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ZEIT online über Alkohol in Zeiten von Corona: Wir können nicht anders! Wirklich?

Ohne Schnaps, Bier und Wein geht in der Pandemie nichts, behauptet ein Autor bei ZEIT online – und das sei in Ordnung so. Um seine Thesen zu untermauern, biegt er sich Zahlen zurecht, am Ende plädiert er für Alkohol als letzte Rebellion gegen das Corona-Korsett. Quarkundso.de rät: Wer trinken muss, sollte nicht auch noch darüber schreiben.

Beitrag vom 16.3.2021

Bild: Peter Ivey Hansen / Unsplash

Es kann hier nicht immer nur um Essen gehen. Daher dreht sich dieser Beitrag ums Trinken, also um Alkohol.

Alkohol, dieser große Tröster, das gnädige Gift, das Herzblut der abendländischen Kultur, weil schon ihr oberster Chef Wasser in Wein und Wein in Blut verwandelt hat, weswegen seinen Anhängern gerne Kannibalismus vorgeworfen wird.

Alkohol also. Ob, warum, wie lange man darauf verzichten kann oder sollte, ist regelmäßig Thema in Genusskolumnen, besonders jetzt, in der Fastenzeit.

Und Genusskolumnen sind immer für das Trinken. Immer.

Ihr Strickmuster ist ein ewiger Dreischritt: Jemand bekennt, dass er – oder sie – trinkt. Regelmäßig. Auch mal mehr als gut ist.

 

Nicht-Trinker als freudlose Asketen

Im Hauptteil, wo es um Begründungen und Argumente geht, fragt er oder sie, warum man sich das nicht gönnen sollte und wer eigentlich etwas dagegen hat. Jaja, Trinken ist nicht gut. Wir kennen die Zahlen, hier, wir leiern sie pflichtschuldigst herunter, zitieren Drogenbeauftragte und Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Aber mal ehrlich – brauchen wir nicht alle spätestens am Abend was zu trinken? Als Lichtblick im Jammertal des Lebens, nach nerviger Kinderbetreuung und stressigem Job? Löst der Götterstoff nicht Herz und Zunge beim Date, unter verstummten Paaren, wiegt er nicht sanft in den Schlaf?

Also bitte. Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein, im Übrigen sind Nicht-Trinker freudlos, verkniffen und haben keine Freunde.

Am Ende steht immer fest: Alkohol ist Privatsache, wie ich mich vergifte, entscheide ich selbst. Außerdem gehört der Rausch zum Leben und verbieten lassen wir uns sowieso nichts.

 

Corona: Ist Alkohol die Lösung?

Diese Schablone für Genusskolumnen aus dem Baukasten der Liberalen und Libertären ist universell: Für Alkohol kann man auch Rauchen, Computerspiele, Facebook, Roulette, Sex, Pornos, Essen, Übergewicht, Haschisch, Fleisch, Süßigkeiten oder Bingewatching von Netflix-Serien einsetzen.

Den klassischen Aufbau ziehen alle Kolumnisten durch, neulich auch einer in der Zeit. Da ging es ums Trinken in der Pandemie. Angeblich trinken „wir“ (alle) seit Anfang 2020 mehr, öfter und früher am Tag als je zuvor – weil Trinken Freiheit bedeutet:

Ständig sprechen wir darüber, was, wie viel und wann wir trinken – und ob das noch im Rahmen ist. Kein Wunder: Zu trinken ist eine der letzten Freiheiten im Lockdown.

Alkohol wird laut Autor Jakob Pontius sogar zum „Grundrauschen der Pandemie“, die „nüchtern kaum zu ertragen“ ist (so ein anderer Zeit-Titel zum Thema).

Und angeblich reden „wir“ auch nur noch von Alkohol, über das Glas Wein „als Tageshighlight, auf das man hinarbeitet“: „Wir trinken und trinken – und reden ständig darüber.“

Abgesehen von dem populistischen, übergriffigen Eingemeinden der Leser ist das mit dem „wir alle“ und „immer mehr“ schon eine sehr steile Annahme. Dafür müsste es eigentlich Zahlen geben – Verkaufsstatistiken zu Bier, Schnaps und Wein, zum Beispiel. Doch im Hauptteil des Beitrags wird es damit dünn.

 

Die Statistik gibt es nicht her

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Denn die Zahlen der Getränkeindustrie belegen nicht, dass in der Pandemie im großen Stil mehr getrunken wird: Die Bierbrauer haben Minus gemacht, der Weinabsatz im Handel zeigt nur sechs Prozent Steigerung für das ganze Jahr 2020, wie das Deutsche Weininstitut berichtet.

