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STERN: Dumm gelaufen – im Ressort Genuss weiß man es gerne besser. Klappt aber nicht.

 

Haha, der Stern. Da haben sie im Genuss-Ressort mal sehr lieb, nur ganz wenig hämisch, durchaus nachsichtig und humorvoll darüber aufgeklärt, wie ausländische Speisen wirklich heißen. Der tumbe Deutsche, so die Genuss-Fachautorin Sonja Helms, mühe sich vergebens, mit seiner schweren Zunge der fremden Speisen und Laute Herr zu werden. Wo Italiener und Franzosen elegant die Schultern zucken, drauflos reden und einfach essen, will der Teutone es ganz, ganz genau machen, und besser als andere.

So auch Frau Helms. Gutmütig macht sie sich an die Arbeit und erklärt, wann und wie im Italienischen der Laut „k“ geschrieben wird, nämlich – unter anderem – mit „ch“. Dann beschreibt sie noch tückische Stellungsprobleme vor Vokalen, und zwar vor bestimmten, nämlich hellen und dunklen. Und gibt am Ende der Wirren die erlösende Auskunft, dass es eben „Latte makkiato“ heißt und nicht etwa „mattschiato“ oder „matschato“, oder gar „Sutschini“, „Knocki“ oder „Tackliatelle“.

Wer ist da eigentlich vom Fach?

Jaja, schon gut. Mal davon abgesehen, dass es albern ist, völlig willkürliche Regeln aus dem Volkshochkurs herzubeten, wenn man beschreiben möchte, wie etwas klingt, ist Frau Helms irgendwie nicht so richtig vom Fach. Und in ihrer ganzen Redaktion wohl auch keiner (Redaktion! Bitte kommen!).

Denn einer der G&J-Journalisten hätte doch mal im Aussprachewörterbuch oder im Duden nachschauen können. Nein, müssen. Und auch verstehen müssen, was da steht. Wobei – Fakten sind ja bekanntlich Müll, gerade heute, im Zeitalter des Storytellings.

Trotzdem: Leider verhaut sich Frau Helms selbst ganz nett, wenn sie die Aussprache von Gelatine verschlimmbessert („Dschelatine“), oder die der Worcestersauce wiedergeben will („Wuustersoße“). Was sie da schreibt, ist falsch. Und „immer, wenn man etwas besonders richtig machen will“, wie es im Vorspann des Artikels so hübsch herablassend heißt, läuft man ja Gefahr, dass „es besonders falsch wird“.

Das ist an sich nicht schlimm, sehr verbreitet und daher völlig normal, also wurscht. Es kann, schreibt die Autorin, ja „sehr lustig“ werden. Finde ich natürlich auch. Nur – wenn man so von oben runterspuckt wie die Frau Helms und die STERN-Redaktion, hat man schon auch ein wenig Spott verdient. Vor allem, wenn es ums Essen geht, aber auch um die Sprache. Und ich gebe zu, dass ich bei beidem zwar tolerant tue, es aber überhaupt nicht bin.  Da bin ich ganz bei Frau Helms.

Das müssen sie abkönnen

Auf keinen Fall will ich jedoch selbst so hämisch oder gemein sein. Ich bin nur ein Opfer, weil, weil… das Konzept dieses Blogs es eben so vorschreibt. Konzept ist alles. Auch das gehört heute zum Storytelling. Also nix für ungut, liebe Kolleginnen und Kollegen, das hier geschieht quasi gegen meinen Willen. Es schreibt aus mir raus. Diese Hamburger Steilvorlage mit der gönnerhaften Attitüde ist einfach zu gut. Daher haben die vom STERN sich alles selbst zuzuschreiben. Und um die Lektion wirksam zu machen, also die für Frau Helms und ihre Redaktion, mache ich es jetzt ganz so wie sie.

Falsch: die „Dschelatine“ von Frau Helms. Es heißt „Schelatine“ mit einem weichen, stimmhaften „sch“, das ist ein Laut, den es im Deutschen eigentlich nicht gibt, aber im Französischen. Daher ist das Wort auch mal eingewandert. Weil der weiche Zischlaut hierzulange aber nicht heimisch ist, fällt es vielen schwer, ihn zu erkennen und routinemäßig zu produzieren. Leichter geht das etwa in Wörtern wie „Dschungel“ oder „Dschunke“, die exotischer Herkunft, aber für Teutonen besser auszusprechen sind. Vor allem fühlt sich der Deutsche heute dem Englischen näher als dem Französischen. Das war früher mal anders. Inzwischen aber sagen mindestens 70 Prozent der Menschen, die so normal reden wie Frau Helms und ihre Redaktion, „Dschornalisten“ und „Dschüri“ zu Journalisten und Preisrichtern. Leider falsch, wenn man es ganz, ganz genau nimmt. Was Frau Helms ja tut. Aber dazu hätte sie im Duden nachschauen müssen. Man nennt das unter Dschornalisten „Recherche“, kommt übrigens auch aus dem Französischen.

