Archiv für den Monat: Juni 2015

Blogparade: Was ist schlecht an guter Butter – von Lurpak? Oder: Wie Blogger sich von multinationalen Konzernen kaufen lassen.

 

 

Es ist gerade viel von Schleichwerbung im Netz die Rede. Das ZDF-Magazin Frontal 21 hat am 2. Juni 2015 einen Beitrag gebracht, in dem es um gekaufte Blogger, verführte Kinder und Schmu in Videos ging. Also darum, was landläufig als Schleichwerbung bekannt und in Deutschland, aber auch anderswo verboten ist.

Schließlich heißt es bei uns im Pressekodex, im Rundfunkstaatsvertrag und im Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb, dass Werbung und entsprechende Absichten klar gekennzeichnet und in Medienerzeugnissen vom redaktionellen Teil getrennt werden müssen. So ungefähr.

 

Anfänger in der Falle

Im ZDF-Beitrag kommen dazu Presserechtler, Journalisten, Blogger und Experten von den Landesmedienanstalten zu Wort, die bedauern, dass harmlose Netzteilnehmer den Konzernen und spezialisierten PR-Agenturen auf den Leim geht. Und zwar, weil die meist jugendlichen Video- und sonstigen Blogger „unausgebildete Medienschaffende“ sind, ohne Erfahrung und auf skrupellose Weise naiv. Die freuen sich einfach, wenn man ihnen Sachen schenkt und Geld gibt. Dafür plappern sie alles nach, was die Geldgeber von ihnen verlangt.

Zum Beleg gibt es im Beitrag Interviews, und es ist fast niedlich, wie manche offen zugeben, dass sie sich nicht an die Regeln und Gesetze halten. Weil das ja eh keiner macht und man sonst ganz Instagram verklagen müsse, findet etwa eine unbefangene Fitness-Bloggerin.

 

Nichts ist geschenkt

Auf jeden Fall schließe ich mich der Kritik des ZDF an: Schleichwerbung im Netz geht nicht, und das Internet als rechtsfreien Raum zu betrachten, in dem keine Regeln gelten, geht erst recht nicht.

Ich möchte sogar noch nachlegen: Ich fordere, dass diese unerfahrenen, unausgebildeten Medienschaffenden kein Geld mehr bekommen, und keine Geschenke. Stattdessen sollten die Erfahren und Ausgebildeten Geld scheffeln.

Solche wie ich. Mir gibt keiner was, jedenfalls nicht einfach so. Und selbst wenn ich richtig arbeite, also nicht gerade blogge, bekomme ich nie so viel Geld, wie ich es für angemessen halte. Geschenkt gibt es schon gar nichts. Das ist ungerecht. Dabei sollte doch in der schönen neuen Welt der sozialen Medien alles geteilt werden!

 

Die Ehrlichen sind die Dummen

Scherz beiseite – wie immer sind die Ehrlichen die Dummen. Das sieht man auch an korrekt gekennzeichneter Werbung im Netz, etwa bei den beliebten Blogparaden.

Eine Blogparade ist eine Art Themenaufruf für Blogs. Wenn das eine Firma oder ein Konzern macht, dann bringen thematisch passende Blogs einen Beitrag und bewerben darin das Produkt, stellen es vor oder verlinken auf die Firma oder machen anders den Markennamen bekannt.

Dass es sich um Werbung handelt, soll dabei meist erwähnt werden, die guten Blogs machen das auch. Oft ist es ein Wettbewerb, und fürs Mitmachen oder Gewinnen gibt es Geld oder andere Gewinne. Das Ganze ist ein ziemlich cleveres Marketing-Konzept und wird von Bloggern gerne angenommen, auch von Food-Bloggern.

Und damit landet die Causa bei Quarkundso.de, in der zuständigen Abteilung „Augen auf im Supermarkt“, Unterabteilung gesunder Menschenverstand.

 

Die Lurpak-Blogparade

Denn gerade gab es die Lurpak-Blogparade, am 6. Juni ging sie zu Ende und viele tolle, große Food-Blogs haben mitgemacht. Aber wer oder was ist Lurpak? Kann man das essen? Oder wickelt man darin Fisch ein? Vielleicht trägt man auch Tiefkühlkost damit nach Hause oder polstert in Paketen Flaschen ab?

Für die, die es nicht wissen: Lurpak ist Butter. Dänische Butter. Dänemark ist ein kleines Land, und die Lurpak-Hersteller wollen in Deutschland ihre Buttermarke bekannt machen, also mehr davon verkaufen. Ein legitimes Interesse, weswegen sich die Dänen eine Blogparade ausgedacht haben: Was macht ihr aus leckerer Butter? Mit Lurpak-Butter? Was fällt euch an kreativen Rezepten ein, mit köstlicher dänischer Butter?

Viele Ehrliche und möglicherweise einige Dumme haben mitgemacht. Sie haben Rezepte geschickt, Fotos gemacht und Fragen beantwortet: Warum sie „Food-Lover“ sind, welches Gericht sie an einem „miesen Tag wieder glücklich“ macht, welche kulinarischen Entdeckungsreisen in Landesküchen sie gerne unternehmen, und ob sie eher nach Rezept oder spontan draufloskochen.

 

Lurpak_Regal

Silbernes Papier, internationaler Wiedererkennungswert, so präsentiert sich die dänische Butter. Gibt es auch oft im Flugzeug.

