind verkosten lassen. Schließlich sollte es ja wissenschaftlich zugehen.

Lachs, Schinken, Parmesan und Champagner vom Discounter schmeckten – Überraschung! – den 100 Probanden trotz erheblicher Preisunterschiede ziemlich gleich gut. Die exakten Ergebnisse hat das ZDF sicherheitshalber natürlich nicht präsentiert. Wo kämen wir denn da hin. Nein, die Rede ist von „kann mithalten“, „schmeckt so gut wie“ oder „schmeckt genauso gut“.

Fazit Sprechertext:

„Die Wissenschaftler messen bei diesen vier Produkten keine signifikanten Geschmacksunterschiede. No-Name – so lecker wie Markenluxus.“

Quarkundso.de, von Haus aus kleinlich, muss da natürlich beckmessern: Dieses Fazit ist schonmal raffiniert falsch formuliert, ganz, wie es die Trickkiste vorschreibt.

Denn was der Test gezeigt hat, ist nur das: Die 100 Leute haben kleine Unterschiede in der Geschmacksbewertung abgegeben, sonst haben ihnen die Produkte im Großen und Ganzen gleich gut gefallen wie teurere Ware aus dem Einzelhandel.

Solche subjektiven Geschmacksurteile sagen aber überhaupt nichts über die Eigenschaften der Produkte, ihre Qualität, und etwaige Unterschiede aus. Sie sagen nur etwas über die Vorlieben der Versuchsteilnehmer, die, da repräsentativ zusammengestellt, dem Durchschnittsdeutschen entsprechen.

Schon die Frage hat das wohl so vorgegeben, die lautete nämlich sicher nicht: „Beschreiben Sie den Geschmack genau und finden Sie Unterschiede zwischen den Produkten heraus“. Die Frage war: „Wie schmecken Ihnen diese beiden Produkte? Benoten Sie auf einer Skala von 1, sehr gut, bis 6, ungenügend.“

Die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de hat das knallhart recherchiert, indem sie sich nächtens im Keller Frame für Frame durch die Doku gequält und in der richtigen Millisekunde angehalten hat. Hier der Beleg im Bild, die Bewertungsmaske im Labor des Marktforschungs-Instituts, aus der ZDF-Doku bei TC 7:23:

 

Kleiner Bildschirm mit Bewertungen von 1 bis 6, Hand

Screenshot aus der ZDF-Doku

 

Ist Luxus nur Schwindel?

Man kann sich das auch von einer anderen Warte ansehen. Beim Champagner hält der Billigfusel angeblich im Vergleich zu Moet&Chandon mit. Dabei ist er weniger als halb so teuer!

Was sagt uns das? Dass die echten Luxushersteller uns alle betrügen? Das mag Konsens in der Schnäppchenjäger-Branche sein, stimmt aber nicht.

Es sagt gar nichts. Denn erstens ist Moet nur ein bestenfalls mittlerer Champagner, dessen Hersteller gerne auch günstige Abfüllungen in die Supermärkte drückt – ein Großerzeuger gemäß Trick 2.

Dann kommt noch hinzu, dass Otto Normalverbraucher halt kein Feinschmecker ist, mit einem differenzierten Gaumen und weitläufiger Erfahrung ist. Der mag es eher mittel und schätzt ganz bestimmte, recht gut definierbare Reize. Ein Champagner gefällt, wenn er nicht so trocken sondern eher süßer und fruchtiger ist, er schmeckt, wenn die Brause etwas kräftiger im Glas perlt und nicht so stark riecht.

Das generell Süßlichere ist übrigens die dominante Geschmacksmerkmal im Massenvertrieb. Darauf sind Billigflaschen ausgerichtet, siehe Trick 1 und Trick 2, beim ZDF noch In Kombination mit Trick 4.

In diesem Setting muss der billige Champagner gewinnen, übrigens ist es da auch kein Zufall, dass sogar der gepanschte Frizzante-Fusel bei Nelsons Gästen gar nicht schlecht ankommt. Auch derlei schmeckt der einschlägigen Zielgruppe besser als hochwertige, komplexe Winzeroriginale. Die gibt es handverlesen im Weinladen, aber nicht im Supermarkt und schon gar nicht im Discounter.

Aber so etwas haben die ZDF-Tester gar nicht erst in die Verkostung genommen, und wenn, wäre eine solche Flasche bei dem Normalo-„Schmeckt-mir“-Test komplett durchgefallen.

