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In der SZ: Werner Bartens will die Ernährungswissenschaften abschaffen – Vorsicht, der Mann ist Arzt!

 

In der Süddeutschen Zeitung wettert Medizinchef Werner Bartens gegen Studien zur Ernährung, diesen „Stuss mit Nuss“: Endlose Versuchsreihen zu einzelnen Nahrungsmitteln und isolierten Bestandteilen seien nur Pseudoforschung. Doch als Arzt muss er seine Zunft zur Ordnung rufen – denn wer hat den Quatsch eigentlich erfunden?

 

 

Schale mit Nüssen

Die Nuss als Wunderwaffe – besonders gut fürs Herz. Bild: Shutterstock/Dionisvera

Nach dem anstrengenden letzten Beitrag braucht Quarkundso.de eine Verschnaufpause.

Ehrlich, es kostet unheimlich viel Kraft, so etwas aufzusetzen wie das Pamphlet gegen den SPIEGEL.

Man muss akribisch durch den Text gehen, alles nachschlagen, investigative Anrufe und Mails absetzen und dann Unmengen von Buchstaben sortieren.

Schlimm, gerade in der Weihnachtszeit, wo man doch Milde walten lassen, Mandelplätzchen essen und gewürzte Getränke schlürfen will.

Zum Glück hat jemand anders den Job übernommen und gleich den finalen Schlag gegen Ernährungsunsinn gelandet: Werner Bartens, leitender Redakteur im Wissenschaftsressort bei der SZ. Er fordert in einem Artikel vom 9.12.2016 rundheraus: „Schafft die Ernährungswissenschaften ab!“

Wirklich, das steht da wörtlich. Gut, der Beitrag ist als Glosse gekennzeichnet, also quasi als nicht ernst zu nehmen. Nur zum Spaß.

Aber die Breitseite sitzt: Bartens wettert gegen Studien zur Ernährung, diesen „Stuss mit Nuss“, und verlangt, den Quatsch endlich zu unterbinden – jene endlosen Versuchsreihen zu einzelnen Nahrungsmitteln und isolierten Bestandteilen, die angeblich gesund sein sollen.

Alles Pseudoforschung, schimpft er, die nichts bringe, ob am Menschen, an der Maus oder an Zellen exerziert; unehrenhaft, konstruiert, von der Industrie diktiert, von korrupten Forschern designt und von Störfaktoren dermaßen beeinflusst, dass man schier zu jeder Substanz das gewünschte Ergebnis konstruieren könne.

 

Die Nuss als Wunderwaffe

Stein des Anstoßes sind für Bartens besonders die vielgepriesenen Nüsse  – die waren allerdings schon Superfood, als man in Deutschland Goji und Acai noch für Brettspiele hielt: Von Alzheimer, Asthma, Diabetes und Schlaganfall über Prostata- und Darmkrebs bis hin zu Infektionen und Depressionen sollen die Schalenfrüchte so ziemlich alles beseitigen, was den Menschen zur Strecke bringen kann.

Vor allem aber schützen sie angeblich das Herz vor Infarkt und die Blutgefäße vor Schäden.

Die neueste Studie dazu ist im renommierten British Medical Journal erschienen und stammt aus Norwegen. Es ist eine Meta-Analyse, die 20 andere Studien aus den letzten acht Jahren auswertet.

Am Ende fassen die Autoren zusammen:

Higher nut intake is associated with reduced risk of cardiovascular disease, total cancer and all-cause mortality, and mortality from respiratory disease, diabetes, and infections.

Düster konstatieren sie dann, dass wohl mindestens 4,4 Millionen von Menschen gestorben sind, weil sie nicht genügend Nüsse gegessen haben.

In 2013, an estimated 4.4 million deaths may be attributable to a nut intake below 20 grams per day in North and South America, Europe, Southeast Asia, and the Western Pacific. These findings support dietary recommendations to increase nut consumption to reduce chronic disease risk and mortality.

Herr Doktor ist nicht zimperlich

Da ist der Bartens ausgeflippt.

Übrigens nicht zum ersten Mal. Schon 2011 hat er in der SZ eine solche Tirade losgelassen, er tingelt mit dem Thema seit Jahren auch durch Talkshows und über Podien, um die anwesenden Ernährungswissenschaftler auf die Palme zu bringen.

Schadenfroh kann man an dieser Stelle ein paar Salznüsse einwerfen und feixend zuschauen – herrlich, Schlammcatchen zwischen Promi-Journalist und Forschern! Immer großes Kino.

Und Bartens ist nicht zimperlich, außerdem ist er Mediziner mit Doktortitel, daher weiß er, wovon er redet – in mehrfacher Hinsicht. Dazu kommen wir noch.