 

Perlen der Produktlyrik

Es waren bekannte Food-Blogs dabei, darunter Feines Gemüse, Nicest Things und die geschätzte Conny Wagner mit ihrer Seelenschmeichelei. Das sind Blog-Schwergewichte mit zigtausenden von Seitenaufrufen im Monat. Vor allem die großen, gut gemachten habe klare Aussagen zu Werbung und Angeboten von Firmen auf ihrer Seite – dass sie auswählen, mit wem, und auf welche Weise sie kooperieren.

Vorbildlich kennzeichnen die meisten auch ihre Teilnahme an der Lurpak-Blogparade und die Kooperation. Wobei allerdings manche dabei redlicher sind als andere. Die erwähnen die Parade erst gar nicht, bewerben das Dänenfett ausgiebig in Text und Bild, und bringen ganz am Ende mal ein ganz kleines Sternchen an: Ach, übrigens, das war Werbung, zwinkert zum Beispiel zuckersüß eine Trickytine auf ihrem Blog.

Das ist schon hart an der Grenze, zumal gerade dieser Parade-Beitrag nicht nur von Butter trieft, sondern auch von Gefühligem wie Mama, Heimat, Kindheit und Küchenglück.

Aber im Großen und Ganzen sind die schönsten nur denkbaren Rezepte und Fotos herausgekommen, von Törtchen, Zöpfchen und Cremchen bis zu pochierten Eiern mit Hollandaisesauce (genial gemacht von der geschätzten Conny Wagner).

Dazu gibt es Perlen der Produktlyrik, zum Beispiel diese von „Feines Gemüse“:

Der Hefezopf ist mein Beitrag zur Blogparade von Lurpak-Butter, einer dänischen Butter mit über 100 Jahren Tradition, die seit kurzem auch in Deutschland erhältlich und für uns Verpackungsopfer („Oh, guck mal, die kleinen Blöcke! Silbernes Papier! Und die Lettern!“) ein Highlight ist.

Ganz im Sinne von Lurpak bin auch ich der Meinung, dass das „spektakulär Einfache“ viel öfter Platz auf unserem Teller haben sollte, denn guter Geschmack kommt ohne viele Zutaten, ohne viel Brimborium, ohne Schnick und Schnack aus.

 

Fette Beute für die Marketing-Abteilung

Ich sehe förmlich vor mir, wie sich die Lurpak-Marketingstrategen dabei die Hände reiben. Denn die erzielen mit der Blogparade eine riesige Reichweite, bringen ihre Fettklötze unters Volk und bekommen mit dem Fragebogen auch noch Big Data von Konsumenten und Netz-Idolen – Influencern, wie man so schön sagt. Im Premium-Segment. Das ist ein dicker Coup.

Lurpak ist nämlich teurer als das, was sonst so als Butter über den Ladentisch geht. Nur merkt es der Kunde nicht gleich. Das Päckchen kostet so um 1,79 Euro, so viel wie andere hochwertige Buttermarken oder Biobutter. Aber bei Lurpak sind nur 200 Gramm drin, und nicht 250 Gramm, wie sonst üblich. Guter Trick – nicht teurer als die Konkurrenz, aber kleinere Packung, zack, 20 Prozent Preisvorteil für den Hersteller.

 

Regal_Premium

Im Kühlregal: links Delikatess-Butter aus der Normandie, rechts Lurpak. Die Dänen lassen sich unter den teuren Spezialitäten platzieren – zu Recht?

 

Alles so Bullerbü

Warum macht ein Food-Blog das mit?

Ja, warum nicht! Das ist die zwingende Gegenfrage. Erstens gibt es ja Geld. Das ist keinesfalls zu verachten und als solches nicht ehrenrührig. Zweitens unterstelle ich noch Folgendes: Würde Knorr anklopfen mit Tütensuppen, oder Müller-Milch mit einem neuen Grusel-Shake, würden diese Food-Blogger abwinken.

Aber Butter, gute Butter! Das ist doch ein tolles Produkt, ehrlich, echt und unverfälscht, aus weißer, reiner, nordischer Milch, aus Skandinavien, wo alles so niedlich ist, so Bullerbü, und in Pastell! Da kann man guten Gewissens mitmachen. „Mit größter Freude und voller Überzeugung“, wie die geschätzte Conny Wagner über ihre Teilnahme schreibt.

Vielleicht dachten sie sowas.

 

Ein globaler Milch-Multi

Dazu hier in dürren Worten die Aktenlage:

  • Lurpak ist die Buttermarke von Arla.
  • Arla ist ein dänischer Großkonzern, Jahresumsatz 2014: rund 10 Milliarden Euro.
  • Zu ihren Marken gehören auch Buko (Frischkäse) und Kaergarden (Streichfett).
  • Die Buttermarke Lurpak ist Marktführer in England, den USA und weiteren Ländern.

Das heißt: Die Dänen, ein kleines nordeuropäisches Rand-Land mit nur 5,5 Millionen Einwohnern, beliefern die angelsächsische Welt und viele andere Länder mit Butter.

Wie machen die das? Dazu gleich mehr. Erstmal ist Arla aus Sicht von Arla leider bisher nur die

  • siebtgrößte Molkerei der Welt
  • die fünftgrößte in Europa
  • und lediglich die drittgrößte in Deutschland, noch nicht ganz gleichauf mit dem notorischen Theo Müller. Vorne behauptet sich Nestlé.

Damit wollen sich die Dänen nicht zufrieden geben. Sie wollen ganz nach oben und noch mehr Märkte beherrschen. In Deutschland wollen sie Marktführer werden, in Ländern mit Milchwirtschaft werben sie überall Milchbauern an und sichern sich für ihren Feldzug den Nachschub, also hohe Milchmengen.