Das ist, gemessen an vier Monaten Lockdown 2020 und einem Umsatzeinbruch in der Gastronomie von 38 Prozent, nicht viel.

Mit anderen Worten: Etwas mehr Wein wurde im Vergleich zum Vorjahr zwar von Privathaushalten gekauft. Aber dafür fielen Restaurant- und Barbesuche weg, und dazu die Urlaubsreisen in andere Länder. Dort wird zwecks Erholung bekanntlich gerne und viel getrunken, das mussten die Deutschen 2020 wohl oder übel zuhause tun.

Scheinbar haben sie sich dabei ziemlich zurückgehalten, wie die mageren sechs Prozent Jahresplus im Handel zeigen.

„Ein Blick auf die Umsatzzahlen in der Getränkebranche liefert zunächst ein widersprüchliches Bild“, räumt Genussautor Pontius widerstrebend ein – ehrlicherweise hätte er sagen müssen, dass die Zahlen seine Annahme einfach nicht stützen.

Dann aber bricht auch die These zusammen – dass es völlig in Ordnung ist, zu trinken, dass „wir“ trinken müssen, und zwar mehr als sonst.

 

Was die Zahlen wirklich sagen

Also gibt er nicht auf, alternative Fakten müssen her. Die findet Pontius in einer Auswertung vom letzten Jahr. So verweist er darauf, dass im zweiten Quartal 2020 von April bis Juli ganze 12,8 Prozent mehr Wein verkauft wurden, und zwar „trotz geschlossener Restaurants“. Als Beleg verlinkt er auf eine österreichische Weinseite.

Österreich? Nanu? Nicht selbst in Deutschland recherchiert?

So oder so, der Beleg taugt nicht. Denn erstens wurde im Frühling mehr Wein in Supermärkten und Weinläden verkauft, weil die Restaurants geschlossen waren. Nicht „trotz geschlossener Restaurants“.

Exakt so steht es auf der Seite von „Der Winzer.at“, von der ZEIT als Quelle verlinkt.

Zweitens aber erläutert die Redaktion des Fachportals die Zahlen und zitiert dazu das Deutsche Weininstitut: „Rund vier Prozent mehr Haushalte hätten aufgrund des Lockdowns in der Gastronomie mehr Wein eingekauft als im Vorjahresquartal, erläutert DWI-Geschäftsführerin Monika Reule.“

Aha, vier Prozent der Haushalte. Das ist nicht so viel.

 

Auch der Schnapskonsum nimmt ab

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Bleibt noch das Hochprozentige. Aber die Spirituosenbranche erwähnt Pontius sicherheitshalber nur am Rande. Die kann nämlich sein Sittengemälde von „Trinken gegen Corona“ erst recht nicht stützen: Seit Jahren stagniert der Konsum von harten Sachen.

Es gibt einen auffallenden Trend zum bewussten, gemäßigten Trinken, dem „Mindful Drinking“. Der größte Boom in der Branche gehört gerade den alkoholfreien Drinks, so eine repräsentative Umfrage des Rumherstellers Bacardi von Januar 2021.

Schon im Mai 2020, nach der ersten Infektionswelle, beklagten die Schnapsbrenner, dass Corona ihre Umsätze zusätzlich bremst, nicht steigert. Die Einkäufe der Privathaushalte machten den Ausfall durch die geschlossenen Bars nicht wett.

Das galt auch in der zweiten Jahreshälfte, als im Lockdown vor Weihnachten das lukrative „Jahresendgeschäft“ ausfiel, wie das Fachblatt Lebensmittelpraxis berichtet.

 

Es geht um Sucht

Aber in den Genusskolumnen der Libertären geht es nicht um Fakten. Es geht um ein festes Weltbild vom Menschen als Triebtäter.

Und um die ganz großen Fragen, an erster Stelle steht natürlich die Freiheit. Dann ist da der Rausch als Menschenrecht, und dahinter steht eine angenommene conditio humana, die lautet: Wir können nicht anders.

Auf der Suche nach Belegen für den naturgegebenen Rausch muss Pontius aber von hinten durch die Brust ins Auge. Erst wirft er sich auf eine größer angelegte internationale Umfrage, den Global Drug Survey, dann auf eine Umfrage von Suchtforschern des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim.

Drogen. Sucht.

Da müsste es eigentlich geklingelt haben, im Hirn des Krisen-Trinkers Pontius. Denn die Studien, die er zitiert, haben einen bestimmten Hintergrund. Sie wollen Risikogruppen identifizieren, sie sprechen Menschen an, die ohnehin regelmäßig Drogen, auch harte, konsumieren.

Und den gepflegten Alltagskonsum der Normalverbraucher geht es nicht.

