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ARTE und der Glaubenskrieg um die Milch: Fernsehen, postfaktisch.

 

Schale, Kännchen und Flasche Milch vor blauem Hintergrund

Milchidylle: rein, weiß, gut? Von wegen, sagt ARTE. Bild: Daria Yakovleva

Ich liebe das Wort des Jahres 2016, postfaktisch. Jedes Jahr wählt die Gesellschaft für Deutsche Sprache so ein Wort, das gesellschaftliche Debatten geprägt oder begleitet hat. Selten ist das so gelungen wie jetzt:

Das Kunstwort postfaktisch verweist darauf, dass es heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen »die da oben« bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen zu akzeptieren. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der »gefühlten Wahrheit« führt zum Erfolg.

Wie das auf hohem Niveau geht, mit der gefühlten Wahrheit und dem Widerwillen, Tatsachen zu akzeptieren, zeigt ARTE.

Die haben einen Dokumentarfilm über Milch gebracht, am 10.1.2017 bei ARTE-Thema: „Milch – ein Glaubenskrieg“, so der Titel.

In diesem Format greift der Sender „aktuelle Debatten aus Kultur, Wissenschaft und Politik“ auf, es soll Fakten bringen, verschiedene Aspekte beleuchten, zur Diskussion inspirieren, andere Perspektiven zeigen.

Ob es um Milch wirklich so eine gesamtgesellschaftlich Kontroverse gibt, sei mal dahin gestellt. Der Milchverzehr ist in den letzten Jahren mehr oder weniger gleich geblieben, bei Käse sind die Zahlen gestiegen. De facto wird alleine in Deutschland jeden Tag tonnenweise Milch in irgendeiner Form konsumiert*. Milch ist, wie diese Zahlen zeigen, eines der meistverzehrten und dazu am besten kontrollierten und untersuchten Lebensmittel überhaupt.

Es gibt aber eine kleine Szene, die gegen Milch agitiert und erstaunlich viel Aufmerksamkeit bekommt. Das sind Leute, die Milch nicht für ein normales Nahrungsmittel mit Vor- und Nachteilen halten, sondern für ein gefährliches biologisches Dopingmittel.

Und so hat die Redaktion von ARTE-Thema Milch zur großen Streitfrage erklärt und schickt einen renommierten Filmemacher auf Spurensuche. Er soll vorführen, was an der Milch so verdächtig ist und stellt die Anfangsfrage:

Aber ist Milch wirklich so gesund? Seit Jahren tobt eine heftige Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern. Kritiker behaupten, Milch kann moderne Zivilisationskrankheiten wie Allergien, Diabetes und Migräne auslösen – und sogar Krebs.

Befürworter wie Gegner werfen sich gegenseitig aggressive Stimmungsmache vor. Die Folge: Milch und Milchprodukte gehören heute zu den umstrittensten Lebensmitteln überhaupt.
Die Verbraucher sind zunehmend verunsichert: Wem soll man glauben? Wir wollen Klarheit: Ist Milch gesund oder macht Milch krank?“

Die Gretchen-Frage

Eine tiefschürfendes Problem, ganz klar. Die Sache muss dringend aufgeklärt werden, genau wie der Glaubenskrieg um Kondensstreifen am Himmel, die Erde als Scheibe und die Mondlandung – total umstritten, keiner weiß, wie es wirklich ist, wir brauchen endlich klare Antworten.

Wie ARTE diese Frage konstruiert, repräsentiert die Philosophie des postfaktischen Zeitalters in Reinkultur: gesund oder ungesund? Schwarz oder weiß? Gut oder böse? Alles oder nichts?

Man ist sehr gut bedient, wenn man da misstrauisch wird.

Gerade weil im Restleben diese Haltung eher nicht empfohlen wird. Denken in Extremen und starre Schwarz-Weiß-Einteilungen treten, sagen Psychiater, auffallend häufig zusammen mit allerlei seelischen Störungen und wahn- oder zwanghaften Einstellungen auf.

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Der seelischen Gesundheit zuträglich soll es aber sein, wenn man Zwischentöne kennt, Kompromisse macht, Mittelwege und Maß einhält, Vor- und Nachteile erkennt, Risiken abwägt und realistisch bleibt: Die Welt ist nicht schwarz oder weiß, niemand ist nur gut oder nur böse, und zwischen allem und nichts gibt es noch eine Menge.