Ach ja, wer das nachlesen will: Es gab schon Bewertungen des Penny-Champagners „Comtesse Marie Louise“, der beim ZDF mit Moet “mithalten” konnte. Da waren feinere Zungen am Werk, Weinkenner. Das Manager-Magazin hält die Comtesse zum Beispiel gar nicht erst für satisfaktionsfähig – probiert und gleich weggeschüttet.

Auch die Stiftung Warentest hat sich schon einschlägig geäußert. Da wurde der Marie Louise 2010 bescheinigt, dass sie „relativ viel Zucker enthält“ und daher fast aus der Kategorie brut, herb, rausfliegt, typisch für den Discounter-Geschmack. Der Kunde mag das so. Deshalb mag er echte Luxusprodukte gar nicht erst – zu sauer, zu bitter, zu komische Aromen.

 

 

Auf Masse getrimmt

Das muss man erstmal schlucken: Alles, was im Supermarkt und noch mehr im Discounter vertrieben wird, ist auf diesen Geschmack der Masse getrimmt, sonst läuft es im Sortiment nicht.

Typische Kundenvorlieben werden daher schon von den Herstellern und Einkäufern als Messlatte angelegt, und oft in eigenen Konsumenten-Befragungen geprüft.

Dem gesamten Drehteam samt Nelson Müller sind solche Feinheiten aber völlig wurscht. Die blieben stringent bei der eigenen Story: „Schmeckt mir“ bedeutet, dass der Fusel mit Namen Marie Louise genauso gut ist wie das immerhin solide Haus (der “Marke”) Moet.

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Der aufrechte Versuchsleiter des Konsumforschungsinstituts hat gegen die festgelegte Dramaturgie keine Chance.

Beim Kaffee versucht er es:

Das Interessante ist, dass hier eben im Gegensatz zu dem teureren und augenscheinlich besseren Produkt aus einer Kaffeerösterei das Produkt aus dem Supermarkt gewonnen hat. Das teurere Produkt aus der Rösterei ist nicht der schlechtere Kaffee. Sondern der Geschmack des Rewe-Kaffees scheint massentauglicher, da er ausgewogener erscheint.

Der Mann ist vom Fach und hat natürlich Recht. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Der Manufaktur-Kaffee hat wohl ein paar Ecken und Kanten gehabt, vielleicht mehr Säure, andere Aromen, mehr Röst- und Bitterstoffe. Das mag der Normalkaffeetrinker nicht. Der mag Standard, am besten jeden Tag im Leben gleich.

Was der Experte aber sagt, kümmert das ZDF beim Fazit zum ganzen Test nicht die Bohne – Sprechertext:

Unsere repräsentative Untersuchung zeigt: Luxus vom Discounter schmeckt so gut wie teure Feinkost.

Und Sternekoch Nelson Müller setzt noch einen drauf:

Das ist wirklich absolut überraschend – ob Lachs, Kaffee, Schinken, sogar Champagner als No-Name-Produkt genauso lecker wie teure Feinkost, bedeutet für mich: Geschmack muss nicht unbedingt teuer sein.

Der Mann weiß es eigentlich besser. Aber das ZDF zahlt ihn gut, da muss er das sagen, was dem Discounter-Kunden und dem eigenen Publikum (Schnittmenge L = 100) gefällt. Selbst wenn es genau das Gegenteil von dem ist, was der Fachmann im O-Ton klarstellt.

Königsklasse halt.

 

Fake-Gourmet und Luxusattrappen

Nun ist Quarkundso.de zwar bekannt streng. Aber auch  gerecht. Daher darf festgestellt werden: Beim ZDF hat man sich stets sehr bemüht.

Die Kritik an dem Büffel-Mozzarella ist gut – es ist wichtig, zu zeigen, dass eine blinde Schlaraffenland-Illusion mit “Luxus für alle” auf Kosten von Tieren und Umwelt geht.

Auch gibt es im Film unter anderem einen Test mit Parmesan, da darf eine Käse-Spezialistin ran. Die rammt den Billig-Riegel in Grund und Boden und lobt den teureren Parmesan von Rewe “Feine Welt”. Auch eine angebliche Luxus-Leberwurst von Lidl “mit Preiselbeeren”, angeblich „Delikatess“, fällt durch, als ein Metzgermeister sie sich vornimmt.

Richtig so. Fachleute bewerten halt nach den Regeln ihres Handwerks. Und das hält der Sprechertext immerhin fest: Angeblicher No-Name-Luxus ist allzu oft eine Luftnummer.

