Archiv für den Monat: Oktober 2015

WHO wider die Wurst: Ist Wurst krebserregend? Worum es bei #wurstgate wirklich geht. Und wie wir unser Krebsrisiko vermindern

 

 

Am Montag hat sich die Welt verändert. An diesem 26.10.2015 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärt: Wurst, Schinken, Kasseler und Pasteten sind krebserregend. Es gäbe genügend Daten, daher sei man jetzt sicher, dass verarbeitetes Fleisch beim Menschen Krebs auslöst.

Rotes Fleisch, also von Rind, Schwein, Lamm und anderen Tieren, bekam auch einen Stempel: Es sei zwar nicht ausreichend belegt, dass es sicher Krebs macht. Aber es ist wahrscheinlich.

Den Befund erhoben 22 Wissenschaftler und Gesundheitsexperten aus 10 Ländern in der Abteilung für Krebsforschung der WHO, der IARC. Wurst und verarbeitetes Fleisch landeten in Kategorie 1 der krebserregenden Stoffe, rotes Fleisch in Kategorie 2a.

Damit stehen fränkische Rostbratwürste, Schinken und Salami neben Dieselruß, Röntgenstrahlen, Tabakrauch, Asbest und Plutonium.

In der Stufe darunter, der Kategorie 2A, finden sich neben Rinderbraten und Lammkoteletts auch DDT und Formaldehyd.

 

Die TAZ befragt einen Wurstexperten

Die Meldung von der WHO-Einstufung ging natürlich sofort um die ganze Welt. Auf Twitter etablierte sich dazu der herrliche Hashtag #wurstgate, und alle berichteten.

Die SZ ließ Kathrin Zinkant, Wissenschaftsredakteurin und Biochemikerin, gleich dreimal kommentieren. Die TAZ befragte den Wurstsack, der ein für alle Mal die Sache erledigte.

Der Wurstsack, das ist der Food-Aktivist Hendrik Haase, ein gelernter Kommunikationsdesigner, 31 Jahre alt, aus Berlin. Er ist für Slow Food unterwegs und sein Künstlername ist Programm: Der Wurstsack ist ein Fan von Wurst, lässt sich gerne beim Wurstmachen fotografieren, veranstaltet Wurst-Workshops für Kinder und ist an einer Metzgerei beteiligt.

Er steht für Essen mit Bewusstsein, für Tradition und bestes Handwerk, und polemisiert gegen Discounter, Industrie und Fertiggerichte. Sich selbst nennt er den „Verteidigungsminister des kulinarischen Weltkulturerbes“ und er verkörpert das so gut und glaubwürdig wie kein zweiter in diesem Land zurzeit.

In der TAZ hat er zu #wurstgate gesagt, er habe die Studie gelesen, es sei eine Kohorten-Studie, also eine, die mehrere Studien zusammenfasst. Er halte die Studie und die IARC schon für seriös, aber eine richtige Aussage hätte er in der Studie nicht lesen können, die stehe da nicht drin.

Es gäbe außerdem in der Ernährung so viele Faktoren, dass man überhaupt schwer Aussagen in Studien treffen könne.

Zudem sei es ein Problem vieler Studien, dass sie einen monokausalen Zusammenhang zwischen Beobachtungen herstelle. Und überhaupt, er könne in der Studie nicht sehen, um welche Stoffe und welche Verarbeitungsmethoden es bei Wurst gehe. Man könne allenfalls herauslesen, dass die Menschen weniger und dafür besseres Fleisch essen sollten. Und genau das sage er auch.

 

Darf der noch mitspielen?

Jetzt ist natürlich die große Frage, wer Recht hat – die WHO und ihre 22 internationalen Wissenschaftler. Oder der Wurstsack. Die TAZ glaubt, wie es aussieht, dem Wurstsack. Wissenschaftlern glaubt heute sowieso keiner mehr, schon gar nicht, wenn sie etwas über Essen sagen.

Aber andererseits hat der Wurstsack ein Problem. Es läuft bei Wissenschaftlern unter dem Etikett „Interessenskonflikt“ – conflict of interest. Wenn ein Forscher eine Studie von der Industrie finanzieren lässt oder bei einem Unternehmen in Diensten steht oder sonst irgendwie befangen ist, soll er das gemäß wissenschaftlicher Ethik bei seinen Publikationen angeben. Das steht dann in seinen Publikationen unter der Überschrift „Interessenskonflikt“.

Führt jemand so einen Interessenskonflikt auf, zum Beispiel bei einer Studie über Pflanzenschutzmittel, die von einem Chemie-Konzern finanziert wird, schauen alle extra scharf hin und prüfen Methoden und Ergebnisse auf Herz und Nieren. Wer seinen Interessenskonflikt nicht angibt, ist nicht mehr satisfaktionsfähig. Der darf nicht mehr mitspielen und geht kurz danach meist in die Industrie.

Jetzt ist ein Wurstaktivist eindeutig mit einem massiven Interessenskonflikt behaftet. Da mag er sonst auf der Seite der Guten stehen, so richtig glaubwürdig ist er beim #wurstgate nicht.

Schwierig. Also, für die TAZ jetzt. Die hätte vielleicht doch lieber einen unabhängigen Forscher befragen sollen.

 

Der Wurstsack erklärt die Wissenschaft

Überhaupt, einen Forscher. Denn im Interview mit dem Wurstsack gab es noch ein paar andere Stolpersteine: Erstens kann er die Studie der WHO nicht gelesen haben, denn die ist noch gar nicht publiziert. Es gibt nur eine Pressemitteilung und einen Artikel im Lancet. Und natürlich ist das, was die WHO da gemacht hat, keine Kohortenstudie.

Eine Kohortenstudie ist eine Untersuchung, in der eine Gruppe von Menschen in Bezug auf bestimmte Ereignisse und Krankheiten systematisch über einen bestimmten Zeitraum beobachtet wird.

Was das IARC-Gremium gemacht hat, war eine Literaturstudie, eine Sichtung und Auswertung des Forschungsstandes. 800 Studien aus Europa, den USA und Japan haben die Krebsexperten durchforstet, deren Ergebnisse zusammen getragen und dann Bilanz gezogen.

Aber zusätzlich zu seinem Irrtum langt der Wurstsack noch richtig hin und erklärt die Ernährungswissenschaftler insgesamt für zu doof, und zu Kurpfuschern eines unseriösen Gewerbes. Das „Problem der meisten Studien“ sei, „dass sie einen monokausalen Zusammenhang“ herstellten und den Lebens- und Ernährungsstil nicht berücksichtigten.

Am Ende erledigt er mit einem grundsätzlichen Misstrauensvotum die ganze Zunft: Bei der Ernährung, sagt er, könne man Schlüsse auf die Wirkung bestimmter Stoffe überhaupt nicht ziehen. Und daher sollten die Verbraucher kritisch sein: „Meist lesen wir ein halbes Jahr später eine Studie, die genau das Gegenteil aussagt.“

 

Gut gemeintes, aber wirres Zeug

Ich bin ein Fan vom Wurstsack, wir sind in demselben Verein, kämpfen quasi Seite an Seite und ich bin in allem, was Wurst und Fleisch angeht, mit ihm einer Meinung. Aber was er da über Wissenschaft von sich gibt, ist wirres Zeug.

Den Forschern um die Ohren zu hauen, dass sie noch nicht mal die simpelsten Regeln der Wissenschaft beherrschen und selbst in internationalen Institutionen vor sich hin dilettieren, ist schon starker Tobak für einen Hobbymetzger. Solche Argumente wirft auch die Fleischindustrie in die Debatte, aus durchsichtigen Gründen. Damit kann man nicht arbeiten.

Es mag vom Wurstsack gut gemeint sein, aber etwas mehr Respekt sollte man vor der WHO schon haben. Sonst läuft man Gefahr, mit Esoterikern und Verschwörungstheoretikern beim Heilpraktiker zu landen und gegen Krebs Kügelchen aus Krötenschleim zu schlucken.