Und wer bei Lebensmitteln diese Frage nach „gesund oder ungesund“ stellt, disqualifiziert sich garantiert für eine vernünftige Auseinandersetzung über Ernährung.

Das muss reichen

Nein, hier folgt jetzt keine Erklärung dazu, dass Menschen von einer Mischung in der Nahrung leben, Allesfresser, oder, passender, Mischköstler sind und daher Lebensmittel nur im Verhältnis zueinander und in der Mischung funktionieren.

Das kann man nachlesen, Hinweise gibt es auf Nachfrage, aber nur gegen Strafgebühr. Denn Quarkundso.de setzt bei seinen Qualitätslesern Vernunft voraus.

Jetzt aber zurück zum Film. Natürlich ist die Frage am Anfang dramaturgisch motiviert –Storytelling, wie es im Neusprech heißt: In der Exposition sollen so deutlich wie möglich Gegenpole erscheinen, am besten ein grundsätzliches Dilemma, das möglichst tragische Konflikte verspricht.

Das macht die Frage nach „gesund oder ungesund“ aber nicht legitim.

Denn es bleibt dabei: Wer Lebensmittel in „gesund oder ungesund“ einteilen will, hat den Schuss nicht gehört. Und wischt offensiv jeden Kontext, den gesunden Menschenverstand, die Evolution mit der erstaunlich schnellen genetischen Anpassung des Menschen ans Milchtrinken und mindestens 8.000 Jahre Erfahrung mit Milch und Milchprodukten weg.

 

Keine ganz gleichen Lager

Egal – Drama muss sein. Daher dreht sich die Doku volle 45 Minuten um verschiedene Beteiligte am vorgeblichen „Glaubenskrieg“: Milch-Lobbyisten, Wissenschaftler, Ärzte, Bauern, Journalisten, Industrievertreter, Patienten, alles war dabei.

So ganz paritätisch sind die Lager zwar nicht besetzt: Die Milchgegner sind, anders als in der Realität, stärker vertreten, schon rein zahlenmäßig. Aber das will erstmal nichts heißen.

Denn am Ende kommt es ja auf die Argumente und auf das Fazit an, nicht wahr? Auf die Botschaft, die der Zuschauer mitnehmen soll, und die unterwegs vielleicht schon aufschimmert, am Ende aber offenbar wird.

Und das wird sie auch.

Zuvor werden in der Spurensuche alle Seiten der Milch beleuchtet, wirklich, es wird alles aufgeführt, was nur gegen die Milch sprechen könnte.

Darunter ist auch eine schwedische Studie von 2014, die berühmt-berüchtigte Michaelssen-Studie. Da hat ein Forscher aus Uppsala Zahlen präsentiert, nach der Milch das Osteoporose-Risiko erhöhen und nicht etwa senken könnte, so dass Milchtrinker durch Knochenbrüche früher zu Tode kommen. „Drei Gläser Milch am Tag sind tödlich“, titelte die Bild-Zeitung.

Diese Studie hat einige Einschränkungen, und der Zusammenhang der Knochenkrankheit mit einem bestimmten Milchzucker, der D-Galaktose, den Michaelsen aufstellt, ist keineswegs belegt. Die Ärztezeitung schreibt dazu:

Da es sich um eine epidemiologische Studie handelt, lässt sich nicht belegen, dass der Milchkonsum tatsächlich die Ursache für den Anstieg von Mortalität und Frakturen ist. Sogar eine reverse Kausalität kann nicht ausgeschlossen werden – dass Menschen viel Milch trinken, weil bei ihnen ein erhöhtes Osteoporoserisiko erkannt wurde.

Trotzdem präsentiert ARTE diese Studie von 2014 samt Forscher als Kronzeugen gegen die Milch – ohne die Kritik an der Michaelsen-Studie zu erwähnen.

 

Kalte Zahlenfuchserei gegen warmes Mitgefühl

Nicht, dass die Befürworter nicht zu Wort kommen: Der Milchlobbyist schwärmt von den 2000 Käsesorten Frankreichs und seiner langen Tradition, die Forscher Bernhard Watzl vom Max-Rubner-Institut in Karlsruhe und Mediziner Jean-Michel Lecerf vom Institut Pasteur erklären die für die Milch eindeutig günstige Studienlage.

