Archiv für den Monat: Mai 2015

STERN: Dumm gelaufen – im Ressort Genuss weiß man es gerne besser. Klappt aber nicht.

 

Haha, der Stern. Da haben sie im Genuss-Ressort mal sehr lieb, nur ganz wenig hämisch, durchaus nachsichtig und humorvoll darüber aufgeklärt, wie ausländische Speisen wirklich heißen. Der tumbe Deutsche, so die Genuss-Fachautorin Sonja Helms, mühe sich vergebens, mit seiner schweren Zunge der fremden Speisen und Laute Herr zu werden. Wo Italiener und Franzosen elegant die Schultern zucken, drauflos reden und einfach essen, will der Teutone es ganz, ganz genau machen, und besser als andere.

So auch Frau Helms. Gutmütig macht sie sich an die Arbeit und erklärt, wann und wie im Italienischen der Laut „k“ geschrieben wird, nämlich – unter anderem – mit „ch“. Dann beschreibt sie noch tückische Stellungsprobleme vor Vokalen, und zwar vor bestimmten, nämlich hellen und dunklen. Und gibt am Ende der Wirren die erlösende Auskunft, dass es eben “Latte makkiato” heißt und nicht etwa “mattschiato” oder “matschato”, oder gar “Sutschini”, “Knocki” oder “Tackliatelle”.

Wer ist da eigentlich vom Fach?

Jaja, schon gut. Mal davon abgesehen, dass es albern ist, völlig willkürliche Regeln aus dem Volkshochkurs herzubeten, wenn man beschreiben möchte, wie etwas klingt, ist Frau Helms irgendwie nicht so richtig vom Fach. Und in ihrer ganzen Redaktion wohl auch keiner (Redaktion! Bitte kommen!).

Denn einer der G&J-Journalisten hätte doch mal im Aussprachewörterbuch oder im Duden nachschauen können. Nein, müssen. Und auch verstehen müssen, was da steht. Wobei – Fakten sind ja bekanntlich Müll, gerade heute, im Zeitalter des Storytellings.

Trotzdem: Leider verhaut sich Frau Helms selbst ganz nett, wenn sie die Aussprache von Gelatine verschlimmbessert (“Dschelatine”), oder die der Worcestersauce wiedergeben will (“Wuustersoße”). Was sie da schreibt, ist falsch. Und “immer, wenn man etwas besonders richtig machen will”, wie es im Vorspann des Artikels so hübsch herablassend heißt, läuft man ja Gefahr, dass “es besonders falsch wird”.

Das ist an sich nicht schlimm, sehr verbreitet und daher völlig normal, also wurscht. Es kann, schreibt die Autorin, ja “sehr lustig” werden. Finde ich natürlich auch. Nur – wenn man so von oben runterspuckt wie die Frau Helms und die STERN-Redaktion, hat man schon auch ein wenig Spott verdient. Vor allem, wenn es ums Essen geht, aber auch um die Sprache. Und ich gebe zu, dass ich bei beidem zwar tolerant tue, es aber überhaupt nicht bin.  Da bin ich ganz bei Frau Helms.

Das müssen sie abkönnen

Auf keinen Fall will ich jedoch selbst so hämisch oder gemein sein. Ich bin nur ein Opfer, weil, weil… das Konzept dieses Blogs es eben so vorschreibt. Konzept ist alles. Auch das gehört heute zum Storytelling. Also nix für ungut, liebe Kolleginnen und Kollegen, das hier geschieht quasi gegen meinen Willen. Es schreibt aus mir raus. Diese Hamburger Steilvorlage mit der gönnerhaften Attitüde ist einfach zu gut. Daher haben die vom STERN sich alles selbst zuzuschreiben. Und um die Lektion wirksam zu machen, also die für Frau Helms und ihre Redaktion, mache ich es jetzt ganz so wie sie.