Der amüsanteste Test ist der mit den Sushi-Packungen, die von einem echten japanischen Sushi-Meister zerlegt werden. Herrlich, wie er mal spuckt und prustet, sich schüttelt vor ästhetischem Ekel, oder sich kaputt lacht.

Und da geht`s lang: Besondere Lebensmittel haben nicht nur ihren Preis. Sie entstammen hoher handwerklicher Kunst, haben Tradition und ihren eigenen Charakter. In Sushi gehört keine Paprika, in eine gute Leberwurst passen keine Preiselbeeren.

Das ist alles Fake-Gourmet – Luxus-Attrappen, die den unkundigen Billigkäufer einfach nur zum Geldausgeben verführen sollen. Noch dazu ist es Gepansche aus dem Brevier des schlechten Geschmacks. Aber es sind keine Delikatessen.

Echte Luxusware gibt es nicht im Supermarkt und schon gar nicht im Discounter – dieser Schwindel muss endlich aufhören. Wer meint, sich Luxus bei Lidl kaufen zu können, reißt sich auch eine Tüte Hühnersuppe auf und findet: „Schmeckt wie bei Oma!“.

Und er hat immer Recht. Erstens, weil es nunmal sein Geschmack ist.

Dann aber auch, weil schon seine Oma Tüten aufgerissen hat – seit Generationen verlieren Massen von Menschen ihren guten Geschmack.

Auch, weil seit 170 Jahren Lebensmittel verpfuscht und verpanscht werden, weil man Echtes billig nachbaut und dem Verbraucher als angeblichen „Luxus“ präsentiert, weil der industrielle Einheitsgeschmacks in Fertiggerichten und dem Massenvertrieb die ganze Bevölkerung durchseucht.

Es hilft daher nichts: Wer zum Discounter geht, kann teilweise annehmbare Grundprodukte zu beschämend niedrigen Preisen bekommen. Wer Luxus will, muss ihn bezahlen und das teure Feinkostgeschäft seines Vertrauens aufsuchen. Aber nicht Netto, Aldi, Lidl und Co.

 

©Johanna Bayer

Die ganze Doku vom 21.3.2017 in der ZDF-Mediathek

Manager-Magazin zu Billigchampagner, u.a. “Comtesse Marie Louise” von Penny

Stiftung Warentest von 2010 – Achtung, natürlich kann sich seitdem die Qualität der Comtesse geändert haben. Ist aber unwahrscheinlich.

Dürfen Köche Geld verdienen? WDR und SWR porträtieren Alfons Schuhbeck

Löffel mit Paprika, Curry, Gewürzen, Salzkörner, Nahaufnahme

Reich mit Gewürzen – darf das ein Koch?
Bild: Shutterstock / Eugenia Lucasenco

 

Das klang spannend: Eine Sendung darüber, womit Promi-Köche, die im Fernsehen auftreten, “wirklich” ihr Geld verdienen, Titel: „Kochende Geschäfte“.

Die Dokumentation ist von WDR und SWR und lief 2015 beim WDR in der investigativen Reihe „die story“, der SWR wiederholte den Beitrag im September 2016. Da geriet er auf den Radar von Quarkundso.de, zumal knallharter Journalismus in Aussicht gestellt wurde:

„die story fragt nach den Nebengeschäften der Fernsehköche. Sie zeigt die Küchenglitzerwelt und das, was daraus entsteht.“a

Nebengeschäfte! Unfassbar. Was könnte das sein, bei einem Koch?

Sklaven- und Mädchenhandel, um billig an Küchenpersonal zu kommen, Drogenschmuggel in der Kühlkammer, illegale Chemikalien in Lebensmitteln, vielleicht Scheinfirmen: ein Briefkasten auf den Bahamas, hinter dem sich ein Pferdefleisch-Großhändler auf dem Balkan verbirgt, der unter dem Namen des TV-Kochs auffallend günstige Delikatess-Lasagne unters Volk bringt.

Oder so.

Aber das war es alles nicht.

 

Gewürze, Restaurants, Partyservice

Stattdessen listete der Film das Portfolio von Gastro-Unternehmern auf, vor allem das des Alfons Schuhbeck: neben dem Führen von Restaurants unterschiedlicher Niveaus und eines Partyservice sind das diverse Medienauftritte, der Handel mit Gewürzen und allerlei Viktualien, die Entwicklung von Fertiggerichten unter dem eigenen Namen, das Bekochen eines Fußballvereins, Werbeverträge für Lebensmittel, das Verfassen von Kochbüchern und das Abhalten von Kochkursen für Hobbyköche.