Neulich haben sie sich im Allgäu eingekauft, auch in Spanien, Polen, Russland, sogar in der Mongolei. Es geht um nichts weniger als den ganz großen globalen Markt, um China und Indien, um die USA, Europa – um die Weltherrschaft im Milchsektor.

 

Angriff auf Europa

Daher hat Arla kurz vor dem Fall der Milchquote in der EU seine Attacke gestartet. Die Milchquote, das war eine Beschränkung aus den Zeiten von Milchsee und Butterberg. Die Quote hat verhindert, dass die Preise ins Bodenlose fallen und Riesenbetriebe die Kleinen verdrängen. Seit absehbar war, dass diese Begrenzung Ende April 2015 ausläuft, haben die Arla-Manager wohl geplant, wie sie den lukrativen europäischen Markt angehen.

Seit Ende 2014 rollen sie ihn über Food-Blogger und die Social-Media-Szene auf, über Supper Clubs, Open Kitchen, Blogparade, und atemberaubende (wirklich!) Werbefilme (die kann man sich auf Youtube mal ansehen, rein der Kunst wegen).

Das alles gehört zu einer akribisch geplanten Offensive in Richtung kaufkräftige Konsumenten, Trendsetter, Influencer – Leute, die kochen und viel Geld dafür ausgeben. Davon gibt es viele in Europa, und hier wollen die Arla-Manager ihre Butter als „Premium-Marke“ installieren.

Aber nicht nur deshalb drängen die Dänen auf den deutschen Markt. Sondern auch, weil hier, in Nord- und Mitteleuropa, die größten Möglichkeiten zur Produktionssteigerung bestehen. Im Marketingsprech drückt das sehr schön DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer in einer Pressemitteilung des Milchindustrie-Verbandes:

Er sehe

„große Chancen für die Milchviehhalter durch den freien Milchmarkt. Frei von Quotenkosten können Strukturen weiterentwickelt und die Produktion modernisiert werden. Die europäische Milchproduktion verstärkt sich an den wettbewerbsfähigsten Standorten, zu denen sicher Deutschland gehört, weil die Stückkosten niedrig und die Veredelung der Milch in wertvolle Produkte für nationale und globale Märkte durch einen leistungsfähigen nachgelagerten Bereich gelingt. „Made in Germany“ wird auch bei Milchprodukten ein globaler Renner“.

 

Beste Bedingungen für die Massentierhaltung

Was das heißt? Nun, hier, in Deutschland, Polen, Dänemark, England, Holland, Schweden und anderswo, können die Bauern massenweise Kühe in Ställe pferchen und deren entzündete Monstereuter mit Medikamenten behandeln lassen, denn hier gibt es das notwendige kühle Klima für die Kühe und für Massenställe, aber auch genügend Wasser und gute Kläranlagen für den Mist. Obendrein gibt es Subventionen für die Landwirtschaft und billigen Strom.

Das sind ideale Bedingungen. Die Standorte von Arla, sagen wir mal, im Nahen Osten, etwa in Saudi-Arabien, wo sie es auch probiert haben, sind da nicht so günstig gelegen.

 

Woher kommt die gute Lurpak-Butter?

Die Milch für die gute Lurpak-Butter kommt laut Lurpak vornehmlich aus Dänemark. Zumindest wird die Butter dort produziert. Dass wirklich nur dänische Milch drin soll, kann man sich kaum vorstellen, bei den Mengen. Ein Anruf bei Lurpak ergab nur das etwas dehnbare „Jaaaaa, also, die wird da hergestellt.“ Nichts weiter. Na gut, lassen wir das so stehen.

Da aber die dänischen Bauernhöfe, pardon, die Unternehmer, ja ihre „Strukturen weiterentwickeln“ und die „Produktion modernisieren“ müssen, bedeutet das in der Praxis: Gefördert werden große Massenbetriebe, und praktisch alle diese Arla-Kühe stehen im Stall, auf Betonboden, in Intensivhaltung. Den Käufern wird auf der Arla-Homepage in Videos und Diashows vorgegaukelt, dass die Kühe das ganz toll finden.

Sicherheitshalber wird der Konzern gleichzeitig nicht müde zu betonen, dass er sogar der weltgrößte Bio-Milchproduzent ist. Aber die Lurpak-Butter ist nicht bio. Lurpak wird konventionell erzeugt – nach hauseigenen Qualitätskriterien, auf die der Konzern großen Wert legt. Schließlich handelt es sich um ein teures „Premium-Produkt“.

 

Hohe Standards à la Weltkonzern: Genfutter und Augenwischerei

Schauen wir uns die hohen Standards an, zum Beispiel zum Futter

Livestock may only be given feed that complies with the relevant legal requirements.

Toll! Zugelassen ist nur Futter, das den geltenden gesetzlichen Vorgaben entspricht. Das ist schon was ganz Besonderes, gerade bei der als verschlagen bekannten Bauernschaft, oder? Vor allem spricht diese Orientierung am Gesetz nicht nur für das Qualitäts-, sondern auch für das Rechtsempfinden des Konzerns.

Ähnlich hoch sind die Arla-Richtlinien bei Genfutter. Gentechnisch verändertes Futter fressen ungefähr 70 Prozent aller Milchkühe, das sind praktisch alle, die in Massenställen auf Milchleistung getrimmt werden. Das Importfutter stammt aus den USA, Brasilien oder sonstwo und besteht inzwischen sogar mehrheitlich aus gentechnisch verändertem Mais und Soja.