Falsch: die “Dschelatine” von Frau Helms. Es heißt “Schelatine” mit einem weichen, stimmhaften „sch“, das ist ein Laut, den es im Deutschen eigentlich nicht gibt, aber im Französischen. Daher ist das Wort auch mal eingewandert. Weil der weiche Zischlaut hierzulange aber nicht heimisch ist, fällt es vielen schwer, ihn zu erkennen und routinemäßig zu produzieren. Leichter geht das etwa in Wörtern wie „Dschungel“ oder „Dschunke“, die exotischer Herkunft, aber für Teutonen besser auszusprechen sind. Vor allem fühlt sich der Deutsche heute dem Englischen näher als dem Französischen. Das war früher mal anders. Inzwischen aber sagen mindestens 70 Prozent der Menschen, die so normal reden wie Frau Helms und ihre Redaktion, „Dschornalisten“ und „Dschüri“ zu Journalisten und Preisrichtern. Leider falsch, wenn man es ganz, ganz genau nimmt. Was Frau Helms ja tut. Aber dazu hätte sie im Duden nachschauen müssen. Man nennt das unter Dschornalisten “Recherche”, kommt übrigens auch aus dem Französischen.

Falsch: die “Wuustersoße” von Frau Helms. Denn es heißt im Englischen so ähnlich wie „Wusstersoße“. Es ist also ein kurzes, offenes u. Kein langes u wie in Wust. Das lernt man, wenn man im Duden oder im Ausspracheduden nachgelesen und diese Lautschriftzeichen irgendwann mal durchgenommen hat, etwa auf der Journalistenschule, die nach Henri Nannen benannt ist. Oder schon im Englisch-Unterricht auf der Realschule. Wahlweise natürlich auch, wenn man das Wort schon mal gehört hat, von einem versprengten Engländer auf dem Oktoberfest, oder im Kino. Es gilt heutzutage, gerade unter Profi-Journalisten, auch Googeln als Recherche – sprich: Guugeln, langes, geschlossenes u. Dort kann man sich das Wort “Worcestersauce” im Original, von Briten gesprochen, anhören. Sprechen kommt ja vom Hören, so wie gutes Essen vom Schmecken kommt, und Besserwissen von Wissen. (Das, was jeweils hinten steht in den letzten drei Gegenüberstellungen, ist immer sehr schwierig.)

Exotisches Essen – leicht gemacht

Das wäre es mal fürs erste. Mehr auf Anfrage. Aber das Thema an sich ist uferlos, besonders in seinen kulinarischen Implikationen. Und darum geht es ja auch und immer bei Quarkundso. Denn man kann die Sprachschwierigkeiten übertragen auf das, was Deutsche wie Frau Helms zum Beispiel für italienisches oder „asiatisches“ Essen halten. Das ist ähnlich wie ihre Versuche, es ganz, ganz genau und total authentisch zu machen:

– Dose Mandarinen ins Geschnetzelte gekippt – Hähnchen-Pfanne indisch. Von wegen.

– Karottenbrei mit Kokosmilch versetzt – Thailändisches Karotten-Kokos-Süppchen. In Südostasien würde man diese Tinktur wohl eher als Gesichtsmaske auftragen.

– Klebrig-süße Marmelade über den Teller gespritzt (als ob ein besoffenes Huhn mit Dünnpfiff darüber getorkelt wäre, wie es bei Wolfram Siebeck mal hieß) – echt italienische Bruschetta mit Tomaten und Balsamico-Creme. Clevere Marketingfuzzis haben diese Tuben mit angeblich original italienischer Universalzutat auf den deutschen Markt gebracht, weil die Deutschen Süßes am Salat lieben – ganz anders als die Italiener. Die verabscheuen derlei, völlig zu Recht. Aber sie sind schon ziemlich schlau, und verraten sich nichtmal mit einem Wimpernzucken, wenn sie in ihren Pizzerien in ganz Deutschland verführerisch mit der großen Pfeffermühle den Zampano machen und die süße Creme auf jeden Teller geben. Denn das wird man in Italien nie sehen.

Krude Kreationen nach deutschem Geschmack

Die Beispiele sind Legion, es reihen sich Kreationen wie die Vapiano-Pizza mit Birne und Camembert ein, die Spadschetti Carbonara (eine kleine Hommage auch an Frau Helms), oder das Couscous mit Granatapfelkernen bei meinem Lieblings-Araber.

Ich habe diese krude Mischung nach dem ersten Reinfall empört verweigert und ein ordentliches Couscous ohne Süßkram verlangt. Nach einem Kreuzverhör hat er mir dann beschämt gestanden, dass es natürlich kein arabisches Rezept ist, nachdem er das macht. Sondern der Wunsch seiner deutschen Kundschaft.

