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DIE WELT: Muss man vor einer Corona-Infektion Angst haben? Ein Rechtsmediziner dreht auf

+++Achtung, Eilmeldung+++Quarkundso.de unterbricht das Nörgeln zu Ernährungsthemen und nörgelt direkt zu Corona-Unfug+++Anlass ist ein Bericht in der WELT+++Rechtsmediziner erklärt, die Angst vor dem Virus sei überzogen+++Quarkundso.de widerspricht+++

Beitrag vom 15.4.2020

Es war der Tag, an dem der britische Premierminister Boris Johnson auf die Intensivstation gekommen ist, und an dem in den USA innerhalb von 24 Stunden mehr als 2000 Menschen am Coronavirus gestorben sind: An diesem 7. April 2020 erklärte ein prominenter Rechtsmediziner in Hamburg, das mit dieser Epidemie sei nicht so schlimm. Die Sache werde in der deutschen Sterbestatistik des Landes keine Spuren hinterlassen und die Angst vor dem Virus sei übertrieben.

So berichtet es die Tageszeitung DIE WELT. Zwei Tage später saß der Mann bei Markus Lanz im ZDF und breitete dasselbe nochmal aus.

Die Chefredakteurin hat nach dieser Einlassung sofort einen Corona-Krisenstab eingerichtet. Das Team darf unter ihrer Leitung ausnahmsweise direkt zu Corona-Themen schreiben, wenn Klärungsbedarf besteht, was steile Thesen angeht.

Das ist jetzt der Fall, bei dem prominenten Rechtsmediziner Klaus Püschel aus Hamburg. Weil er dort Corona-Tote obduziert und in ihren Körpern allerlei Abweichendes findet, meint er, das Virus sei „nur der letzte Tropfen gewesen“, denn in Hamburg sei „bisher kein einziger nicht vorerkrankter Mensch an dem Virus gestorben“.

 

Der Mann für schwere Fälle

Professor Püschel ist ein bekannter Mann. Er kommt aus dem Osten und hat schon viele Tote gesehen, darunter die Opfer von Serienkillern, mittelalterliche Moorleichen und den in der Badewanne aufgefundenen Uwe Barschel.

Dass man abgebrüht sein muss, wenn man jeden Tag Leichen aufschneidet, ist klar. Aber Püschel scheut sich auch nicht, lebenden Menschen etwas zuzumuten: Er ist dafür, den genetischen Code sämtlicher Bewohner Deutschlands zu speichern, um Verbrechern besser auf die Spur zu kommen – eine Vision, bei der Datenschützern die Haare zu Berge stehen.

Auch hatte er vor Jahren den zwangsweisen Einsatz von Brechmitteln bei einem Delinquenten befürwortet, der wegen Drogenhandels unter Verdacht stand. Der Mann starb, nachdem ihm gegen seinen Widerstand das Mittel über eine Sonde eingeflößt worden war, keiner der beteiligten Rechtsmediziner wurde je verurteilt.

Ansonsten rät der Professor zwecks Organspende zu einem „rationaleren Umgang mit Leichen“ seitens der Angehörigen (in der TAZ), und wünscht sich ein „distanziertes Verhältnis zum Tod“ (DIE WELT).

Das erklärt vielleicht seine Sicht auf die Corona-Pandemie, nach der es nur Leute trifft, die sowieso bald den Löffel abgeben müssen. Alle anderen brauchen sich kaum Sorgen zu machen, sagt Herr Püschel.

DIE WELT zitiert den Arzt so:

„Es gebe keinen Grund für Todesangst im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Krankheit in der Region: „Alle, die wir bisher untersucht haben, hatten Krebs, eine chronische Lungenerkrankung, waren starke Raucher oder schwer fettleibig, litten an Diabetes oder hatten eine Herz-Kreislauf-Erkrankung.“ Das Virus sei in diesen Fällen der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe.“

Zu Ende gedacht lautet diese Position so: „Wer an Corona stirbt, kann sowieso weg“.