Daher kann ich das TAZ-Interview so nicht stehen lassen, bei aller Sympathie mit dem lieben Wurstsack. Vorab mal nix für ungut.

 

Wie geht das eigentlich mit dem Wissen über Essen?

Das Problem in vielen Fragen der Ernährungswissenschaft ist nämlich nicht, dass die Forscher dumm und schlampig sind, oder falsche Schlüsse ziehen. Das Problem ist, dass man keine Menschenversuche machen kann, um zu schauen was passiert.

Daher bleiben nur große Beobachtungsstudien und einige wenige Felder, in denen man versucht, mit bestimmten Testpersonen ethisch zu rechtfertigende, sichere Experimente zu machen. Das ist dann die Königsklasse, Interventionsstudien mit randomisiertem, kontrolliertem Design: Die einen bekommen etwas, die anderen kriegen es nicht. Wer in welcher Gruppe landet, ist Zufall, und man schaut genau hin, was herauskommt.

So etwas kann man mit Nüssen machen. Oder mit Olivenöl, also mit bewährten, sicheren Lebensmitteln. Man hat das alles auch schon gemacht.

Eine legendäre spanische Studie zum Beispiel sollte die Wirkungen von Nüssen und Olivenöl gegenüber einer normalen Diät mit wenig Fett und Kalorien bei Personen mit Risikofaktoren für Herzinfarkt testen. Heraus kam, dass eine Extraportion Nüsse oder Olivenöl zur normalen Kost so günstige Auswirkungen auf Blutwerte und Blutdruck hatte, dass die Forscher die Studie kurzerhand mittendrin abbrachen.

Grund: Es erschien ihnen unethisch, der anderen Gruppe die Vorteile der wirksamen Stoffe vorzuenthalten.

Seitdem gelten Nüsse und Olivenöl offiziell als gut für das Herz. Aber auch diese PREDIMED-Studie wurde auf ihre Einschränkungen hin scharf analysiert und kritisiert. Nur Risikopatienten, das verzerrt, und was die Probanden wirklich und wie oft gegessen haben, war auch unklar, neben einigen statistischen Fragen.

 

Der Wissenschaftler weiß nie genug

Das ist das Gute an der Wissenschaft: Sobald etwas auf dem Papier steht, kann es jeder ansehen und darüber diskutieren, auch heftig. Aber aufs Papier muss man erstmal was bringen, und die Forschungsprobleme angehen muss man auch.

Das Schöne ist, dass alle die Einschränkungen ihrer Studien und Designs angeben und man dann Bilanz zieht. Gemeinsam, wie jetzt die Forscher bei der WHO.

Keine Lösung ist: Nicht mehr forschen, weil man angeblich in dem Feld nichts wissen und belegen kann. Das ist eine mittelalterliche Sicht auf die menschlichen Erkenntnismöglichkeiten, im milden Fall ist es Skeptizismus, im schlimmsten Fall, siehe oben, Esoterik und Irrationalismus.

Denn was hätte man bei der spanischen Studie etwa machen sollen? Wie schnell hätte man Ergebnisse mit Gesunden erzielt? Wer gesund und normalgewichtig ist, keine Risikofaktoren hat und dann noch ein paar Nüsse oder Olivenöl dazu nimmt, an dem zeigt sich nicht so viel. Es sei denn, man beobachtet sehr viele Gesunde ihr Leben lang.

Aber das wäre ein Jahrhundertprojekt. Stattdessen macht man lieber eine Beobachtungsstudie, eine der Kohorten-Studien, wie das IARC sie jetzt ausgewertet hat: Man schaut in bestimmten Ländern über eine gewisse Zeit, was Menschen zu sich nehmen und woran sie sterben.

Dass sich dabei schwer erfassen lässt, was Menschen so essen, ist klar. Es sei denn, man sperrt sie in eine Zelle und schiebt ihnen eine genau bestimmte Ration durch einen Spalt in der Tür zu.

Also bleiben immer Unschärfen.

Das liegt aber nicht an den Forschern oder an den Studien an sich, weder an Fehlern noch an bösem Willen. Und es heißt nicht, dass man gar nichts wissen kann und alle Ernährungsstudien Unfug sind – ein beliebtes Totschlagargument interessierter Kreise.

Man muss aber gut abwägen, die Einschränkungen der Studien kennen und die Forschungslage nach bestem Wissen und Gewissen beurteilen. Das können Experten, die sich mit dem Feld befassen. Gleichzeitig müssen sie mehr herausfinden, um zum Beispiel Kranken zu helfen wie den spanischen Risikopatienten, oder schädliche Trends zu stoppen, wie beim Übergewicht.

 

Leider oft wichtig: Tierversuche und Labor 

Ach, ein Mittel gibt es noch, über das die Forscher nicht so gerne reden: Tierversuche. Tiere bekommen bestimmte Stoffe zu fressen, oder müssen Diät halten oder viel Fett aufnehmen, Alkohol trinken, sich mehr oder weniger bewegen. Steht ein Stoff, den Menschen aufnehmen, unter Krebsverdacht, ist der Tierversuch mit dem experimentellen Erzeugen von Krebs bei Mäusen oder Ratten ein recht hartes Indiz.

So hat man im Tierversuch die Gefahr durch viele Substanzen gezeigt, darunter natürlich Tabakrauch, da mussten Kaninchen inhalieren. Bei Alkohol wurden Ratten zu Säufern gemacht, auch die Krebsgefahr durch das Gift von Schimmelpilzen, Aflatoxin, wurde an Mäusen gezeigt, die verschimmeltes Futter bekamen.

Dann gibt es noch die berühmten Petrischalen-Versuche im Labor: Zellen kommen in Nährlösung, man gibt den verdächtigen Stoff dazu und schaut, ob die Zellen sterben. Das klappt ziemlich oft, zum Beispiel bei Alkohol oder Schimmelpilzgiften.

Wie auch immer – so kommt in der Forschung schon eine Menge Wissen zusammen, trotz der vielen Einschränkungen.

 

Mensch und Wurst – die Fakten

Überhaupt, die Fakten. Wir müssen jetzt endlich zur Sache kommen. Schluss mit Wissenschaftstheorie.

Die WHO halt also 800 Studien von 22 Experten sichten lassen und eine Entscheidung gefällt. Aber was bedeutet die Einstufung, was besagt sie genau, welche Konsequenzen hat sie, warum haben die Forscher so entschieden, welches Risiko besteht, gibt es neue Daten?

Hier so kurz wie möglich das Wesentliche:

Gibt es neue Daten? Nein. Es gibt nur bekannte Daten aus den letzten 20 Jahren, aus der EPIC-Studie und anderen, alle schon hundertmal diskutiert.

Welches Risiko besteht? Ein sehr geringes. Das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, beträgt für einen 45-jährigen Mann 0,4 Prozent. Isst er 50 Gramm Wurst oder Fleischwaren pro Tag mehr als vorher, steigt sein Risiko auf 0,5 Prozent, rechnen die Kollegen von Quarks&Co vor. Ich gebe gerne noch ein paar Zahlen dazu: Jedes Jahr sterben laut IARC 34.000 Menschen an Darmkrebs, der nach ihrer Meinung von verarbeitetem Fleisch ausgelöst wurde. Durch Verkehrsunfälle gibt es jedes Jahr 1,2 Millionen Tote, den diversen Infektionskrankheiten von Grippe bis Malaria erliegen mehr als 11 Millionen jedes Jahr, Raucher können sich unter jährlich 11,4 Millionen Leichen wiederfinden. Das Risiko, an einer Infektion, an Lungenkrebs oder auf der Straße zu sterben, ist also ungleich viel höher als das für den Tod an der Wurst. Rotes Fleisch kann man getrost aussparen bei dieser Rechnung, weil der Zusammenhang mit Krebs nicht sicher belegt ist.