Alles ganz normale und legale Aktivitäten, zu deren Erfolg man den Unternehmer eigentlich beglückwünschen möchte. Aber wenn so ein Koch den öffentlich-rechtlichen Investigativformaten vor die Flinte gerät, ist was anderes gefragt.

Autorin und Regisseurin Katharina Schickling begab sich also im Auftrag von WDR und SWR auf die heikle Mission, die dunklen Machenschaften der Küchenkünstler aufzudecken. Normalerweise macht Frau Schickling eher Kultur-Dokus für den BR, meist mit schönen schwarz-weiß-Bildern aus dem Archiv.

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Den Alfons Schuhbeck, ihren Protagonisten, hat sie 24 Stunden durch seinen Tagesablauf begleitet, beginnend um Mitternacht. Da stemmt der Kraftmensch Hanteln im Fitness-Studio, denn erst nächtens hat er dafür Zeit.

Wir werden auf diesen bemerkenswerten roten Faden – 24 Stunden im Leben eines Promi-Kochs, in seinen eigenen Häusern, an Originalschauplätzen – noch zurückkommen.

Aber erstmal weiter in der Story: Im anschließenden O-Ton erklärt Schuhbeck, schön ausgeleuchtet vor einem Weinregal seines Ladens sitzend, dass er sich im Moment pudelwohl mit seinem Erfolg fühlt und mit seinen Auftritten den Nerv der Zeit trifft.

In der Tat, das tut er. Mit bayerischem Charme, raffinierter Heimatküche und seiner Gewürzmasche hat er sich eine eigene Marke erschaffen, wobei er ja schon vorher erfolgreich war: In Waging hielt der Alfons, den seine Fans liebevoll „Fonse“ nennen, 20 Jahre einen Michelin-Stern, in München hat er sich am Platzl auch sofort einen erkocht, wenn er auch inzwischen nicht mehr selbst am Herd steht.

Eines ist klar: Der Mann kann wirklich was.

 

„Ein super Geschäftsmodell“

Jetzt, nach vielen Jahrzehnten im Geschäft, nach Pleiten, Gerichtsverfahren, Anfeindungen, unklaren Geldsachen und dem üblichen Auf und Ab des Metiers, läuft es beim Fonse: sein Image ist aufpoliert, auch dank einer Medienstrategie, die gut ausgeklügelt ist von einem Team von Beratern, neuerdings auch auf Facebook.

Einzigartig ist seine Stellung im BR. Dort hat man ihn seit 30 Jahren erst als bayerisches Urgestein am Herd, dann systematisch als „Gesundheitskoch“ aufgebaut und der Fonse hat begriffen, wie der Hase läuft. Zum Glück für ihn und seinen Haussender BR ist er clever, charmant, schlagfertig und wirkt authentisch bayerisch. Heute erntet er die Früchte und findet speziell ob seines persönlichen Medientalents: „Des is scho super!“

Süffisanter Kommentar der Autorin direkt dazu:

„Und ein super Geschäftsmodell! Diese Geschäfte möchte ich genauer betrachten. Womit verdienen unsere Koch-Gurus tatsächlich ihr Geld? Wo sind die Grenzen der Vermarktung?“

Über den süffisanten Ton und die unverhohlene Insinuation, dass etwas faul ist an der Sache, stolpert man: Der Sternekoch Alfons Schuhbeck, dem es gelungen ist, sich als echte Marke zu erschaffen und erfolgreich zu etablieren, soll aus seinem Talent und seiner Medienwirksamkeit kein Geschäftsmodell machen?

Ja – was denn sonst?

Ich meine – woraus soll man denn sonst ein Geschäftsmodell machen?

Das habe ich am Anfang des Films nicht verstanden, deshalb habe ich ihn bis zum Ende geguckt. Ich wollte wissen, was genau gemeint ist mit den scheinbar fragwürdigen Machenschaften, und ob da was Dunkles aufgedeckt wird.

 

Alte Hüte aus der Foodwatch-Kampagne von 2009

Im Verlauf des Films gibt sich die Autorin scheinbar die größte Mühe, glühende Kohlen auf dem Haupt der Köche und insbesondere von Alfons Schuhbeck zu sammeln – Werbung für Industrieprodukte und Fertiggerichte, Verkauf von Tee, was doch vom Kerngeschäft Kochen sehr weit weg sei.

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Aber die Vorwürfe sind alte Hüte, längst abgefrühstückt. Sie gehen zurück auf eine Foodwatch-Kampagne von 2009, in der die Essensretter anprangerten, dass bekannte Köche für Fertigprodukte, Tütensuppen oder Imitate wie künstliche Bratcremes werben.