Die Fütterung von Tieren mit Genfutter ist in der EU erlaubt und übrigens nicht kennzeichnungspflichtig. Beim Anbau von gentechnisch veränderten Futterpflanzen ist man in der EU ja bekanntlich noch nicht so weit. Aber die Sache ist den Strategen bei Arla schonmal eine vorsorgliche Regel strengsten Ausmaßes wert:

The cultivation of genetically modified (GM) crops must comply with all applicable legal requirements.

Ich bin mir nicht sicher, ob derlei sinnfreie Verkaufskosmetik wirklich das Image des Konzerns verbessert. Oder ob es irgendjemanden beruhigen kann, was den Anbau von Genmais in unseren Breiten bedeuten könnte.

Aber ich gehe davon aus, dass nicht nur der eine oder andere Blogger jetzt schluckt – mit Gen-Futter ernährte Kühe geben die Milch für Lurpak-Butter? Womöglich sind gentechnisch veränderte Organismen in der guten dänischen Butter? Überhaupt in allen Milchprodukten, die hier auf dem Markt sind?

Davon möchte man lieber nichts wissen. Und doch ist es so.

Wobei das Bundesamt für Risikobewertung seit Jahren hoch und heilig verspricht, dass der flächendeckend verfütterte Genfraß sich nicht auf die Milch auswirkt. Er ist auch weder kennzeichnungspflichtig noch nachweisbar.

Aber Fakt ist: Die Milchkühe in großen Betrieben fressen überall Genfutter. Und globale, strikt wachstumsorientierte Konzerne wie Arla fördern große Betriebe und Intensivhaltung – mit der Turbo-Kuh, die immer mehr Milch geben muss. Sonst rechnet sich das Ganze nicht, und „Wachstum“ gibt es auch nicht.

 

Kühe lieber im Stall einsperren – aus Tierschutzgründen

Wenden wir uns kurz noch dem Tierschutz zu, der bei Arla natürlich auch besonders hoch gehalten wird:

Animals must be provided with adequate quantities of feed and water of good quality.

Es ist schon beeindruckend, mit welcher Stringenz die Argumentation durchgezogen wird: Als hohe Qualitätsvorschrift verkaufen, was sowieso selbstverständlich und geltendes Recht ist – und in dem Fall nur der Minimalstandard (!).

Interessant ist hier aber noch, dass für den Tierschutz scheinbar die Abteilung Marketing und Corporate Identity zuständig ist. Denn in derselben Passage, bei der es um das Wohl der Kühe geht, heißt es weiter:

It is recommended that livestock is allowed to come out and graze on pastures. Grazing animals are easily noticeable to consumers and outsiders, having therefore a very positive influence on the farmers’ and Arla Foods’ Image.

Das ist so erfrischend einfach, offen und ehrlich, dass es bestimmt auch der dümmste Bauer versteht.

Aber halt. Bei größeren Betrieben, oder so ab 80 Kühen, wird es schon schwierig mit dem Raustreiben auf die Weide. Das kostet Zeit, Geld, verringert die Rendite, und so große Weiden hat kaum einer. Daher schiebt Arla schnell wieder einen Riegel vor das lustige Treiben der Kühe auf der Weide – den Tieren zuliebe, versteht sich:

However, animal welfare is first and foremost. Grazing is no longer beneficial to animals if, for instance, the passageways for the livestock get muddy in rainy periods, which may cause health problems.

Ungelogen, das steht original in den Qualitätsdokumenten von Arla.

 

Der ultimative Warentest von Quarkundso.de

Lurpak wirbt auch sonst noch mit allerlei – alte Tradition, Blindverkostungen für den einzigartigen Geschmack, natürliche, reine Zutaten, Hygiene auf höchstem Niveau. Nur ist das alles genau so wie etwa bei der günstigen Deutschen Markenbutter aus dem Discounter, die 89 Cent kostet. Da gibt es auch Blindverkostungen zur Wahrung der höchsten Qualität, und sie ist das, was man rein und unverfälscht nennt, weil nichts drin ist als Wasser und Milchfett. Das ist normaler Standard für Markenware aus der industriellen Landwirtschaft.

Nun, hämen kann ja jeder – was wäre so ein Bericht ohne einen eigenen Test? Selbstverständlich nach den hohen Qualitätskriterien von Quarkundso.de.

Das Ergebnis für Lurpak: etwas blass, etwas spröde – eindeutig ein Hinweis auf Kraftfutter statt Weide. Denn Butter von Weidekühen ist von Natur aus gelblicher, weil das Gras Farbstoffe in die Milch abgibt, und wegen anderer Fettsäuren ist sie auch weicher und cremiger.

Zwei Stücke Butter auf Teller, nah, das linke ist gelblicher

Links echte Weidebutter, rechts Lurpak – die ist deutlich blasser und hat eine weniger cremige Struktur.

Die Kuh, die die Milch für das Probepäckchen gegeben hat, hat jedenfalls Kraftfutter bekommen, stand wohl lebenslang im Stall und hat kein Gras gesehen. Die Zeitschrift Ökotest sprach in ähnlichem Zusammenhang von „wiesenferner“ Milchproduktion und vom „gehörnten Verbraucher“. Das ist hübsch formuliert und trifft den Eindruck genau.