Warum haben die Forscher so entschieden? Weil es ihr Job ist. Die WHO prüft in ihrer Krebsforschungsabteilung IARC Substanzen, denen viele Menschen oft ausgesetzt sind, wenn es Hinweise auf Krebsgefahr gibt. Bei Fleisch und Wurst wurde ein Zusammenhang mit Krebs immer mal wieder diskutiert, jetzt sollte Klarheit her. Nicht jeder Stoff oder jedes Lebensmittel wird übrigens geprüft, sondern nur die, die auffallen. Daher kam bisher nur wenig Essbares auf die Liste, darunter Mate-Tee, Kaffee (2A und 2B, also wahrscheinlich bis möglicherweise krebserregend), gesalzener Fisch und eingelegtes Gemüse nach chinesischer Art (Stufe 1, mit Wurst und Plutonium). Die waren halt in medizinischen Studien ein paarmal auffällig geworden – schwupps, steckten sie in der Beurteilungsmaschine. Die Chinesen kümmert es übrigens nicht, dass ihr geliebter Salzfisch und ihre Gemüsepickles angeblich Magenkrebs machen. Die haben andere Sorgen.

Wer war in der Kommission? 22 Experten aus 10 Ländern, alles ausgewiesene Kenner der Materie. Also weder Laien noch Dummköpfe. Man könnte sie „besorgte Forscher“ nennen, frei nach dem dieser Tage oft zitierten Begriff des „besorgten Bürgers“.

Wie lief die Entscheidung? Nicht einstimmig. 15 von 22 waren dafür, Wurst und Fleisch in die hohen Kategorien einzustufen. 7 waren dagegen. Es war also keine einvernehmliche Entscheidung. Da hätte man ja gerne mal Mäuschen gespielt.

Welche Konsequenzen hat die Entscheidung? Keine. Denn weder WHO noch IARC raten vom Fleisch- und Wurstverzehr grundsätzlich ab. Ausdrücklich betonte der Leiter der IARC-Arbeitsgruppe, Kurt Straif, schon am 26.10., dass der Fleischverzehr gesundheitliche Vorteile hat. Man muss daher abwägen und das Risiko einschätzen. Dabei ist die WHO leider nicht behilflich. Denn sie kann keine Mengen angeben, ab denen Wurst und Schinken sicher schaden oder, umgekehrt, sicher nicht schaden. Das muss man sich merken: Eine Dosis, ab der man Gefahr läuft, gibt es nicht. Nur einen beobachteten Zusammenhang zwischen Wurstverzehr und Krebs. Irgendwie.

Welche Belege gibt es denn? Ausreichende, aber schwache. Es gibt Hinweise auf Zusammenhänge bei Beobachtungsstudien, etwas mehr für Wurst und verarbeitete Fleischwaren, weniger bei rotem Fleisch, insgesamt sind die Zusammenhänge schwach. An welchen Stoffen es genau liegen könnte, beim Auslösen von Darmkrebs durch Wurstverzehr, ist nicht bekannt. Interessant: Es gibt keine Belege aus Tierversuchen. Das heißt, es ist nicht gelungen, bei Mäusen oder Ratten im Experiment durch Wurst und Fleisch Darmkrebs zu erzeugen.

Ist Wurst so gefährlich wie Plutonium und Asbest? Nein. Sie stehen nur in derselben Kategorie. Aber bei Fleischwaren wie bei allen Lebensmitteln gibt es nur Plausibilitäten und bestimmte Zusammenhänge, nach denen die Krebsforscher der Sicherheit halber die Einstufung vornehmen. Bei Plutonium und Asbest  ist die Datenlage völlig anders. Legen Sie sich daher weiter Salamischeiben aufs Brot. Aber krümeln Sie nicht mit asbestverseuchtem Dämmstoff herum.

 

Soweit mal die Lage. Nüchtern betrachtet ist die Einstufung der IARC und der WHO von den Daten her wissenschaftlich nicht unkorrekt, vielleicht überkorrekt, bei dem minimalen Risiko.

Sie folgt einer Maschinerie in der IARC, und ganz sicher einer Politik der Prävention unter Bedenkenträgern: „So viele Menschen auf der Welt essen Fleisch, Wurst und Schinken. Da müssen wir auf das Risiko aufmerksam machen. Auch wenn es gering ist.“

Also bedeutet die Einstufung für den Einzelnen praktisch nichts, weil sich nichts ändert, nichtmal die Ernährungsempfehlungen.

 

Wer Wurst isst, kann sich auch in die Sonne legen

Kurt Straif von der IARC-Kommission, die die Einstufung vorgenommen hat, sagt noch etwas Bemerkenswertes: „Der Verzehr von Fleisch hat gesundheitliche Vorteile“, sagt er, und zählt die Proteine, Vitamine und Spurenelemente im Fleisch auf. Die stecken auch in der Wurst.

Und damit stößt man auf den Kern der Sache: Es geht bei #wurstgate um eine Risikoabwägung, um Risikowahrnehmung und Risikokommunikation: Fleisch und auch Wurst haben ernährungsphysiologisch so viele Vorteile, dass diese die eventuellen Nachteile überwiegen.

Wer hungert, muss da nicht zweimal überlegen: Her mit der Wurst! Es ist besser, sich die guten Proteine, Fette und Vitamine der Wurst einzuverleiben als sich vor einem Darmkrebsrisiko zu ängstigen, dass objektiv gering ist.

Das haben sich wohl auch die frühen Menschen gedacht, als sie daran gingen, Fleisch zu grillen (Krebs durch HCA und Benzo(a)pyren!) oder zu räuchern und als Schinken zu konservieren (Krebs durch Nitrosamine!). Letzteres taten schon die Neandertaler während der Eiszeiten, sonst wären sie ausgestorben.

Die Vorteile von Wurst, Schinken und Fleisch waren daher Menschen seit Urzeiten bewusst, was dazu geführt hat, dass Fleisch und Fleischwaren in praktisch allen Kulturen die begehrtesten Nahrungsmittel sind.

Die Einstufung von Wurst und Schinken ist vergleichbar mit der des Sonnenlichts: Sonnenlicht tut den Menschen gut, weil die Haut unter der Einstrahlung Vitamin D produziert. Menschen, vor allem Kinder, brauchen dazu Sonnenlicht, ohne Sonnenlicht bekommen sie leicht Rachitis und andere Mangelkrankheiten.

Sonnenlicht wirkt außerdem stimmungsaufhellend und anregend, es macht Menschen fröhlich, fördert Geselligkeit und Bewegung und ist notwendig für einen gesunden Hormonkreislauf und guten Schlaf, weil es die innere Uhr stimuliert.

Aber Sonnenstahlen sind krebserregend. Eindeutig. Sie verursachen Hautkrebs.

Die lieben, goldenen, warmen, überaus nützlichen Sonnenstrahlen stehen daher auch auf der IARC-Liste. In Kategorie 1, seit 2012: Es ist sicher belegt, dass Sonnenlicht Krebs auslöst. In diesem Fall übrigens auch im Tierversuch und im Reagenzglas.

 

Das Krebsrisiko bleibt – auch ohne Wurst

Und was jetzt? Nichts. Nichts weiter.

Nach der WHO-Entscheidung ging ein Sturm der Empörung durch die ganze Welt, und bei der WHO liefen so viele aufgebrachte Anfragen ein, dass sie vier Tage nach ihrer Entscheidung schon zurückrudern musste: Nein, die Botschaft sei nicht, dass Wurst Krebs macht. Die Botschaft sei: Weniger Wurst vermindert das Krebsrisiko.

Aha! Gut zu wissen – das ist eine andere Perspektive: Weniger Wurst kann das persönliche Krebsrisiko vermindern.

Aber es verschwindet nicht.

Wer wenig Wurst und rotes Fleisch isst, hat vielleicht ein geringeres Risiko, an Darmkrebs zu sterben. Aber sein Risiko ist nicht gleich null. Denn auch Vegetarier sterben an Darmkrebs, sogar erstaunlich häufig, wie sich denselben Kohorten-Studien entnehmen lässt, die von der WHO wider die Wurst ausgewertet wurden.

Am meisten steigt das Darmkrebs-Risiko übrigens durch Übergewicht und zu wenig Bewegung. Nicht durch Wurst.