Notorisch war damals der Auftritt des Sternekochs Martin Baudrexel für den Fettersatz Rama cremefine des Margarine-Multis Unilever. Die Liste der Angeklagten ist lang und führt fast alle großen Namen der deutschen TV-Kochszene: von Lafer und Lichter über Poletto bis zu Baudrexel, Herrmann und Schuhbeck – allesamt vom Guide Michelin schonmal mit einem Stern versehen.

Im Kern hat Foodwatch Recht – dass ausgerechnet Meister ihrer Kunst Werbung für billige Ersatzware machen, macht sie, was ihre kulinarische Kultur angeht, nicht besonders sympathisch.

Doch sind die alten Werbeverträge längst ausgelaufen, die Köche sensibilisiert und es wirkt einfach billig, dass WDR und SWR die komplette Kampagne von damals aufkochen, auch noch anhand der alten Vorwürfe und mit alten Werbespots.

Es ist nichts neu daran, es ist keine Eigenleistung, auch von eigenständiger Recherche kann keine Rede sein. Alles, was im Film vorkommt, kann man bei Foodwatch online nachlesen – das Drehbuch war schnell geschrieben.

 

Pseudo-Journalismus: Banales skandalisieren

Um den investigaten Schein zu wahren, muss aber die als Reporterin auftretende Autorin überall neuen Betrug wittern. Das führt zu teils grotesker Krittelei: So moniert sie bei den Gewürzen, dass Schuhbeck die Rohware für seine eigenen Mischungen vom größten europäischen Gewürzhändler Fuchs bezieht.

Skandal! Wo Schuhbeck draufsteht, ist nur Fuchs drin, der beim Netto-Markt auf dem Regalbrett über der Tiefkühltruhe steht? Da tütet einer einfach was um und verlangt dann das Doppelte?

Nun ja. Der Effekt verpufft.

Wenn Schuhbeck Gewürze für eigene Mischungen einkauft, etwa Paprikapulver, Zimt, Chilischote oder getrocknete Zitronenschalen für sein Gulaschgewürz– warum denn nicht beim Marktführer?

Seien wir froh, dass er keine schlechtere Adresse genommen hat. Ihm den Lieferanten Fuchs zum Vorwurf zu machen, ist absurd. Da müsste man auch Karl Lagerfeld anklagen, weil er die Stoffe nicht selbst webt, aus denen er seine Kleider schneidert, sondern sie von Textilhändlern kauft.

Mit einer schlichten Zimt-Zucker-Mischung marschiert die Autorin – vorhersehbar – zur Verbraucherzentrale: Ob es für so eine einfache Sache nicht unstatthaft sei, Geld zu verlangen, wo doch jeder Zimt und Zucker zuhause mischen können?

Beflissen rechnet die Verbraucherschützerin vor, wie billig die Zutaten und wie teuer das Gläschen mit Schuhbecks Konterfei ist.

Ja, toll. Das hätte es auch nicht gebraucht, dafür einen Drehtag für Tausende von Euros zu verschwenden.

Denn bei Zimt-Zucker-Streu liegt doch alles auf der Hand. Muss man da die Bedenkenträgerin von der Verbraucherzentrale bemühen und den Vorwurf in den Raum stellen, Menschen würden betrogen?

Es gibt hier keinen Schwindel. Leute kaufen das Zeug, der Schuhbeck verdient daran, fertig.

Wer zu unsicher, zu faul oder zu doof ist, um selbst Zimt und Zucker zu mischen, der zahlt beim Schuhbeck halt das Zehnfache. Dasselbe gilt für Gulaschgewürz, Grillgewürz, Steakgewürz, Fischgewürz, Butterbrotsalz und was all der Mischungen mehr sind: Wer sich nicht traut, zuhause selbst zu würzen, der zahlt. Meistens sogar gerne.

 

Alles läuft seltsam ins Leere

Alle Anklagepunkte, die scheinbar gesammelt werden, verfangen auf diese oder auf andere Weise nicht. Ein Grund dafür ist auch, dass der Meister persönlich zu jedem Punkt dezidiert Stellung nimmt, und das macht er sehr gut.

Sogar auffallend gut – das wird uns noch beschäftigen.

Jedenfalls kontert er die Frage, warum in einigen seiner Gewürze oder Tees (nicht in allen) Aromastoffe sind, klar und korrekt damit, dass diese Mischungen sonst nicht stabil im Geschmack bleiben und dass es natürliche Aromen sind, weithin gebräuchlich.