 

Manche sind gefährdet

In der Pandemie gefährdet: Menschen mit problematischem Alkoholkonsum. / Bild: Hayes Potter – Unsplash

Die Teilnehmer dieser Studien sind auch nicht repräsentativ ausgewählt, sie bilden nicht die Bevölkerung ab.

Stattdessen sind es Betroffene, die sich freiwillig melden, wenn sie sich bei der Frage: „Konsumieren Sie seit Corona mehr oder regelmäßig Drogen?“ angesprochen fühlen.

Das ist im Design von Studien schon ein Unterschied. Doch nicht einmal in diesem Kollektiv zeigen die Ergebnisse, dass „alle“ immer mehr „trinken und trinken“.

Stattdessen zeigen sie, wie man in den verlinkten Quellen nachlesen kann, dass die Mehrheit der Befragten seit Beginn der Pandemie gleich viel oder sogar weniger Alkohol trinkt.

In der deutschen Studie des ZI Mannheim sind das ganze 62 Prozent der Teilnehmer.

Speziell die Suchtforscher, die Pontius zitiert, erklären dazu, dass „manche Menschen“ in der Pandemie viel mehr Alkohol trinken – manche. Es ist nicht die Mehrheit, es ist nur ein gutes Drittel. Und ganze acht Prozent haben in der Umfrage des ZI Mannheim im Frühjahr 2020 angegeben, dass sie „viel mehr trinken“.

Das ist eine Minderheit. Doch diese Minderheit ist gefährdet, weil ihr Verhalten auf Sucht hinweist.

Die Expertengruppe aus Mannheim spricht die Gefahren dieses Verhaltens an: Risikogruppen, nämlich Menschen, die vorher schon regelmäßig oder viel Alkohol getrunken, die geraucht oder andere Suchtmittel genommen haben, brauchen in der Pandemie Hilfe.

Und ja, Pandemien sind ein Nährboden für Süchte. Gemeint ist: Süchte, die schon bestehen. Nicht: In der Corona-Pandemie werden Menschen reihenweise süchtig – „wir alle“, der Wunschtraum der Libertären zwecks Rechtfertigung ihres Menschenbildes.

 

„Wir sind alle kleine Sünderlein“

Pontius hat also wieder Pech gehabt – auch Studien und Umfragen bestätigen seine Thesen nicht. Aber es gibt ja noch den Expertentrick: eine Autorität zitieren, die die eigenen Spekulationen untermauert.

Dazu fragt Pontius niemanden, der sich mit Drogen, Sucht, Trinken, Alkohol auskennt, zum Beispiel aus der Suchtforscher-Gruppe im ZI Mannheim. Das wäre naheliegend gewesen, die hätten ihm auch gleich ihre Umfrage erklären, die Zahlen von 2020 einordnen und den neuen Stand 2021 durchgeben können.

Nein, Pontius fragt lieber einen Genuss-Soziologen. Über die – im Übrigen falsch verstandene – Plattitüde von „Wir sind alle kleine Sünderlein“ geht dessen Antwort nicht hinaus.

Das reicht dem Essayisten. Es ist systemstabilisierend, unkritisch, erklärt nichts und rechtfertigt jede Art von Rausch. So muss er weder seine eigenen Spekulationen noch seine Annahmen über die Gründe des Trinkens in Frage stellen.

Er kann bei seiner Nabelschau mit Pseudo-Belegen bleiben und sich am Ende nochmal als Corona-Trinker outen:

„Ich rechne mich zu den sozialen Trinkern, die auch ohne große Runden weiterhin Anlässe finden, ein Glas Wein einzuschenken – und das ist in Ordnung.

Denn der Alkohol ist nicht nur Quälgeist, nicht nur Fiepen im Ohr. Wenn die Welt schließt, die Kultur verstummt, das Reisen verboten wird oder wenigstens unangebracht ist, dann ist moderates Trinken ein letzter Zipfel Freiheit.

Was vorher schon galt, wird jetzt noch einmal deutlicher: Kontrolle heißt nicht automatisch Verzicht, Leben nicht automatisch Gesundheit.

Ich kann mich auch bewusst für eine maßvolle Dosis Gift entscheiden.

Das ist meine trotzige kleine Rebellion gegen das notwendige Korsett der Corona-Einschränkungen: der kontrollierte Kontrollverlust.“

Dabei zählt Pontius sich und seine Freunde übrigens nicht zu den Gefährdeten, obwohl er schildert, wie seine Gedanken ständig um den Alkohol kreisen oder wie sich eine Kollegin statt Tee neuerdings „hochprozentige Mischgetränke“ in die Thermoskanne füllt. Dieses Verhalten könnte in einem Test für riskanten Alkoholkonsum schon als problematisch durchgehen, kleiner Tipp. Den Link zum Selbsttest gibt es natürlich als Service am Ende.