Die findet es toll, wenn Obst im Essen ist, und zwar in jedem Gericht, ob pikant, herzhaft, sauer oder herb, ob Vorspeise oder Hauptgang, beim Dessert sowieso. Erst recht beim Araber, da müssen es dann Granatapfelkerne sein. Echt orientalisch, wie in 1001 Nacht. Seitdem streut er die roten Perlen überall rein, die Kundschaft ist hochzufrieden, und er macht ein gutes Geschäft. Ich gönne es ihm. Aber ich zwinge ihn jedes Mal, mir eine Extra-Schüssel zu machen.

Ja, der Deutsche. Wenn schon, dann richtig. Sprachlich wie kulinarisch. Das ist der Beginn einer langen Serie.

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In Amers Frischsaftbar stehen die Granatapfelkerne schon bereit. Denn der Kunde ist König.

©Johanna Bayer

Beckmessern im STERN am 12. Mai 2015 – schnell nachschauen, bevor sie es ändern! PS: Und selbstverständlich schaltet sich die Kommentarfunktion zu diesem Artikel sofort automatisch ab und hinterlässt grauenhafte Viren auf dem PC des Users, wenn in diesem Beitrag Fehler entdeckt und etwa moniert werden. Gar mit Häme. So nicht, Freunde. Nicht mit mir.

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ARD: Mensch, Maischberger! Gesundes Essen, eine coole Laien-Runde und ewige Wahrheiten

 

Bei der ARD hat man sich gesagt: Die Maischberger muss jetzt was mit Essen machen. Alle machen was mit Essen. Und es gibt doch gerade so einen Hype um Gluten und so. Was mit Essen läuft wie geschnitten Brot. Also machte die Maischberger das am vorletzten Sonntag und nahm sich die „Gesundesser“ vor. Das sind Leute, die sich auf eine ganz bestimmte Weise ernähren und das für gesund halten oder seitdem gesünder sind oder das glauben. Es gibt viele davon, schon seit der Antike.

Eine fröhliche, friedliche Laien-Runde

Eingeladen war dazu eine Runde von sechs Gästen, die alle auf ihre Art Promis sind. Einer ist sogar richtig wichtig, nämlich der amtierende Bundesernährungsminister Christian Schmidt von der CSU. Vier von sechs waren aber Laien, darunter zwei Schauspielerinnen, ein ehemaliger Internet-Fuzzi, und auch der Minister, was kein Widerspruch ist. Der Mann ist erst seit gut einem Jahr für die Bundes-Ernährung zuständig und von Haus aus gelernter Jurist. Ins Amt gekommen ist Schmidt, weil er vorher im Verteidigungsministerium war.

Ja, wirklich! Ist doch klar – Ernährung ist Kampf, es geht schließlich ums Überleben. Vielleicht hat er den Job aber auch bekommen, weil er aus einer Bäckersfamilie stammt. Egal, jedenfalls ist er abgesehen von seinen fachlichen Qualifikationen sehr freundlich, tolerant, vermittelnd und sympathisch. Das, muss man einräumen, ist in der Politik eine wohltuende Ausnahme und in jedem Ministerium schon die halbe Miete. Also richtet er hoffentlich nicht allzuviel Schaden an. Man wird sehen. Aber immerhin zwei der Gäste waren vom Fach, ein Arzt und das enfant terrible der Ernährungsszene, Udo Pollmer.

Wer jetzt glaubt, dass die Fetzen flogen, wie normalerweise bei solchen Runden, liegt falsch. Es war geradezu ein Ponyhof. Weitgehend herrschte Frieden, man ließ andere das Gesicht wahren und alle waren beeindruckend cool. Das hat vor allem Sandra Maischberger geschafft – La Maischberger, wie sie auf Quarkundso.de ab jetzt respektvoll genannt wird.

Gefühlte Experten? Nichts für La Maischberger

Denn die war spektakulär – sie zeigte offen ihre Ahnungslosigkeit, was das Thema angeht und konnte keine einzige fachliche Frage stellen. Deshalb ließ sie jeden seine Position darstellen, was Frieden stiftete, sogar bei Pollmer, der nur halb so viel polterte wie sonst. Gleichzeitig schaffte sie es aber, intelligent einzuhaken, das Gespräch zu lenken, und jeden subtil vorzuführen, wenn er oder sie dummes Zeug erzählte. Und es war ihr deutlich anzumerken, dass ihr das gesunde Essen samt den Gesundessern gehörig auf den Geist geht: Sie glaubt den ganzen Quatsch nicht und ist auf keinen Fall dazu bereit, auch nur einen überflüssigen Gedanken an Essen zu verschwenden, komme er nun von einem gefühlten Experten oder nicht. Und sei er nun gesund, der gefühlte Experte, oder nicht.