Anders geht es nicht, wenn man so ein Produkt will, Punkt. Wer künstlichen Geschmack mag – und das sind erschreckend viele – kauft ihn, und fährt beim Schuhbeck wahrscheinlich besser als anderswo.

Den Vorwurf, dass er sich für Fertiggerichte hergibt, die seinem Niveau als Sternekoch nicht entsprechen, beantwortet er lässig mit einer politisch durchaus raffinierten Botschaft: Er könne doch nicht von allen Leuten verlangen, dass sie sein Sternerestaurant besuchen. Nicht jeder habe das Geld. Also mache er auch was für Leute, die sich ein Essen beim Schuhbeck eben nicht leisten können.

 

“Hummer und Gänseleber kann jeder Depp”

Dass die Gerichte einer Testerrunde aus Kollegen nicht schmeckten, begründet er sehr clever: Man habe es bei preiswerten Gerichten viel schwerer als in der Sterneküche. Denn bei den billigen Fertigprodukten muss man sich um den Geschmack echt bemühen – in der Sterneküche leisten das die exquisiten Zutaten, so der Meisterkoch: „Einen Hummer abzubraten, eine Gänseleber – das kann jeder Depp.“

Dass er Hühnerbrühe als Pulver verkauft, erklärt der Fonse schlicht damit, dass es sein Job sei, der Hausfrau zu helfen, die nicht jedes Mal ein Huhn auskochen könne.

Tja. Dagegen kann man wirklich nichts sagen, zumal es schon seit Jahrhunderten das Prinzip Brühwürfel und Instantbrühe gibt.

Eher kann man fragen: Muss derlei als vorgeblich kritische Frage in einer teuren Dokumentation des öffentlich-rechtlichen Fernsehens aufgeworfen werden? Dass es so etwas wie Suppenwürfel gibt und nicht jeder Fonds und Brühen selbst kocht? Wie kann eine so weltfremde Krittelei als investigativer Journalismus verkauft werden?

Gerade wegen der aufgesetzen Fragen kommt der Schuhbeck aber umso besser weg. Denn er kann die doofen Vorwürfe handfest kontern und geht als bodenständiger, vernünftiger Geschäftsmann und netter Kerl aus der Sache raus.

Nebenbei erklärt er sehr überzeugend seine Medienstrategie – dass er sich bereitwillig von jedem fotografieren lässt. dass er Autogramme gibt, sich selbst und seinen Stress zurücknimmt, alles tut für Kunden und Fans und immer Antwort gibt.

Am Ende glaubt man ihm.

Alfons Schuhbeck am Tisch, drei Personen, Gesichter unkenntlich

Knallharte Recherche von Quarkundso.de: dem Schuhbeck in München aufgelauert, Foto geschossen. Na gut, vorher natürlich gefragt. Er hat ja gesagt und nett gelächelt.

 

Massenprodukte sind nicht für Profis gemacht

Die Tests, zu denen andere Profis bemüht werden – lokale Gastronomen aus der Münchner Szene – ergeben auch nicht allzu viel. Bei einigen sind die jüngeren Kollegen sehr höflich und fahren dem großen alten Herrn Schuhbeck nicht zu offensichtlich an den Karren.

Beim Verkosten der Fertiggerichte verfehlt das Design des Tests knapp den Punkt. Wenn die Autorin drei Köche und Geschmacksspezialisten Schuhbecks Gerichte gegen Aldi-Ware verkosten lässt, muss klar sein: Alle diese Produkte sind genau nicht für die feinen Zungen der Profis gemacht.

Deren Geschmack ist hier gar nicht gefragt, sondern der Geschmack des Publikums, das das Zeug kauft. Die Hersteller münzen auf die Masse, nicht auf die wenigen Ausnahmeschmecker aus dem Profi-Bereich.

Wenn also andere Promi-Köche und Geschmacksspezialisten ein Fertiggericht beurteilen, heißt das erstmal nur: falsche Zielgruppe. Der Hersteller hatte eine bestimmtes Segment im Auge und wollte dessen Geschmacksvorstellung treffen. Wie dort die Konsumentenbefragungen ausfallen, danach schmeckt das Produkt.

Dabei geht, was einem Feinschmecker nicht auf den Tisch kommt, im Handel millionenfach über den Ladentisch.

Leider, das darf man schon sagen. Aber so ist es halt.