Jedenfalls musste sich Hannelore Daniel, berühmte Ernährungswissenschaftlerin mit Schwerpunkt Physiologie, öffentlich von ihm anhören, sie weise ein „gönnerhaftes Gehabe“ auf mit ihrem Forscherdünkel, und ihr „aufgeplustertes Abwehrverhalten“ (wörtlich) zeige nur, dass sie sich den Verfehlungen ihrer Zunft – den sinnlose Studien – nicht stellen wolle.

 

„Bevormundungsterror“ der Ernährungswissenschaft

Die Lebensmittelindustrie bezichtigte Bartens bei Plasbergs „Hart aber fair“ nebenbei noch der „Panscherei“ und nannte sie „teilweise eine Drecksbranche“, den Veganern Attila Hildmann und Ursula Karven servierte er bei Sandra Maischberger, dass ihre zurechtgelegte Ideologie jeder faktischen Grundlage entbehrt.

Besonders auf den „Bevormundungsterror“ durch unsinnige Ernährungsratschläge schimpft er. Wenn es nach Bartens geht, dann reicht es, einfach genussvoll zu essen und keine Angst vor ein paar Kilo Übergewicht zu haben.

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Da hat er wohl nicht ganz Unrecht – und wieder kann man sich einer gewissen Schadenfreude nicht erwehren, die ein paar wichtigtuerische Volkserzieher betrifft.

Aber derart einer ganzen akademischen Disziplin die Berechtigung abzusprechen – „Schafft die Ernährungswissenschaften ab!“ – ist schon gewagt.

Schließlich halten sich mehrere Universitäten in Deutschland einen Fachbereich mit Ernährungswissenschaften, und einige große Institute bekommen einen Haufen öffentliches Geld, damit sie, nun ja, vernünftige Studien durchführen.

Überhaupt hält man auch andernorts, geradezu in jedem Land der Welt, viel auf diese Ernährungswissenschaften.

 

Wenn die Ehre auf dem Spiel steht

Das steigert den Unterhaltungswert der Attacke natürlich erheblich: Wer wird in den Ring steigen, wer will Bartens widersprechen, wer stellt die Ehre der Geschmähten wieder her?

Quarkundso.de jedenfalls nicht. Die ganze Redaktion lehnt sich amüsiert zurück, knabbert ein paar Kokosmakronen und ist weit davon entfernt, in die Bresche zu springen, um organisierte Müsli- und Vollkornasketen zu verteidigen.

Die müssen schon selbst sehen, wie sie aus der Nummer rauskommen und ihr Image aufpolieren. Werner Bartens ist nämlich nicht alleine mit seiner Meinung – tatsächlich stehen die konventionellen Ernährungsempfehlungen vielerorts in der Kritik, weil sie eben keine wirklich wissenschaftliche Grundlage haben.

Auch ähneln die 10 Regeln der DGE inzwischen so sehr Omas Wissen – iss mäßig, aber regelmäßig, ausgewogen und vielseitig, nicht zu viel Süßes, genügend trinken – dass man sich fragt, warum diese ehrenwerte Gesellschaft dafür jedes Jahr fünfeinhalb Millionen Euro kassiert.

Gut, das ist nicht alles, was sie zu tun hat. Die DGE muss ja noch die ganze Forschung beurteilen. Und darin hat sie weiß Gott keine leichte Aufgabe, auch dazu kommen wir noch.

 

Wer forscht denn da?

Aber warum derweil nicht noch ein wenig zündeln? Das ist doch lustig.

Man könnte, ganz im Sinne von Werner Bartens, noch eine dünkelhafte Kaste und ein paar aufgeblasene Pfründenverwalter mit reinziehen, um eine ordentliche Schlammschlacht zum Thema „Wer ist Schuld am Ernährungsunsinn?“ anzuzetteln.

Da bietet der Artikel einen schönen Ansatzpunkt: Stimmt, wie kann man nur so bescheuert sein und schwachsinnige Behauptungen zu Nüssen und Herzgesundheit, Cranberries und Blaseninfektionen, Zimt und Diabetes aufstellen?

Das ist doch alles… wie sagt Bartens so richtig? „Keine Wissenschaft“.

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Aber wer macht oder will diese Forschung? Was sind das für Leute? Wer will das wissen mit den angeblichen Wirkstoffen in Lebensmitteln, und warum?

Wer untersucht Olivenöl, Fischöl, Heidelbeeren, Artischocken und Kurkuma? Wer stellt die Fragen, wer reitet darauf herum, dass Ernährung Krankheiten vorbeugen, Krebs heilen, das Hirn gesund halten und Herzinfarkt verhüten kann?