Im – natürlich streng objektiven – Geschmackstest, verglichen mit einer Demeter-Bio-Süßrahmbutter und einer Weidebutter, kam auch nichts Weltbewegendes heraus: Lurpak ist eine mildgesäuerte Butter, sehr mild, fast wie eine Süßrahmbutter. Den sahnigen Geschmack, mit dem Arla wirbt, hat Lurpak mit anderer Süßrahmbutter gemein, die leichte Frische mit mildgesäuerten Buttersorten. Das ist nichts Besonderes.

Butter und Brot auf einem Teller, von oben

Nicht schlecht, der Geschmack von Lurpak. Aber so gut auch wieder nicht. Oben links: Fettfleck auf Linse, kommt vor beim Butter-Shooting.

Da fährt man mit einem wirklich guten Produkt, das tierfreundlich, regional und in kleinen, nachhaltigen Strukturen produziert wurde, aus mehreren Gründen besser. Auch, weil die echte Weidebutter (mildgesäuert) um Klassen besser und aromatischer schmeckt. Sie ist übrigens auch gesünder.

 

Wann ist Butter gute Butter?

Soweit mal die Aktenlage. Für ein begründetes Urteil muss das Bisherige genügen, und das Fazit fällt kurz aus: Lurpak ist normale Molkereibutter aus Massenviehhaltung und industrieller Großproduktion, die schick verpackt und teurer ist als die Konkurrenz, aber weder besser noch fairer zu Umwelt oder Tieren.

Mit Sicherheit besser ist dagegen Butter von Biobetrieben, denn dort ist Genfutter verboten. Besser als das Dänenfett ist auch jede Butter aus Weidemilch, denn da waren die Kühe wirklich draußen und leben artgerecht. Und immer noch besser als das teure Industriezeug aus dem Norden ist Butter aus kleineren und regionalen Molkereien, die ihre Mitglieder nicht stramm auf Wachstumskurs trimmen.

Ihr wollt Namen? Hier sind sie: Jede Art von Biobutter, etwa von Demeter, Bioland, Naturland, Dennree, sogar von BioBio der Supermarkt-Kette Netto; auch die konventionelle Marke des Bauern-Verbandes Sternenfair kann punkten, wegen der besseren Bedingungen für die Kühe und der gentechnikfreien Fütterung.

Regional arbeitende kleinere Molkereien und Genossenschaften wie Andechser, Sternenfair, Bergader, die Upländer Bauernmolkerei oder Berchtesgadener Land sind aus vielen Gründen sowieso vorzuziehen, und wer echte (und hervorragende) Weidebutter will, kauft Kerrygold aus Irland, gut ist auch ein Konzept aus Österreich unter der Bezeichnung „Heumilch“.

Ach, machen wir´s kurz: Arla hat die großen Food-Blogs schön verschaukelt. Die haben brav Werbung gemacht, was man ihnen kaum übel nehmen kann. Aber es gibt bessere Butter als Lurpak.

 

© Johanna Bayer

 

Lurpak-Werbung auf großen deutschen Food-Blogs, mal mehr mal weniger gut gekennzeichnet.

Hervorragend und korrekt: Die Seelenschmeichelei

Andere:

Nicest Things

Feines Gemüse

Foodlovin.de

trickytine.com

Die Qualitätsvorschriften von Arla, Fassung 4.4. von Januar 2015

Die Zeitschrift Oekotest stellt 2013 die Illusion von weidenden Kühen in Frage und spricht vom „gehörnten Verbraucher“.

Und dann strahlt die ARD in der Reihe ARD-Exclusiv am 20. Juli diese verstörende Reportage über Milch aus Massenproduktion und das Leiden der Milchkühe aus – recherchiert wurde in ganz normalen Betrieben. So sieht das aus.

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

 

Slow Food: Erst kommt die Moral, dann das Fressen? Wo die Essenshüter sich kulinarisch verheddern

Die von Slow Food gehören eindeutig zu den Guten. Sie sind für authentische, handwerklich hergestellte Lebensmittel mit echtem Geschmack, und gegen industrialisiertes, globales Einheitsessen.

Sie setzen sich auch für nachhaltige Landwirtschaft, Artenvielfalt und artgerechte Tierhaltung ein. Essen muss laut Slow Food gut, sauber und fair sein, wobei Genuss, wie es in der Satzung des Vereins heißt, nichts weniger ist als ein Menschenrecht. Daher heißen ihre Regionalgruppen „Convivien“, das kommt vom römischen „convivium“ und bezeichnet ein Gastmahl mit Freunden.

Ich muss sagen: Ich finde das alles richtig. Deshalb bin ich seit Jahren drin in dem Verein und zahle Mitgliedsgebühr.

Wenn man es genau nimmt, bin ich in Sachen Slow Food also befangen.

Andererseits ist Quarkundso.de natürlich völlig unbestechlich. Das heißt, dass auch der eigene Club an die Reihe kommt, wenn es dazu Anlass gibt. Und den gibt die Vereinspostille, das Slow-Food-Magazin.

Das ist ein Medienerzeugnis, das öffentlich am Kiosk und im Abo verkauft wird wie andere Zeitschriften auch. Daher will es hier besprochen werden, bei Quarkundso.de, das ist nur gerecht, auch den anderen gegenüber.

 

Eigen-PR und eingeschränkte Quellenlage

Wie immer geht es hier um das, was übers Essen geschrieben wird. Sonstiges spielt keine Rolle, darum sollen sich andere kümmern: dass zum Beispiel der Verlag, in dem das Heft erscheint, mit schöner Regelmäßigkeit seine Bücher und Autoren im redaktionellen Teil unterbringt.