 

Trinken. Aber nicht darüber schreiben

Mit seinen Bekenntnissen hat der Autor das Klischee der Genusskolumne jedenfalls ganz durchgespielt.

Leider konterkariert er nebenbei auch die Bemühungen der Ärztinnen, Psychologen, Suchtexperten, Präventionsmediziner – der Menschen, die ihre Kraft dem Kampf gegen Sucht und Drogenmissbrauch zu widmen.

Auf deren Studien verlinkt er zwar in dem Versuch, seine falschen Annahmen zu stützen. Ihre Bemühungen, auf die Gefahren des Drogen- und Alkoholkonsums in der Pandemie hinzuweisen, wischt er danach aber vom Tisch, denn Trinken ist ja „in Ordnung“.

Nun könnte einem dieses unbefangene Geklittere von Daten, Befunden und Zitaten, dieses Zurechtbiegen von Zahlen und Studien zugunsten einer feuilletonistischen These egal sein, hätten wir nicht eine Pandemie.

Wir haben aber eine. Und wir haben Alkohol und Drogen, wir haben Gewalt in Familien, wir haben Milieus, die durch noch mehr Alkohol und Drogen im „Kontrollverlust“ noch gefährlicher werden, zum Beispiel für Frauen und Kinder.

Da wäre es schön gewesen, wenn man sich am Ende zum – moderaten? – Alkoholkonsum bekennt, ohne ihn mit querdenkerischen Parolen von „Rebellion“, „Korsett“ und „letzte Freiheit in Zeiten von Corona“ zu versehen.

Mit anderen Worten: Wer in Zeiten der Pandemie trinken muss, sollte nicht auch noch darüber schreiben.

 

©Johanna Bayer

 

Alkohol ist der Tinnitus der Pandemie – Artikel bei ZEIT-Online mit Links zu Quellen.

Das Deutsche Weininstitut mit den Zahlen zum Corona-Jahr 2020

Selbsttest zum Alkoholkonsum der BZgA  – Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 

Übrigens: Alkohol schwächt das Immunsystem. Wer seinen Körper gegen Corona stärken will, tut also gut daran, weniger zu trinken, Quarkundso.de berichtete.

Geld und so in Zeiten von Corona: Spenden Sie jetzt!

Das bleibt natürlich völlig freiwillig. Einfach ins Sparschwein stecken, es steht mit diesem Bild oben rechts im Menü.

Schon wieder Zucker im SPIEGEL – und was wirklich dick macht

Zu Zucker ist alles gesagt, besonders vom SPIEGEL. Aber die Leier mit dem weißen Gift und der unheimlichen Lobby kommt immer wieder, wie in der Titelgeschichte vom 5.4.2018. Quarkundso.de verweist stattdessen auf ein umfangreiches Zucker-Dossier. Und enthüllt, dass sich an die wahren Dickmacher keiner rantraut.

Beitrag vom 28.4.2018

Bunte Zuckerstangen nah

Zuckerzeug – die Aufregung um den Süßkram lohnt nicht. Einfach weniger davon essen. Aus.

 

Och nöööö, SPIEGEL! Nicht schon wieder die Zucker-Nummer! Das ist doch langweilig.

Es gibt nichts Neues zur Sache, und das Rumreiten auf der angeblichen Lobby-Verschwörung in den USA, wie in der Titelgeschichte vom 5.4.2018 ausgewalzt, bringt für deutsche Verhältnisse nichts.

Es ist auch etwas fade, dass der Autor, SPIEGEL-Redakteur Jörg Blech, in dem Artikel lange Passagen aus seinem 2017 erschienenen Buch aufwärmt.

Dazu montiert er einen Arzt als O-Ton-Geber und einen netten szenischen Einstieg mit Schulkindern – zack, fertig ist die neue Titel-Story im Blatt.

Beides funktioniert übrigens nur mäßig.

Das mit dem zuckerfreien Vormittag in der Grundschule zeigt beispielhaft, wo wirklich die Verantwortung liegt, nämlich bei den Eltern und den Betreibern der Schulkioske.