 

Wer eine Botschaft hat, hat auch Verantwortung

In der SZ wirft Kathrin Zinkant der WHO vor, dass ihre platte Botschaft über die Einstufung unverantwortlich ist, weil sie nur verunsichert und keine neuen Verzehrsempfehlungen daraus folgen. Es ist auch weiterhin unklar, welche Inhaltsstoffe und Mengen verantwortlich für das leicht erhöhte Darmkrebsrisiko sind.

Das ist der bei weitem beste Kommentar zu #wurstgate bisher. Den sollte man lesen, und sich nicht dabei aufhalten, dass auch Zinkant der Versuchung erliegt, den WHO-Wissenschaftlern unsaubere Arbeit nachzuweisen.

Die Forscher haben nur ihren Job gemacht, die Maschinerie der Krebswarnungen ist an sich ein Problem.

Wichtig ist es dabei auch, sich klarzumachen, welche immense kulturelle und ernährungsphysiologische Bedeutung Wurstspezialitäten, Schinken, Pasteten und Fleischgerichte haben, und das gilt rund um den ganzen Globus.

In Italien rufen die Hersteller schon empört zum Widerstand gegen den „Fleischterror“ auf und verweisen auf die hohe Lebenserwartung der Italiener, die in Europa mit am höchsten liegt – trotz sehr hohen Fleisch- und Wurstverzehrs.

Die werden sich ihren Parmaschinken und ihre Salami nicht nehmen lassen. Und zwar zu Recht.

Und sollen die Ungarn ihr Gulasch abschaffen, die Franzosen ihre heißgeliebte Charcuterie, die Schwarzwälder ihren Schinken? Ganz Thüringen ist stolz auf seine Würste, noch stolzer sind die Nürnberger, und der Lebensinhalt des Münchners besteht aus Weißwurst vor 12 Uhr und dem Schweinsbraten danach. In unwegsamen Regionen wie Tibet und Nepal können die Menschen auf Yak-Fleisch und –schinken nicht verzichten, sie würden sonst verhungern.

Wer mir jetzt mit Fliegen kommt, die sich nicht irren können, dem sage ich ins Gesicht: Fliegen werden sogar eine Atomkatastrophe überleben, weil sie das zu sich nehmen, was ihnen von Natur aus bekommt und sie gesund hält.

Beim Menschen habe ich da so meine Zweifel.

© Johanna Bayer

Der Kommentar  zu #wurstgate von Kathrin Zinkant in der SZ

Das TAZ-Interview mit dem Wurstsack ist nicht online

Aber Joachim Müller-Jung weist in der FAZ auch auf volkserzieherische Impulse der WHO hin, sehr interessant.

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

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ARTE und die große Zuckerlüge: Warum wir uns das nicht sagen lassen müssen

 

Ich beziehe sofort Stellung, gleich am Anfang: Zucker ist mir egal.

Echt. Es gibt Lebensmittel, die mir nicht so egal sind, Butter zum Beispiel. Ohne Butter könnte ich nicht leben. Oder glibberiges Rührei als Gegenpol, das garantiert ein Trennungsgrund ist, wenn mir das einer auf den Teller klatscht. Wenn ich wählen müsste, welche Geschmacksrichtung ich entbehren könnte – zwischen salzig, sauer, bitter, umami, fett, scharf und süß würde ich den Süßgeschmack wählen. Darauf könnte ich für den Rest meines Lebens verzichten.

Natürlich nur zur Not. Ab und an was Süßes ist schon schön.

Das mal vorab. Ich kann mich also nicht an dem großen Zucker-Bashing beteiligen, weil mir Zucker wurscht ist. Ich fühle mich auch weder als Opfer der Industrie noch als betrogene Verbraucherin, die nicht weiß, worin überall Zucker steckt. Zum Glück bin ich auch keine heimlich Abhängige, die schuldbewusst gestehen muss, dass sie nur mit bunten Industrieschaumstoffen in der Schublade arbeiten kann.

Ich kann mit Zucker leben und auch ohne – wahrscheinlich. Sicher ist das nicht. Denn dem Zucker kann man nicht entgehen.

Das sagt ARTE. Der Kultursender hat eine große Dokumentation gebracht, über Zucker. Genauer: einen Film gegen Zucker. Eine Brandrede, ein flammendes Pamphlet.

In diesem Politkrimi mit allen Schikanen gibt es grauenvolle Verschwörungen, gekaufte Wissenschaftler, finstere Machenschaften der Industrie, korrupte Ministeriale, verschollene und wieder aufgetauchte Dokumente, raffinierte PR-Tricks und Lügen-Kampagnen der Konzerne, entlarvende Werbeclips, erst jetzt entdeckte Akten und minutenlange Archivaufnahmen von alten Sendungen aus dem US-Fernsehen. In denen fallen sich industrienahe und –ferne Forscher gegenseitig ins Wort. Auch der aalglatte Ancel Keys wird vorgeführt, der Mann, der mit seinen gefälschten Studien vor 60 Jahren die fatale Anti-Fett-Doktrin ausgerufen hat.

Befeuert ist das Ganze von zwei Protagonisten, dem Wissenschaftsjournalisten Gary Taubes und dem Forscher Robert H. Lustig, einem Neuroendokrinologen, der übergewichtige Kindern behandelt. Beide peitschen durch den ganzen Film genau eine These: Zucker ist Gift und wir sind Opfer der Industrie.

 

„Zucker gehört zum Leben“ ist das Fazit

Streng genommen geht sowas eigentlich nicht mehr als Journalismus durch – das ist kalkuliertes, hoch emotionales Dokutainment vom Kaliber „Supersize me“. Von dem glauben inzwischen die meisten, dass er ein Fake war, unter anderem, weil ein Forscher den angeblichen Versuch von Morgan Spurlock im Labor mit Probanden nachgestellt hat und etwas ganz anderes herauskam.

Einig ist man sich darüber, dass „Supersize me“ ein Problem aufs äußerste Extrem zuspitzt und zum Nachdenken anregt – aber mehr auch nicht. Er bietet keine Lösungen, suggeriert falsche Zusammenhänge und bedient vorgefasste, oberflächliche Meinungen.

So ist es auch mit den Lügen über Zucker bei ARTE.

Mehr ist inhaltlich darüber eigentlich nicht zu sagen. Gewährsmann Robert H. Lustig, der Anti-Zucker-Forscher der Sendung, sagt es am Ende in aller Gemütsruhe selbst, bei TC 1:16:

„Eine gewisse Menge ist schon in Ordnung, und Zucker gehört zum Leben.“

Die Kulturkuschler von ARTE schießen ungewohnt scharf

Vorher aber erspart uns ARTE nichts bei seiner großen “Zuckerlüge”. Schon vor dem Film steigt die Moderatorin steil ein und dekretiert im Studio: “Zucker ist Gift und Essen kann tödlich sein.” Das ist der Sache nach von der bestechenden Logik eines alten Ärzte-Kalauers: Jeder, der gegessen hat, ist irgendwann gestorben.

Dass ARTE so scharf schießt, ist erstaunlich, so kennt man die weichgespülten Multi-Kulti-Kulturkuschler eigentlich nicht. Schon im Ankündigungstext im Internet heißt es: „Wie hat es die Lebensmittelindustrie geschafft, dass wir uns diese Frage nicht mehr – oder viel zu selten – stellen?“

Da möchte man doch gleich mal zurück fragen: Ja, wieso denn die Industrie? Hat die das ganz alleine geschafft? Und wer sagt eigentlich, dass „wir“ uns diese Frage nicht stellen?

Erstens stellen wir uns diese Frage pausenlos, hier in Europa. Seit bestimmt 200 Jahren. Seit dem frühen 19. Jahrhundert sind Naturheilkundler, Ärzte und Diätpäpste gegen Zucker auf dem Feldzug – sie haben in vielem Recht und ihre Botschaften finden sehr wohl Gehör.