Auch führt die Slow-Food-Vorsitzende Ursula Hudson gerne Interviews mit Autoren eben desselben Verlags, die dann im Heft nachzulesen sind, und die Rezepte im Leser-Service stammen aus Kochbüchern des Hauses. Diese Quellenlage hat ja schon ein PR-Geschmäckle und wirkt irgendwie nicht so richtig redaktionell ausgewogen. Aber darum soll es hier ja nicht gehen.

 

Ohne Drittwagen retten wir die Welt

Also zur Sache – schauen wir uns das erste Heft des Jahres 2015 an. Da geht es um den „Wert des Einfachen“. Es ist ein ganzes Dossier, ein Schwerpunkt mit mehreren Beiträgen. Und mit der großen Moralkeule. Die Botschaft: „Wir“ – ja, wir alle – ruinieren die Welt mit unserem Konsum: „Wir“ essen zu viel, wir kaufen zu viel, es geht uns zu gut, wir reisen zu weit und zu oft. Wir konsumieren besinnungslos und brauchen das alles nicht, was wir zusammenraffen.

Die vielen Geräte, die wir horten, benutzen wir schon gar nicht mehr, darunter Küchenherde mit 30 Programmierstufen und Fernseher mit 800 Programmen. Dagegen helfen, glaubt Autor Manfred Kriener, Entrümpeln, ein Sabbatjahr oder mal eine Woche im Kloster. Und die Vorsitzende, Ursula Hudson gibt den unschlagbaren Tipp, auch mal auf den Zweit- oder Drittwagen zu verzichten.

Garniert ist das Ganze mit nostalgischen Rezepten und der Sehnsucht nach einfacher Kost: Nachkriegs-Brotsuppe, Arme-Leute-Gerichte wie die italienische Polenta, und auf dem Titelfoto prangt biederste Hausmannsküche – ein Teller Gemüsesuppe, dargeboten von Armen im ökograuen Wollpulli.

 

Club der Manufactum-Käufer 

Doch der Schuss geht nach hinten los. Einmal, weil Vorsitzende und Redaktion sich selbst unfreiwillig als Club der oberen Zehntausend outen – als eine Versammlung von Reichen, Privatiers, Karrieristen, Investment-Bankern, pensionierten Beamten und Manufactum-Kunden: eine Geldkaste, die nach Statussymbolen giert und sich teure Kochbücher ins Regal stellt, aber die Küche gar nicht erst in Betrieb nimmt.

Natürlich ist das ein falsches Bild. Diese Mischpoke ist bei Slow Food, falls es sie dort gibt, eher in der Minderheit, schon allein deshalb, weil die Slow-Food-Leute kochen.

Die reichen Edelteil-Horter sind aber nicht mal sonst im Land in der Mehrheit. Denn die Mehrheit kann es sich nicht leisten, ständig bei Manufactum einzukaufen und hat weder einen Zweit- oder Drittwagen noch einen High-Tech-Küchenherd.

 

Die Mehrheit kocht in IKEA und isst auch so

Stattdessen kauft die Mehrheit ihre Küche billig bei IKEA und das Essen noch billiger beim Discounter.

Das liegt unter anderem daran, wie das Geld im Lande verteilt ist: Die Hälfte aller Haushalte verfügt nur über den lächerlichen Anteil von sechs Prozent des Vermögens in Deutschland. Dagegen sitzt ein Zehntel auf 60 Prozent des Vermögens. Maßloses Anhäufen von teuren Statussymbolen kommt für die meisten Menschen hierzulande daher nicht in Frage.

Genau das aber macht die Sache komplex. Mit platter Konsumkritik und Reichen-Bashing kommt man dem gefühlten Weltuntergang nicht bei. Am Geheim-Tipp der Vorsitzenden (kein Drittwagen!) als Beispiel betrachtet: Lediglich fünf Prozent aller Haushalte, die in Deutschland ein Auto haben, haben mehr als zwei. Das weiß der ADAC, dem man in dieser Hinsicht ausnahmsweise mal trauen darf.

Also verzichten die restlichen 95 Prozent der Haushalte sowieso schon vorbildlich. Aber irgendwie verbessert das die Lage nicht – Umweltverschmutzung, Lärm, Klimakatastrophe.

 

Das Problem ist die Masse

Und daher sind die reichen Prasser, was Klima und Umwelt angeht, nicht das Problem. Wobei ich natürlich sofort mitmache, wenn man diesen Angebern ihre Kabrios, SUVs und Limousinen vermiest. Es ärgert mich schon lange, dass ich nicht so reich bin.

Doch muss man sich auf dem Boden der Tatsachen eher eingestehen: Das Problem ist die Masse. Anders gewendet: Nicht der unmäßige Konsum weniger ruiniert die Umwelt.

Sondern der relative Wohlstand vieler.

Dass ein paar Privilegierte beim Verzicht mit gutem Beispiel voran gehen sollten, ist allerdings eine Forderung von Öko-Ethikern. Aber da hat der abgeschaffte Drittwagen weiß Gott keine Symbolkraft. Und beim Essen wird das Terrain ziemlich schwer.

Daher präsentiert das Dossier einen etwas peinlichen Luxusdiskurs und eine Menge Plattitüden in einem Mix aus christlicher und ökologischer Ethik, Parolen aus der Glücksforschung, Mode-Philosophie und einem allgemeinen Unbehagen an der Kultur. Aber etwas wenig Analyse und auch die falschen Perspektiven.