Der Arzt, Dr. Stephan Martin aus Düsseldorf, den Blech ausgegraben hat, wird vor allem sekundär zitiert, nämlich aus seinem Buch. Immerhin hat Blech auch mit ihm persönlich gesprochen. Ein Zitat ist im Artikel fett gesetzt:

Zucker macht nicht krank?
„Es ist bedauerlich, dass Leute einfach Unwahrheiten von sich geben.“

 

Kaum ein Mediziner hält was von der Zucker-Hysterie

Stephan Martin ist aber vor allem ein Praktiker und Diabetologe, der einer Low-Carb-Ernährung für Diabetiker anhängt. Es geht ihm um Ernährungsempfehlungen für Diabetiker sowie um Kohlenhydrate allgemein, speziell um Stärke, und nicht um weißen Zucker als Stoff. Die einseitige Konzentration auf Zucker hält Martin nicht für zielführend. In Fachartikeln kritisiert er das alleinige „Anprangern von Haushaltszucker“ wie in der Anti-Zucker-Kampagne einiger Krankenkassen.

Für den SPIEGEL ist er aber der einzige ärztliche Kronzeuge, den Blech aus konkretem Gespräch zitiert. Denn sonst ist wohl kein seriöser Mediziner für die Panikmache der Zuckerfeinde zu haben.

Natürlich sind alle Fachleute dafür, Übergewicht zu bekämpfen und in diesem Zuge weniger Zucker – unter anderem – zu essen. Aber die Hysterie dem reinen Stoff gegenüber teilen sie nicht.

Diese Reserviertheit der Experten liegt auch an den vielen verzerrten Details und der Schwarz-Weiß-Malerei, mit der die Zucker-Gegner in den Ring steigen.

So suggeriert Blech, dass Zucker, den wir essen, hohen Blutzucker macht und die Arterien verklebt, und dass die Lebensmittelindustrie absichtlich Zucker zusetzt, um Menschen zu unkontrollierten Fressanfällen zu verleiten.

Beides ist Unsinn.

 

Indien: Gesunder Zuckersaft

Dass die Hersteller Zucker zufügen, um die Kunden abhängig zu machen und deren Gehirne zu manipulieren, ist eine Verschwörungstheorie reinsten Wassers und kommt kurz hinter Chemtrails.

Ja, die Industrie tut Zucker rein. Und zwar überall dort, wo die deutsche Hausfrau und der durchschnittliche Koch auch Zucker reintun. Die Rezepte funktionieren übrigens ziemlich gut, und sie wurden über Jahrtausende erprobt: Zuckerbäcker waren schon im alten Indien und im Arabien des Harun Al Raschid eine angesehene Zunft.

Tatsächlich gilt Zuckersaft, frisch gepresst aus Zuckerrohr, noch heute in Indien als gesund, nämlich als gut für die Nieren, wirksam gegen Krebs, ausleitend und reinigend, gemäß ayurvedischen Prinzipien. Auf Märkten stehen die Menschen dafür Schlange, wie Quarkundso.de auf Recherchereise dokumentieren konnte.

Und ja, in Europa sollte man natürlich nicht so viel Rübenzucker essen. Das liegt daran, dass hier der Ernährungsstil viel üppiger ist als in Indien und man schnell dick wird. Es stimmt auch, dass – im Schnitt – alle zu viel Zucker zu sich nehmen, und viel mehr davon essen als früher überhaupt möglich.

Doch die Lösung dafür ist einfach: weniger Süßes essen.

Das ist alles.

Hier die Beweisbilder von einem Marktstand mit Zuckerrohr im südindischen Goa. Der Zuckersaft, versetzt mit ein paar Tropfen Limette, schmeckt übrigens köstlich.

 

 

 

Welcher Zucker verklebt das Blut?

Um das zu erreichen, muss man sich halt am Riemen reißen. Und auch die eigene Küchenpraxis, eigene Geschmacksgewohnheiten, Alltagsrituale wie „Naschen“ oder den „kleinen Hunger zwischendurch“ in Frage stellen.

Produkte, die die Industrie auf den Markt wirft, nutzen nur die eigenen Schwachstellen und sind schlicht das, was die Kunden auf Teufel komm raus verlangen. Denn so sieht es aus: Der Deutsche will die süße Note, und zwar in allem, von Salatdressing über Rotkraut und Gewürzgurken bis zur Tomatensuppe.

Quarkundso.de kann gar nicht genug dagegen polemisieren, und speziell für die Chefredakteurin ist dieses Süßgepansche in allen Speisen die Pest. Allerdings ist das vor allem eine Geschmacksfrage. Es geht nicht um Zucker als Stoff. Reingemischt werden auch Honig, Agavendicksaft oder Ahornsirup, Hauptsache süß.

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Was den Zucker im Blut aber angeht: Der kommt vom Überessen, und zwar auch, wenn Menschen, speziell Übergewichtige, keine Süßigkeiten in sich reinstopfen. Man kann sich die Kilos und die darauf folgende Insulinresistenz nämlich auch mit Brot und Nudeln, Fleisch, Wurst und Obst (so gesund!) anfressen.

