Im SPIEGEL stand: Intervallfasten kann Medizin sein, ein aktueller Report des berühmten Cochrane-Instituts ergibt: Da ist nichts dran. Aber vielleicht haben die strengen Prüfer das Thema verfehlt – eine Analyse von Quarkundso.de
Die Fastenzeit hat begonnen und die Redaktion von Quarkundso.de amüsiert sich jedes Jahr über das Ritual. Also, nicht übers Fasten, sondern darüber, dass alle was darüber schreiben.
Denn kaum jemand fastet, das ergeben Umfragen immer wieder. Eigentlich ist diese vorösterliche Fastenzeit nur noch Nostalgie, oder eine Illusion, vielleicht auch nur eine Tugendpose: Man ist eigentlich fürs Fasten, verzichtet aber auf nichts.
Immerhin gibt es dieses Jahr einen interessanten Streit, fast einen Eklat – gefundenes Fressen für Quarkundso.de.
Der Zank dreht sich ums Intervallfasten, Dauertrend in der Ernährung, seit mehr als 20 Jahren und bei Laien sowie Experten recht gut beleumundet.
Weg vom ständigen Futtern
Die Methode erlaubt Essen nur in bestimmten Zeitfenstern, während zu anderen Zeiten nicht gegessen, also „gefastet“ wird.
Es gibt dazu verschiedene Modelle, etwa mit verschiedenen Zeitfenstern täglich von acht Stunden, in denen man isst und 16 Stunden, in denen man nicht isst, überwiegend nachts nach 20:00 Uhr.
Eine andere Struktur zieht sich über die Woche und enthält zwei magere Tage mit maximal 800 Kalorien und fünf freie Tage. An diesen kann man essen, was und wie viel man will.
Dabei kommt es auf die Kalorienpausen an, ob 16 Stunden am Tag oder zwei Tage die Woche – weg vom ständigen Futtern.
Selbstexperimente und Bauchgefühl
Weltbekannt wurde die Methode als „intermittent fasting“ durch ein populäres Sachbuch, geschrieben vom britischen TV-Arzt Dr. Michael Mosley. Es erschien 2013 in Deutschland, Mosley hatte selbst mit Intervallfasten experimentiert und gab an, damit sein Wunschgewicht samt besseren Stoffwechsel- und Blutfettwerten erreicht zu haben.
Inzwischen gibt es viele individuelle Erfahrungsberichte, noch mehr Bücher und Geschäftsmodelle sowie eine ganze Reihe von Leuten, auch vom Fach, die das Intervallfasten befürworten.
Einer davon ist Show Promi und Arzt Dr. Eckart von Hirschhausen, der selbst vom gesunden Essrhythmus schwärmte und seine „Hirschhausen-Diät“ von 2017 wesentlich um das Essen nach der Uhr baute.
Kein Kalorienzählen, keine besonderen Gerichte
Ähnlich ist das lange bekannte „Dinner-Cancelling“, der Verzicht auf das Abendessen. Die letzte Mahlzeit darf es nur noch vor 18:00 Uhr geben, danach isst man bis zum nächsten Morgen nichts und trinkt auch keine kalorienhaltigen Getränke.
Das führt zu einer langen Verdauungspause in der Nacht, in der bestimmte Effekte auf den Stoffwechsel eintreten, darunter Fettverbrennung, Leber-Regeneration und Zellerneuerung.
Oder eintreten sollen.
Der Vorteil bei allen Formen des Intervallfastens ist schlagend: Kalorienzählen und Fettsparen, komplizierte Berechnungen, besondere Lebensmittel oder Gerichte fallen komplett weg.
Wenn gegessen wird, dann ohne Einschränkung. Wenn keine Essenszeit ist, gibt es nichts.
Das ist bestechend einfach, einleuchtend, von Tierversuchen gestützt und für viele gut anzuwenden, wie die DGE in einer Bewertung von 2018 feststellte. Allerdings fehlten Studien und Langzeitexperimente – man blieb misstrauisch.
Cochrane: Die Statistiker rechnen gnadenlos
Jetzt aber haben sich die Statistik- und Studien-Experten des Cochrane-Instituts übers Intervallfasten hergemacht, eine vom Bund geförderte Stiftung für Evidenz in Gesundheit und Medizin.
Die Leute dort rechnen mit spitzem Stift und durchforsten Unmengen von Studien, um zu einer bestimmten Therapie den aktuellen Forschungsstand zu erfassen.
Das soll zeigen, was wirklich hilft, zum Beispiel beim Abnehmen.