Natürlich würde sie das nie zugeben. Aber ich glaube, ich kann das beweisen. Dazu greife ich einige Stellen heraus, die einen stimmigen Eindruck von der ganzen Sendung bieten: La Maischberger mit treffsicheren Nachfragen, andere mit geniale Paraden, wieder andere, die geschickt ausweichen, und am Ende bleiben ewige Wahrheiten über das Essen.

Noch dazu kann man aus diesen wenigen Ausschnitten einiges darüber erfahren, was wirklich gesund macht, und das hat nichts mit Essen zu tun. Es gibt also auch echte Erkenntnisse über Essen und Gesundheit in dieser ARD-Sendung, und am Ende einen fröhlichen Konsens. Was will man mehr?

Fangen wir also an, und zwar mit

Michaela Merten, ausgebildete Schauspielerin. Vertreibt zusammen mit ihrem Mann, einem Motivationsguru und Lebensfreude- Coach, unter anderem Engelkarten, macht Engel-Coaching, Atem-Beratung und Wunscherfüllungs-Seminare. Mit letzteren zog das höchst erfolgreiche Paar auch schon die Aufmerksamkeit von Sekten-Experten auf sich. Ihre Ernährung hat sie als junge Frau völlig umgestellt, sie isst seit 25 Jahren nach den Prinzipien des altindischen Ayurveda, was Einläufe und Fleischverzicht beinhaltet. So viele Leute wollen ihren Rat, sagt sie, dass sie inzwischen hauptsächlich als Autorin von Ernährungsbüchern arbeitet.

Maischberger: „Das finde ich ja überhaupt interessant, dass Menschen, die sich damit wirklich beschäftigen, irgendwann mal vom Fokus her rüber wechseln – Sie haben das zum Beruf gemacht… muss man das denn, wenn man gesund leben möchte? Muss man sich da so reinvertiefen, dass man am Ende gar nicht mehr normal – Entschuldigung… verzeihen Sie – dass man keinen anderen Beruf mehr nebenbei haben kann?“

Ist das nicht cool? So rundheraus zu sagen, dass es ihr völlig unverständlich ist, wenn Leute sich nur noch mit Essen und Gedöns beschäftigen, traut sich doch sonst niemand! Nebenbei zielte La Maischberger damit auch auf den anwesenden Ex-Wirtschaftsingenieur, der ebenfalls sein Essen zum Beruf gemacht hat, allerdings isst er ganz anders als Frau Merten: Es ist

Nico Richter, deutscher Protagonist der „Paleo“-Bewegung, das ist Essen wie in der Steinzeit – angeblich. Der Mann war früher im Internet-Gewerbe unterwegs, lebt jetzt aber vom Bücherschreiben und von der Steinzeit-Idee: Früher gab es keine Milch, keinen Rübenzucker, kein hochgezüchtetes Getreide und keine Zusatzstoffe, also lassen wir das alles weg, es passt nicht zu unseren Genen. Darauf gekommen ist er, weil er bei einer Routine-Kontrolle des Hausarztes „schlechte Blutwerte“ hatte.

Interessanterweise kann man seiner Schilderung in der Sendung, aber auch einem SZ-Artikel entnehmen, dass das Werte waren, die übermäßigen Stress anzeigten, darunter der Langzeit-Blutzucker und erhöhtes Cholesterin. Trotzdem beschloss Richter, dass die Ursache für alles seine Ernährung sein müsse. Das ist von bestechender Logik und kommt öfter vor. Richter drehte jedenfalls sein Essen auf Steinzeit und ist seitdem gesund. Zur selben Zeit änderte er sein ganzes Leben: Er wechselte den Beruf, schlief mehr, trieb mehr Sport, sorgte für mehr Entspannung und weniger Stress. Jetzt ist geht es ihm so gut wie nie zuvor.