Der Körper wandelt, was Herrn Blech als Biochemiker sehr wohl bekannt ist, alle Kohlenhydrate wie Stärke, aber auch Eiweiß in Blutzucker – Glukose – um, vermutlich macht er das sogar mit gespeicherten Fettsäuren.

Man muss für einen hohen Blutzucker also keinen Rüben- oder Rohrzucker, Saccharose, gegessen haben.

Ernährungsprotokolle von Medizinern beweisen das: Sie zeigen, dass schwer Übergewichtige oft wenig Süßes essen, dafür aber allerlei anderes, darunter vor allem Wurst, Nudeln, Obst und Brot.

Und das oft und viel. Das ist das Problem. Und nicht der weiße Haushaltszucker.

 

Statt Zucker: gepimpte Süßmittel aus Genmais

Wir von Quarkundso.de wollen uns daher mit dem aufgewärmten Buchkapitel, das der SPIEGEL als aktuelle Titelstory verkauft, nicht weiter abgeben.

Auch halten wir Zucker in der Küche für unentbehrlich – und Gott bewahre uns vor künstlichen Ersatzstoffen wie dem gepimpten Fruktosesirup aus genmanipuliertem Mais oder synthetischen Süßmitteln wie Sucralose, die ebenfalls aus Genmais gebastelt werden.

Beide Stoffe sind zwar inzwischen in der EU zugelassen, aber zu Recht umstritten, weil sie neu sind für den Organismus und der Mensch nicht an sie angepasst ist. Dagegen ist echter Zucker ein Waisenkind. Und er ist auch geschmacklich überlegen, was Tests immer wieder ergeben.

Wer aber auf Zucker als „gefährlicher Substanz“ so herumreitet wie Jörg Blech, der provoziert, was uns im großen Stil droht: Die Industrie sucht chemisch erzeugte Ersatzstoffe, um die Süße zu erhalten, aber „zuckerfrei“ auf ihre Produkte schreiben zu können.

Quarkundso.de empfiehlt daher klar:

Esst lieber echten Zucker.

Wenig.

Aus.

 

Das Zucker-Dossier von Quarkundso.de

Dabei kann es natürlich nicht bleiben. Das ist kein Service. Mit Recht erwarten unsere Leser mehr von Quarkundso.de.

Wir lassen uns da nicht lumpen. Aber weil auch immer Beschwerden über elend lange Textriemen kommen, müssen wir auf die Aktenlage verweisen.

Vielmehr: Wir gehen davon aus, dass unsere Qualitätsleser die Beiträge zu Zucker auf Quarkundso.de kennen. Dazu gehört zum Beispiel der Artikel über die Arte-Doku „Die Zuckerlüge“, auch der Nachschlag zu Zucker und Wurst, als es um angebliche „Grenzwerte“ ging.

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Außerdem der Beitrag über den Fehltritt des NDR vom letzten Winter: Der Sender jagte durch das Netz, dass Zucker auf das Gehirn wirke „wie Kokain“ und dass angeblich „deshalb“ die WHO die Empfehlung zur Zuckermenge geändert habe.

Hier stellen wir die tatsächliche wissenschaftliche Lage dar, was für das Verständnis des SPIEGEL-Titels von Bedeutung sein könnte. Der NDR hat nach dem Beitrag von Quarkundso.de seinen Facebooktext übrigens geändert, das nur am Rande.

Jedenfalls sind alle diese Beiträge durchzuarbeiten, sie werden bei nächster Gelegenheit abgefragt. Die Links dazu stehen – Service! – unten.

Sodann kündigen wir neue Artikel zum Thema an. Es soll eine lose Folge werden, die sich mit Übergewicht und Abnehmen beschäftigt, und den Dingen, die man dafür tun oder lassen, und vor allem weniger essen und trinken sollte.

 

Die Seuche der Zivilisation: Übergewicht

Neben Zucker gilt es nämlich, weitere Übeltäter dingfest zu machen: Es gibt eine ganze Reihe von stillen Killern, die an der Seuche der modernen Zeit, dem Übergewicht, Schuld sind.

Aber kaum einer will sie benennen.

Nur die Weltgesundheitsorganisation, die WHO, hat sich vor kurzem aus der Deckung gewagt und den Versuch gestartet, einen schlimmsten Dickmacher zu brandmarken. Das Zeug sollte auf keinen Fall mehr beworben, vielmehr endlich gesellschaftlich sanktioniert werden.