 

Urschlamm der hiesigen Ess-Unkultur

Womit wir ans Eingemachte gehen – ans Essen. Da geht der Schuss erst recht nach hinten los. In einem wirren Artikel über „Die Rückkehr der einfachen Küche“ preist eine Autorin nostalgische Arme-Leute-Gerichte an, zur großen Konsum-Moralpredigt am Anfang des Dossiers gibt es als passenden Rezepttipp „Lieselottes Nachkriegs-Brotsuppe“ – ach ja, aus einem Kochbuch des Hausverlags, versteht sich.

Bei so etwas werde ich gerne mal spitzfindig: Was soll das heißen, die einfache Küche kehrt zurück? Die war doch – leider – schon immer da und bildet den Urschlamm der hiesigen Ess-Unkultur!

Das Problem ist doch nicht, dass man hierzulande nichts „Einfaches“ isst. Das Problem ist, dass die Deutschen in überwältigender Mehrheit Einfaches essen: Fastfood, Fertiggerichte, Discounter-Würstchen, Industrieprodukte, Tütensuppen, gefärbte, künstlich aromatisierte Jogurts und Puddings, Chicken-McNuggets, Currywurst, Minutenschnitzel. Und davon dann viel zu viel, weil es so billig ist.

 

Arme-Leute-Essen ist das nicht

Pffff, sagen jetzt die Kritiker von Quarkundso.de gehässig, das ist gemeine Rabulistik. Und natürlich überhaupt nicht das, was die Öko-Esser meinen. Sie meinen – ja, was denn eigentlich? In ihrer Nostalgie-Seligkeit verheddern sich Autoren und Redaktion nämlich kulinarisch, und das nicht zu knapp.

Nehmen wir mal die „Nachkriegs-Brotsuppe“, zu der es im Dossier über den „Wert des Einfachen“ das Rezept gibt. Angeblich ein Gericht aus schweren Zeiten, heraufbeschworen werden die beiden mageren Jahre nach 1945. Da musste man nämlich, steht da, alles wieder verwenden und mit den Ressourcen der Natur sparsam umgehen. Und wir könnten „so vieles lernen“, von den „Erben einer Generation, die … ihre Häuser nur mit dem Notwendigsten, das sie tragen konnten, verlassen mussten.“

An Zutaten sind dann aufgelistet: Zucker, Zitronenschale, Zimt, Butter, Wein, dazu Rosinen oder Backpflaumen, außerdem Äpfel, geröstete Mandelblätter und dann ist noch die Rede von Croutons, Weintrauben und Vanillesauce.

Bis auf die Äpfel und altes Brot gab es das alles nach dem Krieg nicht, egal nach welchem. Was da aufgetischt wird, ist ein gutbürgerlicher oder großbäuerlicher Luxus-Flan aus besten Zeiten. Das Prinzip, angetrocknetes, feines Brot mit edlen Zutaten in einen üppigen Nachtisch zu verwandeln, ist vor allem in Süddeutschland und Österreich schon seit Jahrhunderten Tradition und hat den gefräßigen Eingeborenen dort die Fastenzeit versüßt.

Bekannt sind diese köstlichen Brotaufläufe – es waren Sonntagsgerichte – unter anderem als „Scheiterhaufen“. Sowas gab es nicht bei armen Leuten. Und es ist auch kein einfaches Essen.

 

Völlig zu Recht vergessen

Eine echte Kriegs- oder Nachkriegs-Brotsuppe bestand dagegen genau aus zwei Zutaten: Brühe und Brot. Wenn es noch schlimmer kam, waren es Wasser und Brot. Derlei ist natürlich völlig zu Recht vergessen, und Nostalgie ist fehl am Platz. Vor allem ist das Aufmotzen mit gutem Fett, teuren Gewürzen, üppigen Zutaten und heutigen Mitteln schwer geschummelt.

Das gilt auch für die Polenta, den italienischen Maisbrei. Für die wirbt im Dossier Autorin Elisabetta Gaddoni, nachdem sie sich vorher despektierlich über ambitionierte Hobbyköche äußert. Die Polenta also, zu Unrecht vergessen und jetzt in Ehren auferstanden?

Nun – zu Unrecht war das garantiert nicht. Die armen Bauern in Norditalien sind im 19. Jahrhundert zu Zigtausenden vor der Polenta nach Amerika geflohen und haben fortan nie wieder Maisgrütze angerührt.

Als öde Kost der Armen führte sie nämlich bis ins letzte Jahrhundert in ganz Südeuropa zu einer weitverbreiteten Mangelerscheinung, der Pellagra, auch Maiskrankheit genannt. Die Einseitigkeit der Getreidenahrung bei der armen Landbevölkerung Italiens ist notorisch und hat übrigens dafür gesorgt, dass in Italien seit dem Wirtschaftswunder 30 Prozent mehr Fleisch gegessen wird als in Deutschland.

Wenn solche scheinbar vergessenen Arme-Leute-Gerichte wieder kommen, liegt das eher daran, dass man sie heute mit Wohlstandszutaten verbessern kann. Außerdem kann man sie heute essen, weil man will – und nicht, weil man muss. Und die Leute sterben aus, die das Zeug nie wieder auf dem Teller haben wollten.

 

Schmeckt erbärmlich, macht nicht satt

Man darf sich nämlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Menschen, die in Notzeiten üblen Fraß runterwürgen oder monate- bis jahrelang dasselbe essen mussten, für ihr Leben traumatisiert sind. Ganze Generationen haben deswegen Steckrüben oder Räucherfisch verweigert, Salzkartoffeln, Eintopf, Kohl, Wassersuppe, und ja, auch Brotsuppe (die echte).