Sie betonen, dass die Kritiker nur Einzelstimmen sind und keine relevanten Daten vorweisen können, dass also die Forschungslage und dazu noch die Erfahrung von Millionen von Menschen und die jahrtausendealte Praxis gegen die vehemente Kritik sprechen, dass Milchprodukte von Milliarden von Menschen konsumiert werden und Milch alles in allem ein ausgezeichnetes Lebensmittel ist.

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Sie verschweigen dabei übrigens keineswegs, dass ein Übermaß an Milch ungünstig ist und dass es Hinweise auf die Verbindung von extrem hohem Konsum von Magermilch (!) – über ein Liter am Tag – mit Prostatakrebs.

Doch im Verlauf entpuppen sich Auswahl und Inszenierung der Protagonisten immer mehr als David-Goliath-Strickmuster: Da die Großen, hier die Kleinen. Da die Etablierten mit Geschäftsinteressen, hier die Außenseiter als Anwälte der Opfer.

Der Gegensatz ist subtil ausinszeniert, zwischen den Polen Warm und Kalt: da die abgehobenen Ernährungsforscher aus riesigen Instituten, hier einzelne Ärzte, die sich ihrer Patienten persönlich annehmen.

Dort die anonyme Zahlenfuchserei der Wissenschaftler, hier die einfühlende, persönliche Erfahrung der Praktiker im Umgang mit leidenden Menschen. Interviews in Labors, Gängen und Treppenhäusern gegen Bilder aus Behandlungszimmern in warmen Farben.

Beim Massentierhalter aus Meck-Pomm gegen den Biobauern aus der Schweiz ist der Fall klar: Der aalglatte Agrarindustrielle aus dem Norden wirkt mit seinem kalten BWL-Jargon – „lange Nutzungsdauer der Kuh“, „eine Kuh muss man managen“ – eindeutig unsympathisch und desavouiert sich selbst.

Dagegen macht der Anblick der Kühe mit echten Hörnern, die auf die Weide geschickt werden, sofort glücklich. Und Lust auf Milch und Käse.

Aber das ist ein Thema für sich – die Bedingungen in der Milchviehhaltung, die hochgezüchteten Superkühe mit Monstereutern. Die Kritik an dem System ist berechtigt.

Warum dieser Part überhaupt eine Rolle im Film spielt, liegt nicht etwa am Tierwohl. Sondern an einer These der Milchgegner: Sie halten besonders die Milch der Turbotiere für schädlich. Und zwar, weil Milch dank moderner Molkereitechnik von vielen verschiedenen Kühen stammt. Das sei gesundheitsgefährdend.

 

Milch: Immunangriff auf den Körper?

Hier tut sich neben dem an sich gut beleumundeten Ernährungsmediziner Max Ledochowoski – „Milch hat, wie wir das heute kennen, mit dem ursprünglichen Nahrungsmittel Milch nurmehr sehr wenig gemeinsam“ – besonders der Chefarzt einer Privatklinik in der Schweiz hervor, ein Dr. Thomas Rau.

Den besucht das ARTE-Team, und Rau erklärt, dass in den Molkereien die Milch tausender Turbo-Tiere zusammengeschüttet wird, samt ihren Hormon- und Antibiotika-Resten:

„Sie haben ein immunologisches Wirrwarr. Bei uns in der Region sind es 30.000 Kühe, deren Milch zusammengegossen wird, und daraus werden die Produkte hergestellt. Das heißt, wir haben 30.000 individuelle immunologische Profile, die da aufgenommen werden…. eine Lawine von immunologischer Information, die auf unsere kleinen Kinder niederprasselt.“

Diese Behauptung muss man sich näher ansehen, denn sie klingt so plausibel, dass man es mit der Angst bekommt.

Je nach Thema kommt sie auch gegen Fleisch allgemein, gegen Schweinefleisch im Besonderen,gegen Milch und Käse, Eier, Fisch oder gleich gegen alle tierischen Produkte, gerne aber auch gegen Weißbrot, tropische Früchte, Kakao oder Kaffee aufs Tapet: alles ein Immunangriff auf den Körper.