 

Wo beim Schuhbeck der Hase im Pfeffer liegt

Sogar die Geschichte, dass Schuhbeck für die Bezeichnung „Gewürz-Apotheke“ abgemahnt worden ist, kann der Delinquent kommentieren und für sich verwandeln: Er erklärt, dass er sich selbstverständlich den Gesetzen beugt, dass die anderen aber vor allem neidisch sind und die “Kraft seiner Gewürze” (neuer Markenname) ungebrochen ist. Aus die Maus.

Ausgerechnet dieser Part ist überraschend knapp gehalten. Er endet damit, dass Schuhbeck das Etikett wechselt und so dem Gesetz Genüge tut.. Dabei hätte man hier dem Fonse die Suppe auch ein wenig versalzen können – wenn man das gewollt hätte.

Über Gesundheit und die Wirkung von Gewürzen und Kräutern lässt er sich nämlich inzwischen aus wie weiland der legendäre Schein-Professor Hademar Bankhofer, der in der ARD jahrelang als Experte Gesundheitstipps geben durfte, bis er wegen Schleichwerbung und Scharlatanerie geschasst wurde.

In dessen Fußstapfen tritt jetzt der Schuhbeck mit seinen Zauber-Gewürzen, die er geradezu für Medikamente mit pharmakologischer Wirkung hält – die cholesterinsenkende Wirkung von Knoblauch und Ingwer kann für das Herz-Kreislaufsystem „von entscheidender Bedeutung sein“, Schwarzkümmel wirkt bei Kopfweh besser als Aspirin, „Chili treibt die Fettzelle in den Zelltod“ und wer für den Restkörper „Zellfitness“ will, sollte von Schuhbeck zusammengestellte Gewürzkapseln schlucken, klar.

Hier legt die Autorin den Finger erstaunlicherweise nicht richtig in die Wunde, was sie leicht hätte tun können, wenn sie einige von Schuhbecks Facebook-Videos, seine Broschüren oder seine Auslassungen in Kochshows analysiert hätte. Aber sie verzichtet großmütig – auch darauf werden wir noch zurückkommen.

Allerdings ist auch klar: Es gibt in diesem Geschäft weiß Gott Schlimmeres, etwa homöopathische Zubereitungen aus Kakerlaken und Krötengift, oder Finsteres aus der Mittelalterapotheke wie Nosoden. Das sind Pillen aus dem eigenen Nasenschleim oder dem eigenen Kot, nur mal als Beispiel.

Sowas kaufen Leute wirklich in der Apotheke – dann doch lieber die Gewürzkapseln des Herrn Schuhbeck.

 

Ein subtiles Werk der Imagepflege

Nun kann man sich kaum vorstellen, dass das Schweigen an dieser Stelle Zufall ist.

Ein Alfons Schuhbeck würde nie im Leben zulassen, dass er öffentlich demontiert wird. Dass ihn ein Filmteam tagelang blockiert und in seinen Läden die schönsten Bilder dreht, um ihn nachher in die Pfanne zu hausen.

Ebenso wenig würde es der BR zulassen, dass sein Haus- und Gesundheitskoch von einer hauseigenen Autorin (!) für einen anderen Sender in die Pfanne gehauen wird, und dass dazu im BR-Radiostudio gedreht wird.

Deshalb ist dieser als aufklärerisch angekündigte Film über „Nebengeschäfte“ kein investigativer Journalismus. Er ist gutes Dokutainment, das Drehbuch abgekupfert bei Foodwatch. Man darf sogar davon ausgehen, dass die Organisation Tipps, Testdesigns, Material und jede Menge Informationen beigesteuert hat.

Und jetzt, Achtung, spekuliert Quarkundso.de mal frech: Die Aussagen und Fragen, das Drehbuch, die O-Töne der anderen Köche wurden alle dem Schuhbeck vorgelegt und mit ihm abgesprochen. Der konnte sich dann in aller Ruhe die Antworten von seinem Medienteam konzipieren lassen und sie einüben.

Anders sind diese wohlgesetzten O-Töne in Schuhbeck-Szenerie überhaupt nicht zu erklären.

Derlei ist im Doku-Business auch der Lauf der Dinge – eine aufwendig gedrehte Geschichte ist monatelange Arbeit, man braucht das Einverständnis des Hauptprotagonisten, wenn man ihn den ganzen Tag lang begleiten will, und man braucht viele, viele Drehgenehmigungen.

Das funktioniert nur, wenn alles nach Absprache geht, schöne Bilder gibt es nicht umsonst. Es sei denn, man arbeitet mit schmutzigen Wackelbildern wie die politischen Magazine, und blendet gedruckte Statements ein, weil eine Person oder ein Unternehmen nicht als Zielscheibe vor die Kamera will. Das kommt für die Macher von Hochglanzformaten aber nicht in Frage.