Meine Oma konnte man mit Steckrüben jagen, und meinen Opa mit „einfachem Essen“. Denn der war zweimal in Gefangenschaft, hat Baumrinde und Gras gefressen und kam mit Hungerödemen zurück. Seitdem musste jeden Sonntag der Schweinsbraten auf dem Tisch stehen.

Also – die gute alte Arme-Leute-Küche ist mit Vorsicht zu genießen. Wenn man sie ernst nimmt, schmeckt sie erbärmlich und macht weder satt noch versorgt sie die Menschen ausreichend. Wenn man sie aber aufmotzt und auf edel trimmt, dann ist klar: Das ist kein einfaches Essen mehr.

 

Wenn Freunde kommen – gebt euch keine Mühe!

Den Vogel schießt die Redaktion aber ganz vorne im Dossier ab, wo sie ins Thema einführt und vorgibt, worum es gehen soll, beim „Wert des Einfachen“:

„Öfter mal einen Schritt kürzer treten, hier und da etwas Ballast abwerfen, zusammen mit Freunden etwas Einfaches essen – schon mit kleinen Dingen können wir unser Leben verbessern.“

Wie bitte? Ich verbessere mein Leben, wenn ich mit Freunden etwas Einfaches esse? Mein ganzes System, in einem früheren Beitrag mal als kulinarischer Kompass bezeichnet, ist an dieser Stelle auf „Error“ gegangen. Tilt. Total.

Und ich fühlte mich bemüßigt, die Vereinsstatuten von Slow Food nachzulesen. Heißt es darin nicht, dass Genuss ein Menschenrecht ist, dass das gute Essen in der Tafelrunde zum Kulturgut gehört und dass die Vereinstreffen deshalb nach uralter Tradition Convivien heißen?

 

Das Beste für die Gäste: Feiern mit Freunden ist menschlich

Ein Convivium ist übrigens nichts weniger als ein Festmahl. In römischer Zeit wurde dabei sogar geprasst, was das Zeug hält, den Freunden und Gästen zuliebe, aber auch, um den eigenen Status zu beweisen.

Natürlich kann man gegen die dekadenten Römer einiges einwenden. Aber jetzt mal ehrlich – seit wann isst man was Einfaches, wenn Freunde kommen? Es ist doch genau umgekehrt – wenn Freunde kommen, strengt man sich an, tischt die edelsten Sachen auf, die man hat und entkorkt die teuersten Flaschen!

Der gemeinsame Genuss schafft dann Atmosphäre, Wohlgefühl, Feststimmung und Verbundenheit. Das hebt die Lebensqualität. Mit einem Teller Butterbrot gelingt das schwerlich.

Das Festmahl mit Freunden ist daher nicht zufällig so etwas wie eine anthropologische Konstante. Große Gelage haben schon die Gallier und Germanen gefeiert, und unsere älteren Vorfahren ebenso, samt kollektivem Genuss berauschender Getränke.

Auch ist das Gebot der Gastwirtschaft, nachdem Gästen und Freunden stets das Beste zusteht, auffallend universell vorhanden, in allen Kulturen. Und da soll es jetzt die Lebensqualität heben, wenn man mit Freunden etwas Einfaches isst?

Nein. Das ist verdrehter, kulturloser Unsinn. Da hat jemand was falsch verstanden.

Ein Teller Gemüsesuppe kann gut sein und seinen Zweck tun. Aber für ein Essen mit Freunden taugt er nicht. Gemüsesuppe gibt es samstags, als Resteessen, weil man nicht aufwendig kochen will. Denn am Sonntag gibt’s den großen Braten – wenn Freunde kommen. So sieht es aus.

 

Feinschmecker Goethe wusste Bescheid

Gegen die verschwurbelte Moral im Dossier ist das hier also das flammende Plädoyer eines Slow-Food-Mitglieds für gutes Essen: Esst so gut, so hochwertig, so aufwändig wie möglich, wann immer es angezeigt ist. Kauft teures Fleisch aus artgerechter Tierhaltung, und Bio-Gemüse, kocht nach den Regeln der Kunst und strengt euch dabei an! Speziell dann, wenn Freunde kommen.

Natürlich kann das – aus vielen Gründen – nicht jeden Tag sein. Und aus vielen Gründen ist weder Verschwendung angezeigt noch, dass jeder Mensch auf der Erde jeden Tag der Völlerei frönt (mit Freunden). Aber wenn wir – ja, wir alle! – hochwertiger essen, weniger billigen Schrott kaufen und öfter und besser kochen, reguliert sich vieles, was Konsum, Verschwendung und Nachhaltigkeit angeht, garantiert von selbst.

Zu behaupten… nein, ich wiederhole den Quark nicht, den ein unbedachter, hoffentlich nur temporär verstrahlter Texter in die Welt gesetzt hat. Ich zitiere lieber Goethe. Der war auch ein ausgemachter Moralapostel, aber außerdem notorischer Feinschmecker und Rheinwein-Trinker. Der wusste, was die Lebensqualität wirklich hebt. Und schrieb in seiner Ballade „Der Schatzgräber“:

„Trinke Muth des reinen Lebens!

Dann verstehst du die Belehrung,

Kommst, mit ängstlicher Beschwörung,

Nicht zurück an diesen Ort.

Grabe hier nicht mehr vergebens!

Tages Arbeit, Abends Gäste!

Saure Wochen, frohe Feste!

Sei dein künftig Zauberwort.“

©Johanna Bayer

    Das Slow-Food-Magazin, Ausgabe 1/2015, im Oekom-Verlag. Oder am Kiosk.  

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