Aber sie ist nur ein Popanz, eine esoterische Finte aus Halbwahrheiten, die zum Standardrepertoire der Eso- und Naturheilszene gehört.

Dahinter steckt eine schlichte physiologische Tatsache, die absichtlich verzerrt wird: Beim Essen kommen Fremdstoffe in den Körper, und die rufen das Immunsystem auf den Plan. Es ist ein natürlicher Vorgang, der sich im Blut messen lässt, denn nach einer Mahlzeit steigen bestimmte Werte an.

Das sind die aktivierten Immunzellen, die mal nachschauen kommen, ob es sich womöglich um gefährliche Invasoren handelt.

Doch diese Eindringlinge kann der Körper nicht nur parieren, seine Abwehrkräfte sind sogar darauf eingestellt und geradezu auf dieses Training angewiesen: ohne Konfrontation mit Nahrung keine gesunde Immunabwehr.

Esoteriker, Heilpraktiker, Scharlatane, Fleischfeinde und Fastenprediger nehmen diese messbare Immunreaktion aber gerne zur Hand, um vor dem Lebensmittel ihrer Wahl zu warnen.

Den zahlenden Kunden drehen sie damit ihre Produkte und Behandlungen an, darunter teure Blutuntersuchungen, Ernährungspläne, Fastenkuren, Darmreinigung, Entgiftung, Immunstärkung, Ersatzlebensmittel, Pillen oder Pulver.

 

Wen haben wir denn da?

Dazu sollte man noch wissen, dass Dr. Thomas Rau kein Unbekannter ist. Er ist ein Star der sogenannten „Biologischen Medizin“ und hat zwar eine regelrechte Ausbildung als Internist. Aber inzwischen residiert Rau in einer eigenen alternativen Klinik und rechnet seine besonderen Künste gerne privat ab.

Darunter fallen auch die berüchtigten Entgiftungen, „per Infusionen und Heilmitteln, aber auch mit den Paracelsus Entgiftungsinfusionen, eine besondere Spezialität unserer Klinik“ (Webseite der Klinik). Das klingt schon verdächtig nach Art des Hauses. Allerlei Verabreichungen von Mineralien und Vitaminen gehören dazu, natürlich auch Darmsanierungen und Darmaufbau, die Flaggschiffe des Eso-Repertoires.

„Spezialtherapien wie Iratherm“ stehen ebenfalls im Katalog. Iratherm ist eine Ganzkörperwärmebehandlung, die unter anderem bei einer „biologischen Krebstherapie“ zum Einsatz kommt und angeblich Krebszellen töten sowie die Wirkung von Bestrahlung und Chemotherapie unterstützen soll.

Das ist wissenschaftlich nicht nur nicht erwiesen – die Iratherm-Geräte gelten auch als gefährlich und die Behandlung wird von deutschen Krankenkassen nicht bezahlt. Aber den Krebs hat Dr. Rau ohnehin schon besiegt, enthüllt seine Klinik-Homepage:

Nach über 20 Jahren des sehr intensiven Aufbaus der Biologischen Krebstherapien der Paracelsus Clinic können wir eindeutig sagen, dass eine ganzheitliche Tumortherapie wirkt, wenn verschiedene Modalitäten der Behandlung, sehr individualisiert und langzeitig (bis zu zwei Jahren) zur Anwendung kommen. Immer sind die Ernährung und die Entgiftung von grosser Wichtigkeit, ebenso die konsequente Behandlung mit Antioxydantien (Vitamine, Spurenelemente, Base).

Das ist zweifelsfrei eine Weltsensation, ebenso nobelpreisverdächtig wie jener Buchbeitrag, in dem Dr. Rau erklärt, dass und wie Schüssler-Salze wirken: „feinstofflich“ und per „Energieübertragung“. Das sei wissenschaftlich erwiesen, schreibt er.

 

Erfahrene Praktiker gegen die Wissenschaft

Die Macher der Doku erwähnen derlei mit keinem Wort.