Es sind schon so viele Wellen von Zucker-Hysterie durchs Land gegangen, dass man dieser Tage geradezu erleichtert ist, wenn mal ein anderes weißes Lebensmittel von den Gesundessern verdammt wird. (Gerade haben sie neben Zucker, Salz und Weißmehl die Milch am Wickel, zu Unrecht, übrigens).

 

Internationale Einigkeit über Zucker

Zweitens gibt es wohl beim Essen keinen Konsens unter Eltern, Großeltern, Lehrern, Kinderärzten, Zahnmedizinern, Internisten, Diabetologen, Politikern oder sonst Zuständigen, der eindeutiger wäre:

Bitte nicht zu viel Zucker! Vorsicht vor Limos und Süßgetränken!

Kein Lebensmittel steht so bombenfest auf der schwarzen Liste, da kommen sogar die üblichen Verdächtigen Schweinefleisch, Salz, Fett, Kaffee und Weißmehl nicht dran. Nicht einmal die Volksdroge Alkohol, der öfter mal günstige Wirkungen zugeschrieben werden. In Maßen, natürlich.

Was den Zucker angeht, stehen also die Warnungen schon seit 60 Jahren in den Ernährungsratschlägen. Ebenso lange sind in den anschaulichen Esspyramiden Zucker und Süßkram nach ganz oben an die Spitze verbannt, mit dem dicken Warnhinweis, sie möglichst zu vermeiden.

Auch hat die WHO 2015 die Zufuhr-Empfehlung für Zucker von 12 auf 6 Teelöffel am Tag gesenkt. Das ist weniger als in einer Dose Cola enthalten ist. In ihrer Begründung gibt die WHO an, dass sie damit die Gefahr von Übergewicht und Karies eindämmen will.

Eindeutiger geht es kaum.

 

Wer hat eigentlich das größte Problem?

Trotz dieser allgemeinen Einigkeit macht ARTE in seiner „Zuckerlüge“ ein Riesenfass auf. Sicher ist nicht unerheblich, dass die Doku eine teure internationale Gemeinschaftsproduktion von ZDF/ARTE mit französischen und kanadischen Sendern ist. Für so einen Hochglanz-Dreh muss die Werbetrommel ordentlich gerührt werden. Gut wirkt es dabei, wenn der Sender offensiv hinter der Botschaft steht. Das passt ja auch zu seinem öffentlichen Auftrag – Bildung, Aufklärung, kritische Berichterstattung.

Von der Machart her ist der Film neueste Doku-Kunst, gestrickt von zwei kanadischen Filmemacherinnen. Zufällig treten auch nur Protagonisten aus den USA und aus Kanada auf. Und wenn man das bedenkt, dann riecht man den Braten: Aha, von daher weht der Wind, aus TTIP-CETA-Land.

Die haben nämlich ein Problem.

Ihre falsche Landwirtschafts- und Ernährungspolitik, ihre Industrie- und Marktgläubigkeit, die Ungleichheit in der Gesellschaft und nicht zuletzt ihre verwahrloste Esskultur haben dazu geführt, dass in den USA und Kanada das Problem Übergewicht mit allen Folgeschäden total aus dem Ruder läuft.

Sie haben Angst.

Denn das Ruder können sie jetzt schon nicht mehr rumreißen. Die durchschnittliche Lebenserwartung in den USA liegt seit Jahren signifikant unter der von West- und Südeuropa, und sie steigt nicht mehr, im Gegensatz zu West- und Südeuropa. In den USA liegt die Anzahl der extrem Fettleibigen so hoch wie nirgendwo in der Welt, sieht man mal von ein paar pazifischen Inseln ab, deren Esskulturen übrigens vorher von US-Konzernen ruiniert wurden.

In Kanada hat sich die Anzahl der Diabetiker in den letzten 10 Jahren drastisch erhöht: Fast 10 Millionen Kanadier haben Diabetes oder eine Vorstufe davon, sagt die kanadische Diabetesgesellschaft. Zwar liegt das angeblich auch an vielen asiatischen Einwanderern, die genetisch anfällig für Diabetes sind. Aber das schmälert die Tragödie nicht – bei knapp 35 Millionen Einwohnern sind 10 Millionen Betroffene fast ein Drittel der Bevölkerung, knapp 30 Prozent.

Auch in den USA ist schon ein Drittel der Bevölkerung betroffen, wenn man die diagnostizierten Diabetiker vom Typ 2 mit denen zusammenzählt, die eine Vorstufe von Diabetes haben.

Zum Vergleich: Selbst unter den im europäischen Vergleich dicken Deutschen liegt die Anzahl der Diabetiker und der Menschen mit Prädiabetes zusammen ungefähr bei 10 Prozent, in Frankreich und Italien weit niedriger, um die 6 Prozent.

Das ist wahrlich dramatisch – für die USA und Kanada, versteht sich.

 

Europa kann noch gegensteuern

Ganz ohne Schadenfreude kann man erstmal eines festhalten: Zum Glück ist es in Europa nicht ganz so schlimm.

Noch nicht, wohlgemerkt – es besteht kein Grund zur Verharmlosung, und der weltweite Übergewichts- und Diabetes-Zuwachs muss natürlich dringend bekämpft werden. Aber klar ist auch: In den europäischen und vielen anderen Ländern gibt es offensichtlich trotz Zuckerkonsums einige Schutzfaktoren, anders als in den USA und Kanada.

Welche das sind, damit müssen wir uns dringend beschäftigen, und sie vor allen Dingen erhalten.

Derweil müssen die Amerikaner und Kanadier mit ihrer eigenen Krise zurecht kommen. Mit ihrer Industrie, ihren Ernährungsgewohnheiten, ihrem Stress, ihrer auseinanderdriftenden Gesellschaft, ihren dicken Kindern, ihren Millionen von Extremfettleibigen, ihrem Fast Food, ihrer Coca-Cola, ihren Donuts, Bagels, Marshmellows, Tuben-Käsecremes und dem ganzen – Pardon – Dreck, den sie essen und trinken.

Sicher ist es trotzdem nützlich, wenn in diesem Film Wissenschaftler und Journalisten auch dem Rest der Welt vorsorglich einen Schrecken einjagen.

Aber egal, welche unterhaltsamen Archivschinken die Filmemacher ausgraben, in der ganzen Doku gibt es keine einzige neue wissenschaftliche Erkenntnis oder bahnbrechende Studie, die die Lage völlig gedreht hätte und die Aussage rechtfertigt: Zucker ist Gift.

 

Kein einzelnes Lebensmittel ist Schuld an allem

Über Zucker ist schon seit Jahrzehnten genug bekannt bekannt, insbesondere über die schädliche Rolle von Fruchtzucker und Säften. Allen erdenklichen Hinweisen sind – unabhängige – Forscher schon nachgegangen, darunter auch der These, dass Zucker süchtig macht.

Für Essgestörte und bestimmte Übergewichtige gibt es da sogar ein Gefährdungspotenzial, das man – für diese Gruppe – ernst nehmen muss. Aber das gilt nur unter speziellen Bedingungen. Niemand wird traditionelle Lebensmittel wie Zucker, Schokolade, Kuchen und Süßigkeiten verbieten, weil sie bei falschem Gebrauch Schaden anrichten können.

Das gelingt ja nicht einmal bei den wirklich schädlichen Drogen Alkohol und Nikotin, wo es für ein Verbot viel mehr Gründe gäbe. Einen solchen Eingriff in den kulturell begründeten Lebensstil von Menschen wagt bisher keine Regierung.

Fakt ist: Menschen brauchen keinen Zucker. Aber viele lieben ihn. Das ist ein Problem.

Auch ist es tatsächlich Stand der Wissenschaft, dass kein einzelnes Lebensmittel verantwortlich wäre für Übergewicht, Diabetes, Krebs und Herzinfarkt. Und das geht keineswegs auf die Industrie zurück.