Und so ist der Beitrag auf jeden Fall ein gefälliges, interessantes Porträt von Alfons Schuhbeck. Der geniale Zug ist dabei, dass Schuhbeck der einzige TV-Koch ist, der zur Sache und den ganzen persönlichen Vorwürfen offen Rede und Antwort steht. Poletto, Lichter und Baudrexel haben es nämlich abgelehnt, sich zu der alten Nummer überhaupt noch zu äußern.

Verständlich, aber schwupps – wieder ein Punkt für Großmeister Schuhbeck.

 

Promis und Werbeverträge: Wer ko, der ko*

Dass der Beitrag jedoch so aufdringlich auf investigativ gepimpt wurde, dass Skandale suggeriert werden, wo keine sind und der Zuschauer auf die falsche Fährte gelockt wird, ist ärgerliches Clickbaiting und ausgefeiltes Storytelling.

Und natürlich ist die Kampfvokabel „Nebengeschäfte“, was unternehmerische Aktivitäten eines Kochs mit Lebensmitteln angeht, tendenziös und verfehlt.

Andere Promis verdienen auch einen Haufen Geld mit Dingen, die ihrem eigentlichen Metier wirklich fernliegen: Boris Becker warb für Baumärkte, für AOL („Bin ich schon drin?“), für Mercedes und für Bier. Fußballer Bastian Schweinsteiger für Computerspiele und Kartoffelchips, sein Kollege Thomas Müller für Grillgeräte.

Hier könnte man viel eher von branchenfremden Nebengeschäften sprechen und nörgeln: „Sie haben doch gar keine Ahnung von Lebensmitteln und Computern, warum machen Sie Werbung dafür? Sie bekommen doch weiß Gott Millionen für Ihr tumbes Gekicke, kriegen Sie den Hals nicht voll oder warum verkaufen Sie Ihr Gesicht?“

Auch dazu hat Foodwatch übrigens schon eine Kampagne gefahren. Aber millionenschwere Sportidole vor der Kamera zu demontieren und dazu tagelang mit ihnen zu drehen, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Da ist es schon leichter, den hauseigenen Koch von der hauseigenen Autorin porträtieren zu lassen, eine schöne Doku über Promi-Köche zu stricken und dem Schuhbeck zu versprechen, dass er nicht schlecht wegkommt dabei.

Hat geklappt.

©Johanna Bayer

*Wer ko, der ko: Bayerische Redensart, die nichts anderes besagt als: Mia san mia. Noch nicht verständlich? Dann im Klartext: Wir machen, was uns passt und alle anderen können uns mal den Buckel runterrutschen.

Dank an Peter Posse von Reisewege-Ungarn.de, der Quarkundso.de auf die Doku zu Promi-Köchen und Schuhbeck aufmerksam gemacht hat. Er hat sich in erster Linie wohl für den Paprika-Lieferanten Fuchs interessiert…  ;-)

DISCLAIMER Quarkundso.de vertritt weder Fertiggerichte noch künstlich aromatisierte Würzmischungen oder korrupte Köche. Im Gegenteil: Quarkundso.de lehnt das alles ab. Im Prinzip. Gute Convenience-Produkte, sogar bestimmte Fertiggerichte, oder besondere Zutaten sind deshalb aber nicht immer des Teufels. Kommt wirklich drauf an, was drinsteckt und wozu man es braucht.

Außerdem musste im Zuge der Recherchen der faszinierende Gewürzladen von Alfons Schuhbeck betreten werden. Dabei ließ sich der Ankauf zweier stinkteurer Gourmet-Salze nicht vermeiden. Undercover und zum vollen Preis, versteht sich. Es handelt sich um australisches Murray-River-Salz und Dänisches Rauchsalz. Sie schmecken toll und außer dem Schuhbeck hat in ganz München keiner so ein Sortiment.

 

WDR-SWR-Doku über Köche und ihre Geschäfte

Alte Foodwatch-Kampagne zu Promi-Köchen und Fertigfraß von 2009

DER SPIEGEL 2010 über die Foodwatch-Kampagne

Alte Foodwatch-Kampagner von 2011 zur Sportler-Werbung

Foodwatch arbeitet selbst auch gerne mit den TV-Köchen zusammen, wenn es opportun ist

Wer sich für alte Geschichten interessiert: der Schuhbeck-Skandal von 1999 im SPIEGEL

 

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