Tja. Wenn man versucht, diese Frage zu beantworten, kommt Erstaunliches zutage: Die Ernährungswissenschaftler sind es nicht. Herr Bartens hat sich wohl nicht ganz den richtigen Sündenbock ausgesucht.

 

Diese elenden Weißkittel

Denn es sind die Ärzte.

Mediziner, diese Halbgötter, die sich unheimlich viel auf ihre Zunft einbilden, aber bei den großen Volkskrankheiten im Nebel stochern. Sie sind es, die hauptsächlich auf der fantasierten Gesundheitswirkung von Lebensmitteln und Inhaltsstoffen beharren.

Werner Bartens müsste daher eigentlich den Ärger bei seinen gewissenlosen Medizinerkollegen abladen, vor allem bei bestimmten Fachrichtungen.

Da gibt es nämlich notorische Studienpanscher, die mehr oder weniger absichtlich Heilsbotschaften aus fragwürdigen Untersuchungen in die Welt pusten – Mediziner, wohlgemerkt, nicht Ernährungswissenschaftler.

Am schlimmsten sind die Kardiologen.

Das sind genau die, die dauernd was über Herzgesundheit und Ernährung herausfinden wollen. Warum? Weil sie keine Lösung für das Problem haben.

Sie können Herzinfarkte nicht verhindern und Patienten, die schon einmal einen Infarkt hatten und besonders gefährdet sind, selten retten. Sie haben einfach noch nicht herausbekommen, was wirklich die Ursache für Herzinfarkt ist: Cholesterin? Wenn ja, welches? Oder sind es die Triglyzeride? Entzündungsfaktoren? Zucker? Risse in den Gefäßwänden? Verklumpte Eiweiße? Die Gene? Stress?

 

Sie wollen doch nur helfen

Bis heute ist unklar, was genau dazu führt, dass in den Adern Fett- und Kalkablagerungen entstehen, die irgendwann platzen und als Gerinnsel die Herzkranzgefäße verstopfen. Nur ein paar Risikofaktoren zeichnen sich ab, zuvorderst Rauchen, Übergewicht und Diabetes.

Viel mehr wissen die Ärzte nicht, alle anderen wie Heilpraktiker oder Esoteriker schon gar nicht, übrigens. Trotzdem müssen zumindest die Mediziner von Berufs wegen etwas tun.

Also verschreiben sie Cholesterinsenker und Blutverdünner, legen Bypässe und setzen Stents ein, verordnen Diäten, autogenes Training und Bewegung, notfalls wird transplantiert, und alles zu Milliardenkosten.

Nebenher treiben sie aber fleißig Ernährungsstudien: Vielleicht lässt sich ja etwas entdecken, was im Vorfeld das Risiko senkt und was die Leute gerne tun. Essen, zum Beispiel. Dann würden den Ärzten nicht so viele Patienten unter den Händen wegsterben.

Ist ja auch dumm, sowas.

Und damit wir uns nicht missverstehen: Die Absicht ist keine schlechte – die wollen nur helfen.

 

Historisches Unheil: die Fettlüge

Dabei haben sie aber, was Murks mit Ernährungsstudien angeht, besonders viel erreicht: Die Kardiologen und ihre Verbände, darunter die American Heart Association, haben für die Verbreitung der großen Fettlüge gesorgt. Die kam ihnen damals, in den 1960er Jahren, gerade recht, nachdem ein karrieresüchtiger Biologe (!) behauptet hatte, dass gesättigte Fettsäuren und tierische Fette Schuld am Herzinfarkt seien.

Der Mann hieß Ancel Keys und steht heute für den wohl folgenreichsten Fehler der modernen Wissenschaftsgeschichte: die Verteufelung von traditionellen Nahrungsfetten.

Die Ärztezunft nahm den Schwindel aber sofort gierig auf und befeuerte damit eine beispiellose Kampagne, mit der billige Margarine und raffinierte Industrieöle unter dem Deckmantel der Herzgesundheit weltweit in den Markt gedrückt wurden.

Diese Fettlüge ist inzwischen passé. Aber die Kardiologen machen weiter.

 

Endlose Liste mit „gesunden“ Lebensmitteln

Nach den fragwürdigen Pflanzenölen, die leider nicht das gewünschte Ergebnis brachten, nahmen sie sich ein Lebensmittel und einen Inhaltstoff nach dem anderen vor: Olivenöl, Fischöl, Mandeln, Walnüsse, Kokosnüsse, alle Nüsse, Leinsamen, Buchweizen, Artischocken, Rotwein, Weißwein, Lycopin aus Tomaten, Kakao, grünen Tee, bittere Schokolade, Antioxidantien, Radikalenfänger, Polyphenole, Flavonole und andere Wunderstoffe – die Liste ist endlos.