Trotzdem gibt es immer wieder Beseelte und Aktivisten, die versuchen, solche Anklagen zu lancieren, ich sehe sie vor mir: Fleischgegner drehen schon einen Film gegen Fleisch, Veganer wünschen einen gegen alles vom Tier, Paläo-Steinzeitfans planen ein Splatter-Movie gegen Getreide, Milch und Hülsenfrüchte, die Anti-Gluten-Fraktion arbeitet an einem Gruselschocker speziell gegen Weizen und der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach bereitet einen Horrorfilm über Salz vor.

 

Sie können uns nichts Neues sagen

Interessanterweise dreht sich aber die ganze „große Zuckerlüge“ auf ARTE eigentlich nicht um die Wissenschaft, sondern um die bösen Machenschaften der Zucker-Lobby und ganz allgemein um die amerikanische Ernährungs- und Gesundheitslage. Das kritisch zu beleuchten ist nicht uninteressant und durchaus lobenswert, im Übrigen auch das Steckenpferd des verdienten Journalisten und Wissenschaftskritikers Gary Taubes.

Aber das anderthalbstündige Industrie-Bashing wirkt zu dramatisch und einseitig, die Vergleiche mit dem Tabak-Problem an den Haaren herbei gezogen. Denn gegen das suchterzeugende Gefäßgift Nikotin und die gefährlichen Verbrennungsprodukte in Zigaretten ist Zucker fast ein Waisenkind.

Daher lautet ja der internationale Konsens wie oben beschrieben: Kann man essen. Gelegentlich. Vorsicht vor Übergewicht.

 

Warum keine europäischen Experten?

Ein anderer Eindruck drängt sich auf. Wie es scheint, ist die Grundannahme des Films und der Protagonisten: „Amerika ist die Leitkultur. Von dort kommt alles. Alle übernehmen amerikanische Gewohnheiten, was dort läuft, läuft spätestens 10 Jahre auch anderswo.“

Vermutlich ist das der Beweggrund für den Sender ARTE. Oder warum verkauft sie uns die “große Zuckerlüge” so offensiv? Relevant wäre das Thema im ARTE-Sendegebiet aber mit europäischen Zahlen, europäischen Verhältnissen und europäischen Experten. Es hätte dann auch viel mehr Aspekte gegeben, andere Forschung und möglicherweise auch einige Lösungsperspektiven.

Am Ende des Films steht dafür übrigens das Plädoyer für „richtiges Essen“ statt Zucker, Fastfood und amerikanischen Fertiggerichten. Das ist schon sehr amüsant, wenn Amerikaner dem Rest der Welt erklären wollen, dass das von ihnen erfundene Ramschfutter nicht so gut für die Gesundheit ist. Wohlgemerkt, nachdem sie vorher die Welt damit überflutet haben.

Also, über „richtiges Essen“ brauchen sich die Europäer, besonders in Ländern mit tief verwurzelter Esskultur wie Frankreich und Italien, weiß Gott nichts erzählen zu lassen. Im Übrigen ist Frankreich der größte Zuckerproduzent in der EU. Die dortige Industrielobby kann aber scheinbar bei Weitem nicht so viel Böses anrichten wie ihr Pendant in Amerika. Ein interessanter Unterschied.

 

Persönliche Missionen – und ein paar Fragen

Und was bleibt jetzt übrig von den Zuckerlügen? Der Kern der Doku ist die historische Aufarbeitung der Debatten rund um das falsche Anti-Fett-Dogma aus den 1960er und 1970er Jahren. Danach wurden Zucker und besonders Fruchtzucker als harmlose pflanzliche Geschmacksstoffe aufgebaut, weil Fett als Geschmacksträger fehlte.

Dass tierische Fette und gesättigte Fettsäuren inzwischen wissenschaftlich freigesprochen sind, wäre ein anderes wichtiges Thema gewesen, für das im Übrigen wieder verdienstvoll Gary Taubes steht. Es kommt hier zu kurz, weil der Fokus auf Zucker liegt. Schade eigentlich.

Was noch vom Storytelling im Film übrigbleibt, sind die persönlichen Missionen der Protagonisten. Robert H. Lustig will fettleibige Kinder heilen, das ist absolut richtig. Und besonders der Konsum von Süßgetränken ist ein echtes Problem. Da widerspricht ihm niemand mehr ernsthaft, und es könnte dagegen viel mehr getan werden.

Gary Taubes hat aber noch viel mehr vor, was er im Film nicht sagt: Er gehört der Low-Carb-Fraktion an und versucht jetzt, selbst in die Forschung einzusteigen. Von Haus aus ist Taubes Physiker, aber er will in einem eigenen Institut nichts weniger als endlich alle Rätsel der Ernährungswissenschaft lösen.

Erklärtes Ziel: die eine gesunde Ernährung für alle finden. Vermutlich wird ihm das nicht gelingen, jedenfalls nicht so schnell.

Garantiert hat er Recht damit, dass insgesamt der Kohlenhydrat-Anteil  in den Nahrungsmittelempfehlungen viel zu hoch ist. Das ist aber eine viel komplexere Diskussion, in der bei Weitem nicht die Industrie alleine der Schuldige ist.  Einseitig den Zucker und die Industrie-Lobby anzuklagen ist leichter und plakativer, aber zu vordergründig.

 

Kunstprodukte aus den USA: bitte nicht

Was noch vom Film übrig bleibt, ist eine zentrale Frage: Wenn man eingeführte und traditionelle Lebensmittel schon nicht verbieten kann oder will – wie bringt man Menschen zu einem maßvollen Konsum?

Und da geht es erst richtig los: Wie kann man das Ernährungsverhalten beeinflussen oder “verbessern”? Geht das überhaupt? Wie erzieht man Menschen, am besten von Kind an, zu vernünftigem Ess- und Gesundheitsverhalten? Lustig und Taubes haben darauf keine Antwort außer dem Vorschlag, Preise zu erhöhen und irreführende Werbung zu verbieten. Ach ja, und von amerikanischem Essen raten sie ab.

Danke, das wussten wir alles schon.

Daher muss ich draufsatteln, präventiv, persönlich und vom europäischen Standpunkt aus gedacht:

Wie verhindern wir, dass amerikanische Essgewohnheiten und amerikanische Kunstprodukte unsere Esskultur ruinieren? Wie können wir unsere Schutzfaktoren bewahren? Wie verhüten, dass Amerikaner und Kanadier uns in ihr Desaster reinziehen?

Also, eines habe ich am 13.10. während der Ausstrahlung auf Twitter unter #zucker #arte dazu in die Debatte geworfen:

 

„Die USA sind nicht Europa.

Zum Glück.

Apropos: TTIP verhindern“

 

Das ist natürlich nicht der einzige Weg. Aber ein Anfang wäre es. ARTE hat meinen Vorschlag übrigens prompt als Retweet weitergeschickt, an 105.000 Follower. Das lässt doch hoffen.

© Johanna Bayer

ARTE “Die große Zuckerlüge” vom 13.10.2015, online bis 20.10.2015

Eine “Low-Carb-Community” hat den Beitrag übrigens schon auf Youtube hochgeladen, auf Arte wird er am 27.10.2015 um 9.00 Uhr wiederholt

Mein Film “Zucker unter Verdacht”, Quarks&Co 2010

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

 

Der STERN enthüllt: McDonald´s macht Fastfood! Wie man mit Null-Nachrichten Leser fängt

 

 

Ich will schon lange was über Burger schreiben, also über diese Brötchen mit Fleischklops. Was ist das für eine Welle, worum handelt es sich, ist das richtiges Essen? Aber ich brauche dazu einen Medienbericht, das ist nunmal das Konzept von Quarkundso.de. Wo kommen wir denn sonst hin!

Da kommt mir der STERN gerade recht.

Bei STERN-online gibt es seit dem Frühjahr 2015 unablässig was über McDonald‘s. Egal was – jede Pressemitteilung des Ladens und jede Diskussion unter Fastfood-Essern ist STERN-online einen Artikel wert.