Logisch – wenn man alles ändert, ändert sich viel oder eben alles, vor allem auch gesundheitlich. Es muss überhaupt nicht an der Ernährung liegen. Das ist eine der tiefen Wahrheiten, die man hier erfahren kann, wenn man genau hinhört. La Maischberger jedenfalls traf mit diesem Tenor sehr instinktsicher den Punkt.

Mit diesem Gespür für das Wesentliche ging sie weiter vor, nochmal bei Michaela Merten. Die erzählt von ihrem falschen Lebensstil als junge Schauspielerin – sehr unregelmäßiger Tagesablauf, wenig Schlaf, viel Arbeit, Unmengen von Kaffee und Alkohol, Essen meist spät nachts. Sie wurde krank, nahm Antibiotika, alles wurde noch schlimmer, bis sie zum Heilpraktiker ging. Der identifizierte zielsicher das Essen als Ursache und riet zu Ernährungsumstellung und Darmsanierung. Merten verzichtete daraufhin auf Zucker, Pizza, Fastfood, Fleisch, ist seither gesund und fühlt sich jetzt 20 Jahre jünger als sie ist. An sich ist das beeindruckend. Aber da hat sie nicht mit La Maischberger gerechnet.

Maischberger: Haben Sie aufgehört, Alkohol zu trinken, nebenbei?

Merten: Ja.

Maischberger: Da würden viele schon sagen, das alleine würde schon reichen und man fühlt sich morgens besser.

Muss man das weiter kommentieren? Nein. Das ist einfach groß. Das ist La Maischberger, mehr ist nicht zu sagen, ansonsten siehe oben: Es hängt nicht alles vom Essen ab.

Aber die Merten war auch cool. Sie blieb heiter, fühlte sich nicht beleidigt und gab unbeirrt Einzelheiten ihrer Bekehrung zum Besten. Dabei spielte die Darmreinigung eine große Rolle, zu der ihr der Heilpraktiker damals riet, da sie „komplett übersäuert“ sei. Merten lässt sanieren und macht seit 25 Jahren regelmäßig „Darm-Wäschen“. Das stehe „schon in der Bibel, dass man das machen soll“, verkündet sie. Neuerdings lässt sie auch Gluten weg, obwohl sie gar keine Unverträglichkeit dagegen hat. Aber wenn sie Getreide und Zucker isst, sagt Merten, spürt sie, wie beides zusammen ihre „Darm-Zoten“ verklebt. Das ist sehr niedlich, wie sie das sagt – sie meint die Darmzotten, spricht es aber so aus: „meine Darm-Zoten“.

Maischberger: „Die Darm – was?“

Herrlich. Das war nicht einstudiert, sondern echt. La Maischberger sagt nicht brav: „Können Sie das erklären, was das ist…“ oder „… das müssen wir vielleicht erklären, für die Zuschauer…“, wie es etwa Herr Plasberg gesagt hätte, oder besserwisserisch: „Heißt das nicht „Darmzotten“?“, wie Günther Jauch. Nein, sie sagt völlig baff: „Darm – was?“ Kann man anhören, ab 55:47.

In aller Seelenruhe liefert Merten die Erklärung:

Merten: „Die Darm-Zoten. Das sind diese Tentakel, die die Vitamine und Spurenelemente und Mineralstoffe aus der Nahrung herausziehen sollen, die sitzen hier an den Darmwänden“ (deutet unbestimmt auf die Bauchregion und berichtet, wie sie bei den Einläufen an ihren Darm-Zoten fühlt, dass all das Verklebte von ihr weicht).

Udo Pollmer, studierter Lebensmittelchemiker, ist fassungslos, als er das hört. Ihm, dem Fachmann, fällt – im Bild zu sehen bei 55:49 – die Kinnlade runter. Weiß er nicht, was „Darm-Zoten“ sind? Er weiß es ganz gut, denn er ist seit vielen Jahren ein äußerst streitbarer Akteur in der Ernährungsszene und kennt sich im Verdauungstrakt leidlich aus. Dass die Darmzotten Nährstoffe aus der Nahrung holen, und zwar nicht nur Vitamine und Spurenelemente, sondern auch sonst alle, ist ihm bekannt, wo sie sitzen, auch. Pollmer hat bekannte Bücher geschrieben, darunter den Klassiker „Das Lexikon der populären Ernährungsirrtümer“, und damit vielem Unsinn ein für alle Mal den Boden entzogen. Was Leute, die Unsinn glauben wollen, allerdings überhaupt nicht beeindruckt. Aber auch andere sind dem Pollmer nicht grün. Bei einer Reihe von Ärzten und Wissenschaftlern hat er sich unbeliebt gemacht, weil er gerne absichtlich polemisiert und provoziert. Für Feinheiten ist der Mann jedenfalls nicht zu haben, für Esoterik, Hypochondrie und Neurosen auch nicht. Er ist ein alter Grantler, weiß unglaublich viel und hat keine Lust auf Streichelzoo. Aus der Reserve locken lässt er sich aber auch nicht:

Maischberger: „Diese Spülung, diese Darm-Sanierung, halten Sie was davon, Herr Pollmer?“

Pollmer: „Bitte – ich bohre nicht in fremder Leute Arschlöcher“ (gibt die Frage weiter an den anwesenden Arzt).

Großartig! Pollmer ist keiner, der auf Zuruf pöbelt, das macht er nur selbstbestimmt.

Der anwesende Arzt aber ist Dr. Carsten Lekutat, lustiger Fernseh-Doktor beim WDR, unterwegs in mehreren Coaching-Formaten („Der Gesundmacher“, „Raus aus dem Stress“). Im Nebenberuf ist er Vegetarier. Deswegen möchte er den beiden anderen Vegetarierinnen im Studio, Michaela Merten und Marion Kracht, nicht wirklich am Zeug flicken und ist sehr vorsichtig. Er sagt Richtiges, Gemäßigtes, Vorsichtiges, oder er schweigt. Zum Beispiel zu den gefühlten, verklebten und gewaschenen Darm-Zoten. Da stellt er nur in einem knappen Satz klar, dass der Darm nicht regelmäßig gereinigt werden muss, das könne der schon selbst. Dann lenkt er schnell ab, auf die Gene und sonstiges, und dass die Wissenschaft über Ernährung und Gesundheit eigentlich gar nichts weiß.

Nun, ein bisschen was weiß sie schon – und er hätte sagen können, dass eine Darmreinigung nicht nur unnötig, sondern auch unmöglich ist. Viele glauben ja, dass sie ihren Darm mit rektalen Manipulationen von schädlichen Pilzen und Bakterien befreien können. Aber die bleiben bei der Spülung drin, sie sitzen auf der Schleimhaut wie ein fester Film. Insbesondere erreichen Einlauf und Darmreinigung von hinten gar nicht erst die „Darm-Zoten“. Ein Einlauf spült nur den Enddarm und vielleicht noch einen Teil des Dickdarms, das sind maximal 30 cm hinten rein. Dann ist Schluss. Und dort, im Dickdarm, sind gar keine Darmzotten. Die sitzen ganz woanders, nämlich gut 5 bis 6 Meter und viele Verschlingungen weiter oben im Dünndarm und lachen sich ins Fäustchen, wenn der Enddarm die kalte Dusche kriegt.

Aber das alles verschweigt der Arzt, um den Frieden nicht zu gefährden, schließlich war in dieser Runde Konsens, dass jeder nach seiner Fasson glücklich werden soll.

Ewige Wahrheiten und kein Widerspruch

Diese Parole hatte der Ernährungsminister ausgegeben, weil er niemandem vorschreiben will, was er auf dem Teller haben soll – außer Kindern. Denen muss man natürlich was vorschreiben, darüber waren sich alle einig. Was genau, blieb unklar, schließlich waren sich inklusive Minister alle darüber einig, dass die Wissenschaft in punkto Ernährung total versagt. Das ist ja schon einigermaßen erstaunlich, doch am Ende trug es – beim Essen von Insektenkost – zur guten Stimmung bei.

Und wenn man die Positionen mal zusammenfasst, die da kamen, hat man Folgendes gelernt: Jeder kann essen, was er will. Ernährungsstudien widersprechen sich dauernd und Wissenschaftler wissen nichts. Aber Kinder sollen nicht so viel Pizza, Nudeln und Pommes essen. Wer will da noch widersprechen? Niemand.

©Johanna Bayer

Die ARD-Sendung mit Sandra Maischberger “Haben die Gesundesser Recht?” vom 21.4.2015 ist nicht mehr online (Stand 2016)

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