 

Unwertes Leben und die Angst vor dem Risiko

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Derlei geht – ganz böse ausgedeutet – in Richtung „unwertes Leben“, und landet beim Euthanasie-Gedanken der Nazis, aber das wollte Herr Püschel bestimmt nicht sagen. Hoffen wir, wer weiß das schon.

Wenn ein Arzt sich so dezidiert in der Presse äußert, muss er sich jedoch etwas gedacht haben. Und es sollte nicht ganz dumm sein, das unterstellen wir zu seinen Gunsten.

Wie es scheint, hebt Professor Püschel tatsächlich auf so etwas wie Risikowahrnehmung ab: die persönliche Einschätzung von Gefahren, die im Leben auftreten können, auch: das Wissen um die statistische Wahrscheinlichkeit, dass ein Unglück oder eine Gefahr einen selbst treffen könnte.

Menschen wägen dabei ab – sie steigen zum Beispiel in Massen und regelmäßig ins Flugzeug, obwohl Flugzeuge abstürzen können, wobei meistens alle Passagiere ums Leben kommen. Aber Flugzeuge stürzen eben selten ab, seltener als ein Auto gegen einen Baum fährt.

Deshalb fliegen Leute trotz der Gefahren, und noch häufiger fahren sie Auto, weil sie beim Autofahren schlicht den Nutzen gegen die Gefahr abwägen. Und ohne Auto ist man in Deutschland nur ein halber Mensch, daher sagen sich an die 30 Millionen deutsche Autofahrer: „Ich fahre so vorsichtig – oder so gut – wie möglich, damit kann ich das Risiko klein halten.“

Das Gefühl, eine Gefahr einschätzen zu können, ist zumindest psychologisch sehr wichtig für die Frage, wie ob man im Alltag handlungsfähig bleibt.

Der Rechtsmediziner Püschel setzt jetzt das Corona-Risiko für alle herab: Todesangst ist bei dem neuen Virus komplett „überzogen“, überhaupt muss man keine Angst haben, denn in Deutschland stirbt man aus anderen Gründen.

 

Die kranke Gesellschaft

Allerdings widerspricht sich Herr Püschel dabei selbst. Denn wenn man seine Aufzählung zu den Vorerkrankungen ernst nimmt, dann haben viele Leute ein höheres Risiko – sogar sehr viele.

Leider nennt Püschel hier keine Zahlen, genau die wären aber interessant: Wie viele Menschen sind denn betroffen von diesen Erkrankungen, die Püschel als Todesursache identifiziert?

Die Abteilung Dokumentation & Recherche von Quarkundso.de hat den Anteil dieser Betroffenen an der Bevölkerung mal quantifiziert, was nicht so einfach ist. Deshalb machen das die Fachgesellschaften nicht, da will sie niemand festlegen, wenigstens nicht öffentlich. Quarkundso.de schätzt daher beherzt – näherungsweise kamen folgende Zahlen heraus, alle Werte gerundet:

Schwer fettleibig: 20 %

Starke Raucher: 10 %

Diabetiker: 10 %

Herz-Kreislauf-Erkrankung: 10 %

Chronische Lungenerkrankung 6 %

Asthma 6 %

Krebs 2 %

(Quellen: Robert-Koch-Institut – Gesundheitsmonitoring, Herold – Innere Medizin, Krebsinformationsdienst am DKFZ Heidelberg u.a.)

 

Natürlich darf man nicht alle einfach zusammenzählen, weil unter den Älteren viele Diabetiker und Fettleibige sind, unter den Lungenkranken viele Raucher und so weiter. Die Schnittmengen sind groß.

Trotzdem: Die Gesamtschätzung von Quarkundso.de ergibt, dass alleine in der Aufzählung des Hamburger Experten ein Anteil von 30 Prozent der Deutschen steckt. Mindestens.