Es gibt angebliche Insider-Informationen und Fan-Klatsch, es gibt was zu Kundenwünschen und Produkten; es gibt Fotogalerien und Klick-Reihen, es gibt Informationen zu neuen Filialen in anderen Ländern und zu Produkten im Ausland, zu Ausstattung und Design der Läden, zur Geschäftsstrategie, zum Umsatz.

Es gibt sogar lustige Tipps zum Selbermachen, also Bastelanleitungen für Mc-Donalds-Produkte.

Viele schöne Fotos sind dabei, also Fotos von Bic Macs, Chicken-Burgern und anderen Produkten, die direkt von McDonald‘s stammen. Das steht im Bildnachweis auch schön brav drunter.

 

Hier mal ein kleiner Überblick über Themen und Titel:

„Krise in Argentinien – McDonald‘s gehen die Ketchup-Vorräte aus“

„McDonald‘s plant ganztägiges Frühstücksangebot“

„McDonald‘s -Chef im Interview: Ein Bio-Burger ist nicht zu machen“

„So bauen Sie die geheimen McDonald‘s-Burger selbst!“ Fotogalerie mit Anleitungen

„Insider packt aus: Das sind die geheimen Menüs bei McDonald‘s“

„Fitness-Aktion in Australien: McDonald‘s umwickelt Burger mit Salatblättern“

„Fast-Food-Quiz: McDonald‘s oder Burger King? Kennen Sie die Produkte?“

„Shrimp-Burger, Käse-Wraps und Polenta-Ecken: Mit diesem Essen lockt McDonald‘s Kunden in anderen Ländern“ Bildergalerie zum Durchklicken

 

Natürlich bietet der STERN auch Kritik:

„Peinliches McDonald‘s -Video: So werden Big Macs hergestellt“

 

Und Analyse:

„Neue Strategie bei McDonald‘s: Die fetten Jahre sind vorbei“

Ja. Das ist dann so ungefähr das Verhältnis, seit März 2015.

 

Hat das etwa System?

Verschwörungstheoretiker und Lügenpresse-Verbitterte laufen bei so einer Liste natürlich zu großer Form auf: Geheimer Werbedeal mit McDonald‘s! PR-Leute des Konzerns hinter den Kulissen beim STERN! Gekaufte Schreiberlinge, unschuldige Leser, der Verlag kassiert!

Natürlich ist das nicht so.

Das Gruner-und-Jahr-Flaggschiff und Qualitätsblatt zeigt nur eine große Bandbreite. Erlaubt Meinungspluralismus, greift die Themen der Zeit auf, holt die User ab, bindet die Community ein, generiert relevanten Content, denkt viral, und was dergleichen Online-Sprech noch ist. So geht Journalismus heute.

Old-School-Opfer-Gejammere von Relevanz, Recherche, Seriosität ist unter diesen Umständen, seien wir ehrlich, Schnee von gestern. Reines Bullshit-Bingo. Heute ist Content King, notfalls auch Burger King.

Wohl deshalb ist für die Mc-Donald’s-Berichterstattung ein recht großes Team abgestellt, mindestens vier Profi-Journalisten lassen sich identifizieren, dazu zwei Redakteure und Ressortleiter. Gemeinsam arbeiten sie am großen McDonald‘s-Storytelling. Wahrscheinlich wollen sie nur den Online-Journalismus retten, der ja bekanntlich tot ist. Und so kriegen die das bestimmt wieder hin.

 

Leaks aus der Ladentheke

Content also, für User, junge Zielgruppen. Natürlich auch mit Anspruch, man ist ja wer. Die Qualitätsjournalisten von G&J drehen daher gerne auch mal das Vermischte auf investigativ, etwa den Bericht über eine angebliche „Insiderin“, die angeblich enthüllt, was außerhalb von McDonald‘s angeblich keiner wissen soll: Gleich über zwei Beiträge schrieb der STERN: „Insider packt aus“.

Die Geschichte geht so: Auf der Online-Plattform Reddit ein England meldete sich eine anonyme Frau zu einem Chat an, sagte, sie sei Managerin bei McDonald’s und jeder könne jetzt alles fragen, was er je über den Laden und das Essen dort wissen wollte. Das ist ein gängiges Format in USA und England, genannt „AMA“, „ask me anything“, ein Online-Chat, anonym und ohne Wahrheits- oder Qualitätsanspruch.

Also fragten die Reddit-User, die anonyme Angestellte antwortete, einige englische Online-Postillen berichteten, und dann kam es bei STERN online.

Was die Geheimnisträgerin über McDonald‘s preisgab, war wahrhaft brisant:

Die Gerichte werden vorbereitet, damit sie sofort nach der Bestellung über die Theke gehen können.

Die Fladen in den Hamburgern sind aus Rindfleisch.

Salat wird geschnitten in Tüten angeliefert und vom Personal von Hand in Plastikschüsseln zum Mitnehmen umgefüllt.

Vegetarische Produkte sowie Fisch und Hähnchen werden fertig zubereitet und maximal 20 Minuten warmgehalten

Das Hähnchenfleisch für die Nuggets ist tiefgefroren.

Lieferanten von McDonald‘s sind überall auf der Welt.

Der Konzern kauft dort ein, wo es am billigsten ist.

Kunden können in den Läden auch Sonderwünsche äußern.

 

Was ist denn hier die Nachricht?

Zusammengefasst bestehen die vom STERN als „Enthüllungen“ verbreiteten Angaben der McDonald‘s-Managerin also aus dem Geschäftsmodell der Fast-Food-Kette. Wobei man das Konzept des Ladens seit den 1950er Jahren als bekannt voraussetzen darf.

Das ist natürlich keine Nachricht.

Und wegen des mangelnden Nachrichtenwerts musste, das gebietet das gute Handwerk, da etwas rein. Etwas, was neu, ungewöhnlich, anders ist als sonst, und am besten zieht beim Thema Essen bekanntlich was mit Gesundheit. Also konzentriert sich der Autor auf die Zubereitung der Bulettenbrötchen:

„Im Gegensatz zu den anderen Produkten werden die Burger laut der 24-Jährigen mit allen Zutaten frisch zubereitet und maximal zehn Minuten warmgehalten.“

An sich ist diese Botschaft zwar auch noch ein bisschen lau. Aber in Zeiten der journalistischen Notwehr und auf der Mission „Rettet den Online-Journalismus“ ist ja ziemlich viel erlaubt. Und daher hat die Redaktion aus dem Ding alles rausgeholt, was ging:

„Gesund essen bei McDonald‘s? Dann bestellt lieber Burger als Salat!“

„Eine Insiderin verrät: Das Gesündeste auf der Karte ist nicht der Salat.“

„Laut der 24-Jährigen sind die klassischen Rindfleischburger gesünder als Chicken-Wraps, Salate und Co.“

So klingt das schon mehr nach einem Scoop – Burger von McDonald‘s sind „gesund“, und zwar noch gesünder als Salat! Grund: Der Salat steht etwas länger rum, bevor er weggeht. Das macht ihn – laut STERN – “ungesünder” als die Frikadellen-Brötchen.

Diese Folgerung traf der STERN übrigens alleine. Denn auf die Idee kam sonst keiner, der den Fall überhaupt aufgriff (was wirklich nicht viele taten, schon gar kein Qualitätsblatt). Wie auch. Die ganze Welt weiß ja, dass Hamburger nicht ungesund sind. Jedenfalls nicht ungesünder als ein Wurstbrot. Oder eine Leberkässemmel. Oder ein Döner.

 

Zu plump um wahr zu sein

Trotzdem – so einfach geht es nicht. Denn schon die Quelle des gewagten Artikels im STERN weckt einen üblen Verdacht: Diese Reddit-Fragestunde könnte doch wirklich ein Trick der Marketing-Abteilung von McDonald‘s sein? Wer sollte einen so plumpen Auftritt mit Botschaften über die Produktqualität bringen, wenn nicht eine Angestellte im Auftrag des Konzerns?