Über das Intervallfasten urteilt Cochrane nun 2026: Hilft bei der Gewichtsreduktion nicht, jedenfalls nicht besser als andere Diäten. Das gab das Institut am Aschermittwoch, 18. Februar 2026 und Beginn der Fastenzeit bekannt.
Ausgerechnet.
Die Meldung ging durch alle Blätter und Portale, der Text war fast hämisch: An Kiosken und in sozialen Fake-News-Schleudern werde dieses Intervallfasten propagiert, aber dran sei praktisch nichts:
Intervallfasten liegt seit einiger Zeit – gerade in den Sozialen Medien – sehr im Trend: Es soll angeblich Gewicht reduzieren und den Stoffwechsel positiv beeinflussen. Ein jetzt veröffentlichter Cochrane Review geht der Frage nach: Wie stark nehmen Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas durch Intervallfasten ab? Vereinfacht zusammengefasst zeigt er: Sie nehmen durch Intervallfasten möglicherweise nicht mehr ab als durch andere Diäten – aber wahrscheinlich etwas mehr als ohne gezielte Ernährungsintervention.
(…)
„Für manche Menschen kann Intervallfasten vielleicht eine sinnvolle Option sein“, so Luis Garegnani, einer der Review-Autoren und Direktor des Cochrane-Zentrums am „Universidad Hospital Italiano de Buenos Aires“. „Aber die aktuelle Evidenz rechtfertigt die Begeisterung nicht, die in den Sozialen Medien zu beobachten ist.”Quelle: Cochrane-Institut, Meldung vom 18.2.2026 Hervorhebungen von Quarkundso.de
Soweit also die strengen Prüfer.
DER SPIEGEL: „Intervallfasten als Medizin“
Nun hatte aber kurz zuvor DER SPIEGEL in einem ausführlichen Artikel über die schlagenden Vorteile des Intervallfastens berichtet.
Autor ist Wissenschaftsjournalist Jörg Blech, und er hat eine Lanze für das Intervallfasten gebrochen.
Ausgerechnet Jörg Blech, bekannt als strenger Kritiker von Diäten, Gesundheitsmaschen und Grenzwerten. Und ausgerechnet für das Intervallfasten, ausdrücklich.
Sein Bericht erschien zum anderen festen Abnehm-Ritual, dem Tag der guten Vorsätze zu Neujahr, am 30.12.2025 online, in der Print-Ausgabe am 2. Januar 2026 zu lesen.
Der Titel ist mehr als eindeutig:
„Interfallfasten als Medizin“.
Quelle: SPIEGEL, Link zum Artikel
Und jetzt geht es rund.
Denn wie sollen das freundliche interessierte Publikum und die vielen Betroffenen – Dicke, Diabetiker, schwer Fettleibige, Stoffwechselkranke – das verarbeiten?
Wer hat recht, das populäre Magazin aus Hamburg oder die strengen Rechenmeister aus dem Freiburger Forschungsinstitut?
Was stimmt denn nun?
Die Verwirrung lösen wir gleich auf, vorher noch kurz zur Sache: Jörg Blech hat das Intervallfasten nicht selbst ausprobiert, wie Mosley und Hirschhausen, zumindest schreibt er nicht darüber.
Noch nicht.
Aber der studierte Biochemiker hat das Thema schon länger auf dem Schirm und bereits 2018 im SPIEGEL darüber berichtet.
In seinem Artikel von 2026 zitiert er neue Studien und hat mit einer international renommierten Expertin gesprochen: der Chronobiologin Olga Ramich, Charité-Professorin und Abteilungsleiterin am Deutschen Institut für Ernährungsforschung DIfE in Potsdam.
Ramich gehört zu den Koryphäen auf dem Gebiet der inneren Uhr und arbeitet am DIfE mit Medizinern und Stoffwechselexperten zusammen.
Sie hat in Experimenten nachgewiesen, dass es Menschen gut bekommt, nicht ständig, sondern in bestimmten Zeitfenstern zu essen, und zwar tagsüber. Um gesund zu bleiben und den Stoffwechsel im Lot zu halten, solle man die größte Kalorienmenge des Tages am Vormittag bis Mittag einnehmen, sagt sie im SPIEGEL.
Ständiges Futtern und große Mahlzeiten spätabends oder Essen in der Nacht bringen den natürlichen Stoffwechselrhythmus durcheinander. So steigert es laut Ramich das Risiko für Adipositas und Diabetes Typ 2: „Starkes Übergewicht kann man als chronobiologische Krankheit auffassen“, zitiert Blech die Expertin.