Falsch: die „Wuustersoße“ von Frau Helms. Denn es heißt im Englischen so ähnlich wie „Wusstersoße“. Es ist also ein kurzes, offenes u. Kein langes u wie in Wust. Das lernt man, wenn man im Duden oder im Ausspracheduden nachgelesen und diese Lautschriftzeichen irgendwann mal durchgenommen hat, etwa auf der Journalistenschule, die nach Henri Nannen benannt ist. Oder schon im Englisch-Unterricht auf der Realschule. Wahlweise natürlich auch, wenn man das Wort schon mal gehört hat, von einem versprengten Engländer auf dem Oktoberfest, oder im Kino. Es gilt heutzutage, gerade unter Profi-Journalisten, auch Googeln als Recherche – sprich: Guugeln, langes, geschlossenes u. Dort kann man sich das Wort „Worcestersauce“ im Original, von Briten gesprochen, anhören. Sprechen kommt ja vom Hören, so wie gutes Essen vom Schmecken kommt, und Besserwissen von Wissen. (Das, was jeweils hinten steht in den letzten drei Gegenüberstellungen, ist immer sehr schwierig.)

Exotisches Essen – leicht gemacht

Das wäre es mal fürs erste. Mehr auf Anfrage. Aber das Thema an sich ist uferlos, besonders in seinen kulinarischen Implikationen. Und darum geht es ja auch und immer bei Quarkundso. Denn man kann die Sprachschwierigkeiten übertragen auf das, was Deutsche wie Frau Helms zum Beispiel für italienisches oder „asiatisches“ Essen halten. Das ist ähnlich wie ihre Versuche, es ganz, ganz genau und total authentisch zu machen:

– Dose Mandarinen ins Geschnetzelte gekippt – Hähnchen-Pfanne indisch. Von wegen.

– Karottenbrei mit Kokosmilch versetzt – Thailändisches Karotten-Kokos-Süppchen. In Südostasien würde man diese Tinktur wohl eher als Gesichtsmaske auftragen.

– Klebrig-süße Marmelade über den Teller gespritzt (als ob ein besoffenes Huhn mit Dünnpfiff darüber getorkelt wäre, wie es bei Wolfram Siebeck mal hieß) – echt italienische Bruschetta mit Tomaten und Balsamico-Creme. Clevere Marketingfuzzis haben diese Tuben mit angeblich original italienischer Universalzutat auf den deutschen Markt gebracht, weil die Deutschen Süßes am Salat lieben – ganz anders als die Italiener. Die verabscheuen derlei, völlig zu Recht. Aber sie sind schon ziemlich schlau, und verraten sich nichtmal mit einem Wimpernzucken, wenn sie in ihren Pizzerien in ganz Deutschland verführerisch mit der großen Pfeffermühle den Zampano machen und die süße Creme auf jeden Teller geben. Denn das wird man in Italien nie sehen.

Krude Kreationen nach deutschem Geschmack

Die Beispiele sind Legion, es reihen sich Kreationen wie die Vapiano-Pizza mit Birne und Camembert ein, die Spadschetti Carbonara (eine kleine Hommage auch an Frau Helms), oder das Couscous mit Granatapfelkernen bei meinem Lieblings-Araber.

Ich habe diese krude Mischung nach dem ersten Reinfall empört verweigert und ein ordentliches Couscous ohne Süßkram verlangt. Nach einem Kreuzverhör hat er mir dann beschämt gestanden, dass es natürlich kein arabisches Rezept ist, nachdem er das macht. Sondern der Wunsch seiner deutschen Kundschaft.

Die findet es toll, wenn Obst im Essen ist, und zwar in jedem Gericht, ob pikant, herzhaft, sauer oder herb, ob Vorspeise oder Hauptgang, beim Dessert sowieso. Erst recht beim Araber, da müssen es dann Granatapfelkerne sein. Echt orientalisch, wie in 1001 Nacht. Seitdem streut er die roten Perlen überall rein, die Kundschaft ist hochzufrieden, und er macht ein gutes Geschäft. Ich gönne es ihm. Aber ich zwinge ihn jedes Mal, mir eine Extra-Schüssel zu machen.

Ja, der Deutsche. Wenn schon, dann richtig. Sprachlich wie kulinarisch. Das ist der Beginn einer langen Serie.

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In Amers Frischsaftbar stehen die Granatapfelkerne schon bereit. Denn der Kunde ist König.

©Johanna Bayer

Beckmessern im STERN am 12. Mai 2015 – schnell nachschauen, bevor sie es ändern! PS: Und selbstverständlich schaltet sich die Kommentarfunktion zu diesem Artikel sofort automatisch ab und hinterlässt grauenhafte Viren auf dem PC des Users, wenn in diesem Beitrag Fehler entdeckt und etwa moniert werden. Gar mit Häme. So nicht, Freunde. Nicht mit mir.

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