Es liegt mehr als nahe: Hat vielleicht die Marketingabteilung beim Mäckes eine PR-Person oder einen Schauspielerin engagiert, die auf Kundenfragen antwortet und so tun soll, als ob sie jeden Tag hinter der Theke steht? Anonym, im Internet, nichts leichter als das. Das Briefing des Chefs lautete dann vielleicht so: „Möglichst authentisch, nicht nur Lob, auch kleine unverfängliche Details aus dem Alltag, sachlich die Abläufe beschreiben, so dass die Leute wieder mehr Vertrauen zu McDonald‘s bekommen. Schließlich sinkt der Umsatz. Und Burger sind das Kerngeschäft.“

Tatsächlich ist die Sache mit Reddit hochgradig unplausibel. Eine McDonald‘s-Managerin äußert sich im Internet über ihren Arbeitgeber? Jeder mittlere Fabrikant schreibt doch seinen Angestellten eine Geheimhaltungsklausel in den Arbeitsvertrag, von größeren Konzernen ganz zu schweigen. Betriebsinterna rauszugeben und Einzelheiten über Herstellung und Produkte auszuplaudern ist der direkte Weg zur fristlosen Kündigung.

Als ich so hin und her überlegt habe, habe ich nochmal genau im STERN-Artikel nachgelesen, den Namen der Frau gesucht, eine Stellungnahme von McDonald‘s, Einschätzungen von Ernährungsexperten, Medizinern, Lebensmittelchemikern oder so. Die könnten ja zu Wort kommen, das Gesagte unterstützen, die Gesundheitsaussage bestätigen, die Recherchen absichern, erklären, warum das Bulettenbrötchen angeblich „gesünder“ als ein Salat sein soll. Und überhaupt.

Alles Fehlanzeige.

Kein Experte, keine Recherche, nix von McDonald‘s selbst, nichts von Reddit, da ist gar nichts. Auch bleibt die Frau, die angeblich alles enthüllt, vollkommen anonym. Keiner weiß, wer sie ist.

Der Journalist auch nicht, der den Bericht geschrieben hat. Ich habe ihn nämlich gefragt.

 

STERN-Insider packt aus: Unsichere Quellen, keine Recherche

Ja, ich habe da einfach per Twitter und Facebook mal hingeschrieben: „Ist doch garantiert ein Trick der Marketingabteilung, eine gemietete Schauspielerin oder Werbefrau“. Nicht, dass ich jetzt groß recherchiert hätte, es war halt nur so eine Intuition. Ein Schuss ins Blaue. Aber der junge Autor hat treuherzig zurück geschrieben und sofort eingeräumt, sein Artikel sei wahrlich „keine Sternstunde des Journalismus“, sondern nur „etwas, was die Miete zahlt“. Und dass er schon glaube, dass die Frau eine Angestellte sei und keine Schauspielerin oder Werberin, die im Auftrag von McDonald‘s schreibt.

Und dann erklärt er noch dazu, dass er bei der schlechten Quellenlage und der fehlenden Recherchezeit leider nichts weiter dazu sagen könne. Garantieren könne er daher leider nichts.

Ja, das ist natürlich nur zu verständlich.

Die jungen Leute, die bei Gruner&Jahr arbeiten, müssen ja von etwas leben. Und trotz schlechter Quellen und mangelnder Recherche was raushauen, was die Redaktion bestellt hat. Damit die Miete reinkommt.

 

Neu: McDonald‘s macht bio und ist überhaupt super!

So gesehen hätte er doch ruhig noch mehr rausholen können aus der Sache. Denn die redefreudige Angestellte enthüllt bei Reddit noch viel mehr: Die Milch bei McDonald‘s ist oft bio, das Fleisch stammt von regionalen Bauern und Metzgern, McDonald‘s schafft Arbeitsplätze in kleineren Städten. Das alles hat die Geheimnisträgerin – total unverdächtig – verraten.

Das wäre doch auch toll gewesen, so zusammen mit der Gesundheitsbotschaft, gerade für die vielen bewussten Esser in Deutschland: McDonald‘s macht bio! Und die vielen Arbeitslosen hätte es bestimmt gefreut, zu wissen, dass die angebliche McDonald‘s-Angestellte am Ende ihrer Internet-Fragestunde letztlich noch ihren Arbeitgeber tüchtig lobt.

Übrigens genau wie der Amerikaner, der schon 2012, auf Reddit USA, Interna über McDonald‘s enthüllte.

Das gab es nämlich schonmal.

Ein angeblich junger Verkäufer erzählte damals auf Reddit launige Geschichten aus dem Alltag mit den Kunden, ebenfalls in der Fragestunde AMA, lobte das Fleisch der Klopse und endete seinen Chat mit einem großen Lob auf seinen Arbeitgeber McDonald‘s: Es sei eine Erfahrung, die er nicht missen wolle, tolles, interessantes Team, nette Leute, eigentlich alles super. Diese Story kam damals über Dailymail.UK und die Huffungtion Post ebenfalls unter die Leute, und zwar schon damals als Enthüllungsgeschichte (“McDonald’s-Worker reveals…”).

Und schon 2012 spielte bei dieser Fragestunde auf Reddit die Sache mit den Geheim-Burgern eine Rolle, die man angeblich bei McDonald‘s bestellen kann. 

 

Das sieht nicht gut aus

Nicht, dass ich jetzt junge Autoren kritisieren möchte. Miete geht vor, das ist klar. Ich habe auch gar keine Zeit, das selbst zu recherchieren, schließlich muss ich ja auch von etwas leben und kann nicht nur bloggen. Aber etwas Recherche hätte dem Fall ganz gut getan. Zumindest McDonald‘s hätte man mal fragen können.

2012 bei dem Chat auf Reddit USA haben das einige getan, da antwortete die Konzernzentrale klassisch mit: „Kein Kommentar“. Das lässt durchaus tief blicken.

Aber wir wollen nicht spekulieren, sondern nur festhalten: Das sieht einfach nicht gut aus. Unsichere Internet-Quelle, anonyme Person als Informantin, sonst nur Sekundär-Quellen, nur ein paar Artikel in Online-Postillen, von denen offensichtlich auch abgekupfert wurde, keine Recherche, noch nicht mal der Versuch – schon aus Zeitgründen . Dann aber die steilstmögliche Gesundheitsaussage in die dümmstmögliche Meldung gequetscht. Obendrein noch die naivstmögliche Antwort auf eine Leser-Nachfrage gegeben: “Die Miete muss halt reinkommen“.

Tja. Einerseits sind in dieser Causa jetzt mehrere Abteilungen des Hauses Gruner&Jahr gefordert. Marketing, PR- und Öffentlichkeitsarbeit zum Beispiel: Wie wäre es mit einer Schulung für Jungautoren in Sachen Eigen-PR? Dann noch die Abteilung Aus- und Fortbildung: Rechercheseminar, Teil 1 – die Grundlagen, mit Exkurs: Journalistische Ethik.

Am besten bindet man noch die Abteilung Honorare ein: Besser zahlen! Mehr Zeit für Recherche! Und die Abteilung Personal verpasst derweil der Online-Redaktion des Ressorts Wirtschaft, die den Artikel verantwortet, eine Abmahnung.

Andererseits sollte dieser Vorspann hier nur der Aufhänger für meinen großen Burger-Artikel sein. Was es mit den Buletten-Brötchen auf sich hat, warum sie ein Erfolg sind und warum es so viele Varianten davon gibt.

Aber schon wieder ist die Zeit rum, zu viel Text ist in der Welt, und jetzt muss ich Geld verdienen. Schließlich muss die Miete reinkommen. Deshalb geht jetzt nichts mehr. Aber die Burger-Nummer kommt garantiert noch, notfalls ohne Recherche. Garantieren kann ich allerdings für nichts. 

© Johanna Bayer

STERN-Artikel mit der brisanten Botschaft: “Insiderin packt aus: Burger sind besser als Salat”, STERN-Online am 23.7.2015

Das Original: Die anonyme Angestellte auf Reddit UK

Dailymail.UK von 2012 – die Enthüllungsgeschichte

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach hier ins Sparschwein stecken. Wer draufklickt, landet bei PayPal.