Nein, Autor und Redaktion ordnen den Eso-Doktor nicht nur nicht ein, sondern stellen ihn ganz selbstverständlich als Leiter einer „Klinik für Ganzheitsmedizin“ in eine Reihe mit den Wissenschaftlern von großen Instituten, die auf Seiten der akademischen Forschung – und der Milch – argumentieren, etwa der weltweit renommierte Jean-Michel Lecerf. Letzterer wird im Film noch des versteckten Lobbyismus und der Industrienähe angeklagt.

Aber der Ganzheitspraktiker aus der Schweiz darf mitreden und unbehelligt von kritischen Nachfragen seine Thesen verkünden. An den Regeln der Wissenschaft lässt er sich dabei nicht messen – denn was ist schon Wissenschaft?

„Wer ist da wissenschaftlich und wer nicht? Was heißt überhaupt Wissenschaftlichkeit? Das sind Betrachtungen einer relativ großen Gruppe von Menschen unter irgendwelchen Kriterien. Und haargenau das mache ich ja, indem ich eine riesige Gruppe seit 30 Jahren von Patienten … betrachten … für mich ist das empirisch wissenschaftlicher als alle die verlogenen Studien.“

Rau behauptet auch, dass 95 Prozent aller Krebspatienten in seiner Klinik gegen Molkenproteine allergisch seien. Da er diese Patienten „zu Hunderten“ in seiner Klinik habe, sei das von demselben Wert wie eine Studie.

Weitere ärztliche Interviewpartner im Film, der österreichische Ernährungsmediziner Ledochowski aus Innsbruck und der Hautarzt Melnik aus Osnabrück, äußern sich ähnlich: In ihrer Praxis gehen sie danach vor, was dem Patienten gerade hilft.

Forscher in Schutzkleidung an Bank, Mikrobiologe
Forschen ist schön. Macht aber viel Arbeit.

 

Kleine Zipperlein kann man vielleicht kurieren

Der Knackpunkt ist, dass das für den praktischen Arzt ebenso legitim wie trivial ist: Viele Menschen haben Beschwerden, die an individuellen Befindlichkeiten, Unverträglichkeiten, Gewohnheiten oder Stoffwechseleigenschaften liegen.

Diese können durch kleine Umstellungen im Lebensstil beseitigt werden und der Arzt hilft, danach zu forschen. Schließlich ist nicht jedes Nahrungsmittel und jede Ernährungsform für alle gleich gut – eine Binsenweisheit.

Viele der praktischen Erfahrungswerte von niedergelassenen Ärzten, etwa bei Migräne oder Verdauungsbeschwerden, stehen seit dem 19. Jahrhundert in Lehrbüchern und funktionieren nach dem Motto „Schadet nicht, hilft vielleicht“. Sie sind den Versuch wert und werden einfach mal ausprobiert, wobei sie nicht immer funktionieren.

Damit widersprechen sie aber keineswegs der Wissenschaft.

Und taugen schon gar nicht dazu, Lebensmittel kategorisch als „gesund“ oder „ungesund“ zu qualifizieren: Nur weil manche Menschen von Zwiebeln Verdauungsstörungen bekommen, kann man keinen Grundsatzstreit darüber vom Zaun brechen, ob Zwiebeln gesund sind oder krank machen.

Mann hält sich Hände verkrampft vor den Bauch

Aua, Bauchweh! Kommt bei vielen Lebensmitteln mal vor. Dann einfach weglassen.

Darauf ist ARTE bei der Milch aber aus, und so kommentiert der Sprechertext erstaunt:

„Ernährungswissenschaftler Prof. Watzl betrachtet ärztliche Erfahrungen wie bei Dr. Aranda nicht als Belege für allgemeingültige Aussagen.“

Ach nee. Und ziemlich dumm gelaufen. So ist es halt – als wissenschaftlich belegt gilt nur, was, nun ja, wissenschaftlich belegt ist.

Wer als Arzt jedoch vollends nach eigenem Gusto vorgeht, muss aufpassen, dass er auf der sicheren Seite bleibt und sich auf kleine Befindlichkeitsstörungen und nicht-lebensbedrohliche Krankheiten konzentriert.

Sonst könnte er ziemliche Probleme bekommen.

 

Postfaktische Beliebigkeit: Alle haben gleich Recht

Die ARTE-Leute ziehen ihre holzschnittartige Dramaturgie aber gnadenlos durch. Und so kommt es am Ende ganz dick, in Form der Takehome-Message, einer Adresse an die Zuschauer, die es in sich hat.