Falsche Frage, Thema verfehlt?
Die Erklärung ist sehr grundlegend: Menschen sind tagaktive Tiere, programmiert auf den Wechsel von Licht und Nachtschlaf.
Weltweit predigen Chronobiologen wie der Münchner Till Rönneberg seit Jahrzehnten: Wir haben eine innere Uhr in uns, jedes Organ hat eine eigene, auch Verdauung und Stoffwechsel folgen Rhythmen.
Und wer gegen den natürlichen Takt lebt, wird krank.
Inzwischen ist das harte Wissenschaft, 2017 gab es sogar den Medizin-Nobelpreis für drei Genetiker, die die innere Uhr von Zellen nachwiesen.
Auf diesen biologischen und physiologischen Tatsachen beruht die Forschung von Olga Ramich und vielen anderen weltweit. Intervallfasten könne daher laut Ramich, zitiert aus dem SPIEGEL, „wie ein Elixier auf den ganzen Körper wirken“.
Und das wollen die Statistiker vom Cochrane-Institut niederschreiben?
Quarkundso.de protestiert dagegen auf das Allerschärfste.
Bitte, wir formulieren zurückhaltend, mit diesen Leuten darf man sich nicht anlegen. Aber vielleicht verfehlen die Erbsenzähler aus Freiburg ja das Thema.
Keine Evidenz, für nichts
Das ist nicht bösartig, sondern entspricht dem, was die Cochrane-Autoren selbst schreiben.
Insgesamt hatten sie 22 Studien mit 1995 Probanden auf dem Seziertisch, deren Teilnehmer übergewichtig oder adipös waren, also schwer übergewichtig. Das bedeutet einen BMI von über 30.
Ziel war es, eine angebliche Unsicherheit unter Medizinern und im breiten Publikum zu beenden, ob mit Intervallfasten etwas zu erreichen sei
“… highlighting the uncertainty faced by physicians and people with overweight or obesity when considering intermittent fasting as a feasible approach for sustained weight loss.”
Sinngemäß: Wie wollen die Unsicherheit beleuchten, der Ärzte und Menschen mit Übergewicht oder Adipositas gegenüberstehen, wenn sie erwägen, Intervallfasten als aussichtsreichen Ansatz für nachhaltigen Gewichtsverlust zu betrachten.
Doch es fällt auf, wie vorsichtig sie ihre Ergebnisse formulieren: Dreimal kommen im Cochrane-Text Einschränkungen der Art „möglicherweise“.
Und dass die von ihnen auf Evidenz gescannten Arbeiten und Experimente uneinheitlich und eigentlich wegen der verschiedenen Intervallmodelle und Zeitfenster nicht zu vergleichen seien, dass Langzeitdaten fehlen.
Überhaupt sei die Beweislage für alles sehr unsicher:
„… the evidence is very uncertain“.
Das gilt ausdrücklich auch für ihre eigenen Schlussfolgerungen.
Die steile Aussage, dass Intervallfasten angeblich nicht mehr bringt als andere Diätformen auch – fettreduziert, kohlenhydratarm, was immer – resultiert daher ausschließlich daraus, dass man nichts sagen kann.
Vorsicht Falle! Funktionieren Diäten überhaupt?
Dieses Ergebnis sollte man aber auf dem Hintergrund sehen, dass nicht nur das Intervallfasten Übergewichtigen und Adipösen nicht hilft.
Denn gar nichts hilft.
Im Klartext: Diäten funktionieren nicht. Alle. Nicht.
Das ist schon seit mindestens 25 Jahren klar, sehr zum Frust der Gesundheitspolitik, der Medizin, der Ernährungsinstitutionen und –berater.
Ganz besonders funktionieren sie nicht, wenn man einen längeren Zeitraum betrachtet, über mehr als ein Jahr. Da verschwinden alle guten Resultate für alle Diäten, ob weniger Fett, weniger Brot, Nudeln und Kuchen, ob Essen nach der Uhr, intuitives Essen oder FDH –friss die Hälfte.
Dass die ersten Abnehmerfolge nach 12 Monaten verschwunden sind, hat 2020 eine Übersichtsarbeit ergeben, in der 121 Studien mit über 21.000 Probanden erfasst wurden, erschienen im British Medical Journal BMJ.
Großer Markt, großer Frust
Deshalb gibt es das Riesengeschäft mit der Abnehmspritze, deshalb suchen Forscher nach Genen für Übergewicht, deshalb wollen Mediziner das Darm-Mikrobiom manipulieren oder über Stoffwechseltypen herausfinden, wer gefährdet ist.