Denn was wird in seiner gefährlichen Wirkung auf das grassierende Übergewicht seit Jahrzehnten verkannt und verharmlost, schon im Jugendalter?

Was wütet in ganz bestimmten Ländern auffallend? Verheerend?

Die WHO hat es Ende 2017 enthüllt. Aber keiner, auch der SPIEGEL nicht, hat sich getraut, das heiße Eisen anzupacken und daraus eine große Story zu machen.

Denn nur Zucker ist der ausgemachte Sündenbock und willfähriges Opfer – an die großen Dickmacher des Nordens will keiner ran.

 

WHO: Bier macht besonders dick!

Glaskrug mit Bier vor blauem Himmel

Bier: Der heilige Gerstensaft ist laut WHO ein Dickmacher

Einer von ihnen ist das Bier.

Ja, Bier ist ein Problem – und die WHO hat am 29.12.2017 tatsächlich Werbebeschränkungen für Bier gefordert.

Bier macht nämlich besonders dick, sagte eine WHO-Ernährungswissenschaftlerin namens Juana Willumsen der dpa.

Sie ist Expertin für Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen, und sie hat mit Blick auf diese Gruppe nicht nur Werbeverbote für Süßigkeiten, Fastfood und Softdrinks im Auge.

Sondern auch für Bier. Denn das trage zum steigenden Gewicht vieler Erwachsener bei und das Problem beginne schon mit der üblichen Sozialisation im Jugendalter.

Tatsächlich zeigen Zahlen, dass auffallend viele Biertrinker- und Brauerländer wie Deutschland, England und Tschechien in Europa die dicksten Bäuche haben. Sie haben also die größten Probleme mit dem Übergewicht, zugleich mit einem hohen Bierkonsum.

Noch dazu ist Bier die Einstiegsdroge für Alkoholkonsum generell. Auch hier legen die Zahlen Beunruhigendes nahe: Die Länder, in denen viel Alkohol getrunken wird, weisen auch hohe Zahlen beim Übergewicht auf. Zusammen mit Tschechien, England und Ungarn liegt Deutschland auch hier wieder weit vorne.

Weinländer wie Italien und Frankreich dümpeln dagegen zufrieden im Mittelfeld oder weiter unten herum, und zwar sowohl bezüglich des Alkohols als auch bezüglich des Übergewichts.

In einem anderen früheren Beitrag von 2016, als es um Fleisch ging, hatten wir das schon angerissen, geradezu visionär die Position der WHO vorweggenommen. Hier die Originalpassage:

Höchstens halb so viel Bier!
2015 lag der Bierkonsum bei 105 Litern pro Kopf und Jahr – das ist für jeden, vom Baby bis zum Greis, ein Bier am Tag. Was das in absolutem Saufen für die notorischen Feierabendtrinker heißt, mag man sich gar nicht ausdenken.
Dabei ist Bier für die Ernährung höchst nutzlos und noch nicht einmal ein Lebensmittel. Außerdem enthält es nicht nur den giftigen Alkohol, sondern macht auch noch dick und lässt Männern Brüste wachsen. Ab sofort also nur noch die Hälfte: Höchstens jeden zweiten Tag ein Bier, lieber aber überhaupt keins. Das spart Emissionen im Hopfenanbau und wird auch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen empfohlen.

Weniger Bier, davon sind wir überzeugt, könnte das Problem mit dem Übergewicht erheblich entschärfen, vor allem bei Männern in Deutschland. Denn die sind noch häufiger dick als Frauen, was vom wesentlich höheren Alkoholkonsum der Männer wohl kaum zu trennen sein dürfte: Sie trinken doppelt so viel Alkohol wie Frauen, und sechsmal so viel Bier.

 

Die Leier von den Studien und der Eigenverantwortung

Interessanterweise hat aber das Interview, das die dpa mit der Expertin von der WHO führte, nichts bewirkt. In Deutschland gab es ein paar Meldungen, dann war es schnell wieder still.

Unser Brauhandwerk! Die Tradition! Die Bierkultur! Das Reinheitsgebot!
Ausgeschlossen, dass dieses Fass angestochen wird. Niemand, wirklich niemand hat die Warnung der WHO-Expertin ernsthaft aufgegriffen.

Kein Wunder.

Denn seit Jahren werden die Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Übergewicht und Alkoholkonsum, speziell dem Biertrinken, von interessierten Kreisen heruntergespielt: Natürlich kommt es auf die Menge an, natürlich gibt es verschiedene Studien, natürlich gibt es Hinweise darauf, dass das alles nicht so ist wie es scheint, dass die Vorwürfe nur auf Annahmen und die Studien nur auf windigen Korrelationen beruhen, dass mäßiger Alkohol- und Bierkonsum nicht schadet, im Gegenteil, er könnte vielleicht auch nützen, außerdem muss das Leben ja noch lebenswert bleiben und Werbeverbote bringen sowieso nichts.