Da ließen sich die Onkologen, die Krebsärzte, natürlich nicht lange bitten und sprangen auf den Zug auf: Klar müssen die Krebsauslöser aus der Nahrung kommen, und was vor Krebs schützt, ebenso.

Internisten, Rheumatologen, Onkologen, Allergologen, alle machen diese Studien, man kann hinschauen, wo man will: die meisten Antreiber von Ernährungsexperimenten sind Mediziner.

Wenn Werner Bartens also auf die Ernährungswissenschaften eindrischt, meint er die Medizin.

Das ist wirklich lustig, denn er ist ja nicht nur selbst Arzt, sondern auch noch ausgebildeter Internist, ausgerechnet aus der Fachrichtung Kardiologie: Seine Doktorarbeit schrieb er über genetische Faktoren beim Herzinfarkt.

Daher weiß er wohl so gut Bescheid – gut, auf den Ärzte-Job hatte er nach ein paar Jahren keine Lust mehr und wurde lieber Journalist, vermutlich, weil ihn die sinnlosen Forschungssimulationen genervt haben.

Denn wir haben ihn ja richtig verstanden. Und herrlich, dass das mal jemand sagt: was Ärzte treiben, ist „keine Wissenschaft“.

 

Schlechte Forschung gibt es überall

Auch der Erstautor der aktuellen Meta-Analyse zu den Nüssen, die Bartens so aus dem Häuschen brachte, ist Arzt – natürlich Kardiologe. Sieben weitere Autoren der Studie sind ebenfalls Ärzte, nur zwei haben hilfreiche Nebenfächer wie Biostatistik und Biochemie studiert.

Die inkriminierte Nuss-Studie aus den 1990er Jahren stammt selbstverständlich auch von einem Arzt, einem, wie sollte es anders sein, Internisten. Der hat sich die Arbeit dummerweise von den Nuss-Farmern in den USA sponsern lassen. Seine Studie war wegweisend und löste die Nuss-Euphorie aus, zahllose Untersuchungen – von Medizinern – folgten.

Nur: Niemand ruft danach, die Medizin abzuschaffen, weil es unter ihrem Deckmantel sinnlose Versuche, missglückte Experimente, schlechte Forschung, bestechliche Doktoren und geltungssüchtige Chefärzte oder Institutsleiter gibt.

Mit Recht darf man auch vermuten, dass es umgekehrt hervorragende Ernährungswissenschaftler gibt, die sich zum Beispiel mit Physiologie, dem Stoffwechsel, mit Kinder- und Mangelernährung, mit individualisierter Beratung und Therapie beschäftigen.

Einige sind Quarkundso.de bekannt, Namen auf Anfrage.

 

Völlig außer Kontrolle: Ernährungsthemen im Internet

Woran es aber oft hapert, ist die Kommunikation. Gegen falsche Behauptungen, geschönte Folgerungen, verzerrte Interpretationen, schlechte Artikel und reißerische Pressemitteilungen selbst von Universitäten und Forschungseinrichtungen ist noch kein Kraut gewachsen.

In der zweiten Zündstufe sind die Kollegen von Herrn Bartens gefordert. Also, seine journalistischen Kollegen, Anwesende eingeschlossen. Von den selbsternannten Ernährungsberatern, Fitness-Coaches und dem komplett außer Kontrolle geratenen Internet gar nicht erst zu reden.

Was diese Aufgabe angeht, steht Quarkundso.de jedoch an vorderster Front und erklärt sich hiermit bereit, neben dem Ernährungs- und dem Gesundheitsministerium auch das Forschungs- und das Informationsministerium zu übernehmen.

Aber erst nach Weihnachten.

Im neuen Jahr könnte damit immerhin alles in einer Hand liegen. Dann hört der Zank zwischen den Disziplinen auf und es wird vernünftig geforscht. Erste Maßnahme: Mehr seriöse Nuss-Studien. Schließlich wirft man lieber ein paar Nüsse ein als Betablocker und Blutverdünner.

©Johanna Bayer

„Stuss mit Nuss“ – die Glosse von Werner Bartens in der SZ

Die aktuelle Metaanalyse zu Nüssen im British Medical Journal

Auf Youtube: Mitschnitt einer Podiumsdiskussion mit Werner Bartens und Hannelore Daniel auf den Bayerischen Ernährungstagen – Bartens nimmt kein Blatt vor den Mund. Andere aber auch nicht. Zur Sache geht´s bei ab 24:40