Und das sind noch nicht alle: Rheumakranke kommen dazu, die Kortison nehmen, Menschen mit Multipler Sklerose, die Immunmedikamente bekommen, Transplantierte und Patienten mit seltenen Krankheiten, deren Immunsystem unterdrückt wird und die deshalb anfälliger für Virusinfektionen sind.

 

Geburtenstarke Jahrgänge: mal wieder vorn

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Damit sollte klar sein: Selbst vorsichtig geschätzt gehören so viele Deutsche zur Risikogruppe, dass es in Ordnung ist, wenn Angst vor dem Coronavirus herrscht.

So sieht es auch das Robert-Koch-Institut:

Die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland wird derzeit insgesamt als hoch eingeschätzt, für Risikogruppen als sehr hoch. Die Wahrscheinlichkeit für schwere Krankheitsverläufe nimmt mit zunehmendem Alter und bestehenden Vorerkrankungen zu.

(Quelle: RKI, abgerufen am 11.4.2020)

Mit „Gefährdung“ meint das Robert-Koch-Institut übrigens die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken und so schwer zu erkranken, dass man auf der Intensivstation landet.

Zu den „Älteren“ rechnet das Robert-Koch-Institut aber schon Menschen zwischen 50 und 60 Jahren, Grund: Ab diesem Alter lassen die Abwehrkräfte nach, das Immunsystem altert.

Weil in dieser Gruppe die geburtenstarken Jahrgänge stecken, ist der Anteil dieser Älteren sehr groß. Sie stellen alleine fast die Hälfte der Deutschen, rund 47 Prozent: Jede und jeder Zweite hat also schon kein normales oder geringes Risiko mehr, sondern alleine aufgrund des Alters eine erhöhtes.

Wie hoch die Gefahr für Senioren dabei ist, sieht man an den Bewohnern mehrerer Pflegeheime, die wie die Fliegen starben, als das Virus eindrang, sowohl in Deutschland als auch anderswo, zum Beispiel in Belgien.

Auf diesem Hintergrund sind die Aussagen des Herrn Püschel geradezu zynisch.

 

Das Glück der Deutschen

Auch in deutschen Kliniken gibt es Probleme mit Krankenhauskeimen.

Aber der Professor will Hoffnung machen und weist auf das Wesentliche hin:

„Wir haben in Deutschland keine italienischen Verhältnisse.

Wir haben ein gutes Gesundheitssystem, und ich bin überzeugt, dass wir die Pandemie gut beherrschen können.“

Dieser Vergleich klingt nicht nur kaltherzig. Er klingt auch chauvinistisch – als ob ein Land, das viel hat, sich von den nächsten Nachbarn und Bündnispartnern abschotten und ihnen überdies hämisch auf den Kopf spucken könnte: „Haha, diese Italiener, ist doch klar, dass die es nicht hinkriegen mit ihrer Schlamperei, aber wir Deutschen, wir beherrschen die Lage!“

Von solchen Untertönen abgesehen kann man auch die Aussage selbst hinterfragen. Denn mit dieser Haltung könnten Artisten auf ihr Netz verzichten, Bergsteiger auf ihr Seil und Bauarbeiter auf ihren Schutzhelm – schließlich haben wir doch ein gutes Gesundheitssystem!

Aber so ist es natürlich nicht. Fast alle Leute vermeiden Verletzungen lieber als dass sie in ein Krankenhaus gehen, sei es auch das Beste im ganzen Land. Das liegt daran, dass es in Kliniken immer Risiken gibt. Schon die künstliche Beatmung und das Intubieren mit dem Schlauch in die Luftröhre zum Beispiel kann Komplikationen und Infektionen nach sich ziehen.

Gefährliche resistente Krankenhauskeime treiben nicht nur in schlampigen Mittelmeerländern, sondern auch in deutschen Hospitälern ihr Unwesen. Darunter ist ein Lungenbakterium, das besonders gerne Intensivpatienten befällt, die künstlich beatmet werden.