Es ist dieselbe Argumentationsstrategie, wie sie reflexhaft der Zuckerindustrie vorgeworfen wird: das Herumreiten auf Studien und auf der Lebensqualität, das Pochen auf Eigenverantwortung und Maßhalten, und das Ablehnen von Verboten.

Nur sind beim Bier alle einverstanden. Beim Zucker nicht.

Aber ist der unschuldig-weiße Süßstoff wirklich ungesünder als Bier, das erwiesenermaßen ein gefährliches Nervengift enthält?

Wohl kaum.

 

„Biertrinker aller Länder, vereinigt euch!“

Aber sogar Ärzte legen sich für Bier ins Geschirr: Gleich nach der WHO-Warnung tat das auch ein Mediziner in einem Artikel für die Ärzte-Zeitung vom 17.01.2018. Der Internist überschrieb seinen Beitrag mit dem Aufruf „Biertrinker aller Länder, vereinigt euch!“.

Dann führte er die gemischte Studienlage aus, bescheinigte Juana Willumsen und der WHO mangelnde Sachkenntnis (!) und sprach sich, Achtung, allgemein gegen Verbote bei Lebensmitteln und Werbung aus:

„Gewichtszunahme bei Kindern und Erwachsenen ist ein wirkliches Problem, das nicht durch irgendwelche Verbote von Werbung gelöst werden kann. Wichtig ist die Stärkung der Eigenverantwortung jedes Einzelnen…“

Ein bemerkenswerte Position.

Denn sie richtet sich generell gegen Versuche, die Werbung für Süßigkeiten, Junkfood, Bier und andere Dickmacher von Gesetz wegen einzuschränken. Und das von einem Arzt, in der Ärztezeitung, nicht etwa vom Deutschen Brauerbund oder vom Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie.

Man kommt ins Nachdenken, wenn man die Argumentation des SPIEGEL-Mannes Blech daneben stellt, der genau das fordert – Verbote und Gesetze, die endlich der Industrie das Handwerk legen, ein energisches Einschreiten der Politik, einen Schutz der Menschen vor den Machenschaften der bösen Hersteller und korrupter, ja, Mediziner und Forscher.

 

Der Arzt, der gegen Werbeverbote ist

Noch mehr ins Nachdenken kommt man, wenn man sieht, welcher Arzt es ist, der sich da im Ärzteblatt gegen Werbeverbote und für die Eigenverantwortung stark macht.

Es ist nämlich Dr. Stephan Martin, der Gewährsmann von Jörg Blech. Ja, eben der, den Blech zitiert. Der Mann ist offensichtlich durchaus gemischter Meinung zu Lebensmitteln im Allgemeinen und zu den richtigen Strategien zur Vermeidung von Übergewicht und Diabetes.

Natürlich war das eine Sache für die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de. Die haben sich gleich festgebissen wie die Terrier und so lange rumgenervt, bis sie Dr. Martin in Düsseldorf ans Telefon bekommen haben.

Das Gespräch ergab, was ein Gespräch mit einem vernünftigen Mediziner ergeben kann: Der Zucker ist es nicht allein, vor allem weniger Kohlenhydrate im Allgemeinen sind wichtig, rät der Spezialist. Dabei hat er Diabetiker und Übergewichtige im Blick, die krank sind und abnehmen wollen.

Wenn jemand gesund und normalgewichtig ist, braucht er sich keine Sorgen um etwas Zucker zu machen, sagt Dr. Martin. Und von Werbeverboten und speziell der Lebensmittelampel hält er tatsächlich nichts.

Das war’s. Damit ist zu Zucker eigentlich alles gesagt. Was sonst noch zu sagen ist, gibt es wie angekündigt in der neuen Serie. Leitmotiv und Arbeitstitel: „Was zum Leben nötig ist – und Produkte, die die Welt nicht braucht“.

©Johanna Bayer

 

SPIEGEL-Titel zu Zucker vom 5.4.2018

Dr. Stephan Martin, Düsseldorf, über die Zucker-Gipfel der Krankenkassen 2017

Das Zucker-Dossier von Quarkundso.de:

Über Arte und die Doku „Zucker-Lüge“

Nachschlag zur Diskussion um die neue WHO-Empfehlung zu weniger Zucker

NDR-Visite und die Behauptung, Zucker wirke im Gehirn wie Kokain

Dr. Stephan Martin in der Ärztezeitung mit dem Aufruf „Biertrinker aller Länder, vereinigt euch!“