„Die Diskussion unter den Experten geht weiter: Milch, ja oder nein? Die Meinungen bleiben geteilt. (…) Unsere Reise hat uns gezeigt: Milch kann viel mehr Beschwerden auslösen als die meisten denken. Und manchen Menschen geht es durch Milchverzicht besser.
Ob Milch aber im großen Umfang krank machen kann, bleibt umstritten. Welchen Experten man mehr glaubt, muss am Ende jeder für sich selbst entscheiden.“

In diesem Fazit steckt neben der primitiven Schwarz-Weiß-Konstruktion auch der Kern der postfaktischen Denke: die Befreiung aus dem engen Korsett der Wissenschaft, die irrationale Beliebigkeit bei der Beurteilung von Fakten und „Experten“, und das Lob der Ignoranz, aufgewertet als persönliche Entscheidung des Einzelnen.

Irrationale und Verschwörungstheoretiker müssen ihren Aberglauben in diesem Weltbild nicht mehr beweisen. Sie müssen sich nicht auf Argumente, Studien, Hintergrundwissen, wissenschaftliches Denken und Fachleute einlassen.

Es reicht – laut ARTE – ausdrücklich, wenn man sich selbst entscheidet.

So kann man Esoteriker neben Wissenschaftler stellen, Spinner neben Forscher, Scharlatane neben Könner, Kurpfuscher neben Ärzte. Alle sind gleichermaßen Experten und alle haben gleich Recht.

Eso-Quark trotz Pressekodex

Jetzt könnte einem das egal sein, wenn es um ein reines Glaubensbekenntnis geht. Schließlich kann jeder nach seiner Fasson selig werden.

Doch erstens haben die angeblichen Milch-Experten von der kritischen Fraktion weder die Forschungslage auf ihrer Seite noch können sie gegen die überwältigend gute praktische Erfahrung mit Milch ankommen – wohlgemerkt: Milliarden von Menschen in Europa, Russland, Amerika, Afrika trinken täglich Milch.

Dazu kommen Käse, Jogurt und Butter, die in allen milchtrinkenden Gesellschaften sehr hoch angesehen sind oder gar, wie das Butterfett in Indien, seit Jahrtausenden (!) als Heilmittel betrachtet werden.

Vor allem aber ist ARTE ein öffentlich-rechtlicher Sender, finanziert von Gebührengeldern. Und Thema am Dienstag ist ein politisches Sendeformat, das gesellschaftliche Debatten nach journalistischen Kriterien aufbereiten und präsentieren will.

Da steht die Redaktion von ARTE eigentlich in der Pflicht, sich zu gesicherten, seriösen Fakten von ausgewiesenen Fachleuten zu bekennen.  Die abweichende Meinung darstellen geht dann trotzdem. Was aber nicht geht, ist, sich einfach von der Wissenschaft zu verabschieden, indem man dem Publikum suggeriert, Erkenntnisse seriöser Forscher seien beliebig.

Da hat wohl die Plattitüde, dass der Zuschauer „sich selbst seine Meinung bilden“ soll – Lieblingsmaxime schlechter Redakteure – am Ende des Films die Marschroute vorgegeben.

Nur bildet sich der Zuschauer seine Meinung immer selbst, völlig egal, was Journalisten sagen – wobei er dieser Zunft sowieso nichts mehr abkauft.

Es wäre besser gewesen, die Autoren und Redakteure von ARTE hätten sich an den erfrischend lässigen Jean-Michel Lecerf gehalten. Sein wunderbarer O-Ton wäre das richtige Fazit gewesen:

„Dass die Milch für einige nicht geeignet ist, ist völlig normal. Dass die Milch nicht perfekt ist, ist völlig normal. Dass die Studien komplex und widersprüchlich sind, ist normal. Wir untersuchen. Wir beobachten. Ich bin nicht in einem Krieg. Es ist die Anti-Milch-Fraktion, die auf einem Kreuzzug ist.“

©Johanna Bayer

Die Milch-Doku von ARTE auf Youtube. In der ARTE-Mediathek ist die Sendung nicht mehr online.