Sicher, die Coronainfektion überleben bisher die meisten, viele sogar symptomlos, und wer ins Krankenhaus muss, wird danach oft wieder gesund.

Aber das kann lange Zeit, einige Monate, dauern. Und vielleicht bleibt etwas zurück, Kurzatmigkeit, zum Beispiel. Denn noch weiß man nichts Genaues über Spätfolgen. Dazu zählt eine eingeschränkte Lungenfunktion und eine später einsetzende Vernarbung der Lunge, die sogenannte Lungenfibrose; möglicherweise sind auch Herz und Blutgefäße gefährdet.

Hinweise darauf gibt es schon, zum Beispiel aus der früheren SARS-Epidemie von 2002/2003 und aus chinesischen Studien zum neuen Corona-Virus, wie unter anderem der NDR in seinem Podcast mit Christian Drosten berichtet.

Das wird Herr Püschel, der Tote seziert, vielleicht nicht ganz so gut im Blick haben wie Mediziner, die Covid-Patienten untersuchen.

 

Leben mit Corona: Check Dein Risiko!

Leben mit Corona bedeutet: Hände waschen!

Um das alles aufzuklären, braucht man weiterhin Zeit – für Studien und für die Beobachtung vieler Menschen, die die Infektion überstehen.

Übervolle Intensivstationen und Kranke auf den Gängen kann man da nicht gebrauchen.

Die gefährliche Ansteckung also weiterhin so gut wie möglich zu vermeiden, daran geht wohl kein Weg vorbei, wie das Robert-Koch-Institut um Ostern 2020 verkündet hat.

Eine individuelle Risikowahrnehmung von „Ich krieg das nicht!“ bis zu „Wir haben doch ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem!“ ist davon unabhängig.

Aber sie ist unrealistisch.

Realistisch ist es, sich der eigenen Risikofaktoren von Alter über Gewicht bis zum Lebensstil bewusst zu werden. Denn selbst wenn der gewohnte Alltag ab Mai 2020 – vielleicht – wieder anlaufen kann, ist deshalb das Virus nicht verschwunden. Und angesichts der Millionen von gefährdeten Menschen mit Risikofaktoren fragt sich, was jeder Einzelne tun kann.

Sich vor Ansteckung zu schützen, mit einfachen Maßnahmen, so gut es geht – Abstand halten, Hände waschen, Masken tragen – ist das eine.

Etwas anderes wäre ein Aufruf an die Bevölkerung, den eigenen Körper in einem Zustand zu halten, dass er Viren bekämpfen und Selbstheilungskräfte aktivieren kann. Den Aufruf haben wir im Beitrag vom 3.4.2020 schon geleistet.

Nach der Einlassung des Leichenfachmanns juckt es die Abteilung Dokumentation & Recherche, etwas zu ergänzen: Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes führen genau zu den Krankheiten, die das Risiko für schwere Corona-Verläufe eindeutig erhöhen und die Herr Püschel aufgezählt hat.

Man kann sie durch einen gesunden Lebensstil tatsächlich vermeiden. Man kann also mit dem Rauchen aufhören (jetzt!), den Alkoholkonsum reduzieren und sich mehr an der frischen Luft bewegen, man kann abnehmen und sein Gewicht kontrollieren.

Aber so etwas zu fordern ist natürlich extrem pauschal und überdies unpopulär, wenn nicht unzumutbar. Die Chefredakteurin hat einen so moralinsauren Aufruf daher untersagt – wozu haben wir denn unser ausgezeichnetes Gesundheitssystem.

©Johanna Bayer

 

Artikel zu den Aussagen von Prof. Dr. Klaus Püschel in DIE WELT vom 8.4.2020

Das Robert-Koch-Institut zur Risikogruppen

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