Die Cochrane-Leute haben also gar nichts Neues herausgefunden.
Ihr Ziel, Unsicherheit in der Bevölkerung ausräumen zu wollen, ist zwar lobenswert: Sie wollten vermeiden, dass Blogger, Influencer, Promis oder Frauenzeitschriften falsche Hoffnungen wecken.
Sie wollten nicht, dass verzweifelte Übergewichtige etwa mit dem Intervallfasten anfangen und dann enttäuscht sind, weil sie nicht abnehmen.
Aber letztlich schütten sie das Kind mit dem Bade aus. Denn negative Effekte konnten sie ja auch nicht finden. Schadet nicht, hilft vielleicht, das sagen die Cochrane-Autoren sogar selbst, siehe oben.
Warum sollte man es dann nicht probieren? Letztlich ist es eine individuelle Entscheidung, so steht es im Text, bitte nachlesen, wird abgefragt.
Dann aber muss man das sogenannte Intervallfasten als das sehen, was es ist: eine Ernährungsform.
Keine „Diät“ zum Abnehmen.
Stattdessen kristallisiert sich, wie der SPIEGEL beschreibt, heraus, dass eine sinnvolle, gesunde Mahlzeitenstruktur mit Pausen für alle gut ist, ob dick oder normalgewichtig – vielleicht wird das der neue Hit in der Prävention.
Essen nach dem Tagesrhythmus ist nicht „Fasten“
Dafür stehen Top-Forscher wie Olga Ramich, dafür stehen alle, die sich mit dem Essen nach der inneren Uhr beschäftigen: Es geht um eine an den menschlichen Stoffwechsel angepasste Ernährung.
Was die Wissenschaft noch zeigen wird, weiß keiner. Aber im Moment stehen alle Zeichen darauf, dass das Essen im Biorhythmus im Vorfeld verhindern könnte, dass der Stoffwechsel entgleist.
Es geht also weder um „Fasten“ noch um Abnehmen.
Damit wären wir bei der Conclusio, mit der Quarkundso.de den Knoten durchschlägt: Der Begriff „Fasten“ führt bei beim Essen nach der inneren Uhr in die Irre.
Es wird nicht gefastet. Es wird einfach nicht ständig gegessen.
Darm, Leber, Bauchspeicheldrüse bekommen damit die Pausen, die sie von Natur aus brauchen, vor allem nachts.
Schließlich ist es die Dauer-Futterei und das ständige Schlürfen kalorienhaltiger Getränke, die einer der wichtigsten Gründe für Übergewicht und Diabetes sind.
Auch das haben Mediziner und Ernährungsexperten längst erkannt.
Nicht fasten – richtig essen!
Wir schlagen also vor, den Cochrane-Report nicht allzu ernst zu nehmen.
Wer es probieren will, probiert es einfach aus, mit den Zeitfenstern.
Essgestörte, Magersüchtige und Diabetiker mit Typ1 natürlich ausgeschlossen. Auch wer sonstige Krankheiten hat, bespricht eine Ernährungsumstellung besser mit dem Hausarzt.
Wir schlagen aber vor allem vor, das „Fasten“ aus dem „Intervallfasten“ rauszunehmen.
Der Begriff ist unglücklich, über 20 Jahre alt und stammt aus England und den USA. Da sieht man das anders, da heißt das Frühstück ja schon „breakfast“, Fastenbrechen.
In Deutschland hat Fasten aber eher negative Assoziationen von Verzicht, Gemüsebrühe, trockenen Semmeln und ständigem Hungern.
Diesen Horizont halten wir für sehr ungünstig – für uns braucht die stoffwechselgerechte Ernährungsform also einen neuen Namen. Essen im Takt der inneren Uhr, Essen nach dem biologischen Rhythmus, fachlich „Chrononutrition“ – einige Varianten gibt es schon.
Die naheliegende Lösung ist aber, das „Fasten“ durch „Essen“ zu ersetzen: Intervallessen.
Ist das nicht schön, einfach und positiv?
„Rhythm is it“: Essen mit Zeitabständen und Kalorienpausen. Das ist natürlich – und wahrscheinlich ziemlich gesund.
©Johanna Bayer
Pressemeldung des Cochrane-Instituts Freiburg zum Review über das Intervallfasten vom 18.2.2026
Der SPIEGEL-Artikel von Jörg Blech vom 30.12.2025 online
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