Archiv für den Monat: Februar 2015

GEO: Schwindeln für den guten Zweck – der Philosoph Harald Lemke nimmt es nicht so genau

Über das GEO-Interview mit Harald Lemke im März 2015

 

Um es gleich zu sagen: Die GEO-Leute können nichts dafür. Sie sind es nicht, die geschwindelt haben, es war der Forscher. Der wurde gefragt: „Wie können wir besser essen?“ und: „Warum haben Sie unser Essen satt, Herr Lemke?“ Die Antworten hat ein Journalist mitgeschrieben, und da dieser zwar durchaus nicht unkritisch ist, aber vorher wohl nicht allzu viel über seinen Gast gelesen hat, fragt er nicht weiter nach. Außerdem schreibt er sonst am liebsten über Technik und man kann ja nicht alles wissen.

Von dem Gastrosophen Harald Lemke hätte man allerdings erwarten können, dass er es besser weiß. Tut er auch. Aber er ist nicht ehrlich. Er hat eine Vision und eine Mission. Dazu verdreht er die ihm bestens bekannten Fakten, schwindelt halt ein wenig und schwupps – ist die ideologische Botschaft perfekt.

Herr Lemke weiß, was ankommt

Und das geht so: Harald Lemke ist ein Gastrosoph, also ein Kulturforscher, der sich mit der Philosophie des Essens beschäftigt. Er findet auch, dass „wir alle“ viel zu viel Fleisch essen und das nicht mehr oder zumindest sehr viel weniger tun sollten. Den Tieren und der Umwelt zuliebe.

Als Philosoph ist er allerdings nicht so unbedacht, einen veganen Totalverzicht zu fordern. Denn er weiß, dass das nicht gut ankommt, außerdem gehört er einem Club an, dessen Vereinspostille nach dem notorischen Genießer Epikur benannt ist. Also ist auch Herr Lemke dafür, dass Leben und Essen zumindest etwas Spaß machen sollten.

Fleischverzicht als kulturelle Weiterentwicklung?

Nur unsere bisherigen Essvorlieben hält er für völlig verfehlt: diese „phantasiearme Fleischküche“. Fleisch, das sei bloßes „kulinarisches Konstrukt“, langweilig, reine Konvention, mangelnde Neugier. Seine Mission ist ein genussvoller Vegetarismus, mit gemeinsamen Mahlzeiten und gemeinsamem Kochen, und dem Nachdenken darüber. Notwendig dazu gehört für Lemke der Abschied vom Fleisch:

Ich erhoffe mir ein langsames Absterben jener kulinarischen Tradition, die stumpf auf Fleisch setzt. Nur so können wir die Menschheit in ihrer kulturellen Entwicklung voranbringen.

Soweit Vision und Mission des Gastrosophen Lemke.

Vorab: Man kann dieser Meinung sein und sie ist ehrenhaft. Pädagogisch wertvoll, ethisch hochstehend. Bei gemeinsamen Mahlzeiten, mit Genuss und kulinarischer Lebensfreude sowie Reden und Nachdenken über Essen, wie Lemke es beschreibt, bin ich übrigens dabei, ohne jede Einschränkung. Ich bin ja auch in so einem Club. Für das gemeinsame Kochen bin ich jedoch nicht unbedingt, das kann auch sehr ins Auge gehen. Ich habe es lieber, wenn das Kenner übernehmen, sonst schmeckt es nicht – aber das gehört jetzt nicht hierher.

Und weder halte ich Fleisch für ein bloßes Konstrukt noch Fleischverzicht für eine kulturelle Weiterentwicklung. Aber egal, man muss ja nicht in allen Punkten einer Meinung sein.

Die Verteidigung des Tofu-Würstchens

Allerdings werde ich grätzig, wenn jemand mich hinters Licht führen will. Und Herr Lemke ist mindestens etwas unlauter. Denn als der Journalist Fred Langer ihn fragt, wie man von der Droge Fleisch wegkommen könne, antwortet der Philosoph, wie „wunderbar“ wir „von den Weisheiten der alt-asiatischen Küche“ lernen könnten. Weil Langer etwas flapsig nachfragt, ob denn nun die Zukunft dem Tofu-Würstchen gehöre, fährt Lemke ihm in die Parade:

Es hat etwas Despektierliches, Tofu und Seitan zu schmähen, daraus spricht eine ideengeschichtliche Ignoranz gegenüber Hochkulturen, die sich über Jahrhunderte fleischlos ernähren – und sehr raffiniert. Fleisch? Braucht kein Mensch.

Eigentlich weiß er es besser

An diesem Punkt schwindelt Herr Lemke. Denn er weiß ganz genau, dass es keine einzige alt-asiatische Hochkultur gibt, die sich über Jahrhunderte fleischlos ernährt hat. Er weiß auch, dass die alt-asiatischen Küchen samt und sonders voller Fleischrezepte sind. Je älter die Küche, desto mehr Fleisch ist drin, und zwar von allem was da kreucht und fleucht.

Woher ich das wissen will? Nun, zum Beispiel von Herrn Lemke selbst. Er schreibt ja Bücher und Artikel, die man lesen kann, er hat buddhistische Klöster besucht, er hat Rezepte von Einsiedlern ausgegraben und listet akribisch auf, was selbst die asketischen Zen-Mönche im alten China so alles goutierten: Hühner, Hasen, Fisch und Krabben sind das Minimum.

Die Fleischküche Chinas

Herr Lemke weiß auch genau, dass es im ganzen Buddhismus kein absolutes Fleischverbot gibt, nicht einmal für Priester und Bettelmönche oder den Dalai Lama. Tofu und Seitan wurden zwar in China erfunden, aber als Fastenspeise für Mönche. So heißen die einschlägigen Gerichte auch heute noch, wenn man zum Chinesen geht. Ansonsten aß und isst man in China alles, was sich bewegt.

Die uralte chinesische Hochküche ist eine der berühmtesten der Welt und sieht Fleisch aller Art vor, ihr Symbolgericht ist ein pompöser Entenbraten. Nicht umsonst gehören die Chinesen heute zu den weltweit größten Produzenten von Schwein und Geflügel – weil ihre Esskultur das verlangt und immer mehr Chinesen nur das haben wollen, was in ihrer jahrtausendealten alt-asiatischen Hochkultur begehrt ist: Fleisch.

Von Nepal bis Japan, von Thailand bis Korea

Bei den Japanern wiederum, einem Inselvolk, das sich praktisch alles von China und Indien zusammen geklaubt hat, was es an Kultur brauchte, spielt das Essen in der Philosophie gar keine Rolle. Was Herr Lemke im Übrigen in einem seiner Aufsätze beklagt, das nur nebenbei. Aber Essen spielt sehr wohl im japanischen Alltag eine Rolle, für die Menschen auf der Straße – bekanntlich gehört die Küche Japans heute auch zu einer der großen Küchen der Welt.

Und bekanntlich sind die Japaner keineswegs Vegetarier. Sie verzehren exorbitant viel Fisch, weltweit mit am meisten, auch Walfisch, das ist Fleisch von Säugetieren. Sie haben immer auch alles andere gegessen, nur gab es die eine oder andere Regierung, die versucht hat, ihnen das madig zu machen. Hat aber nicht geklappt, das ist erwiesen.

Koreaner, Vietnamesen, Thais, Indonesier und wer immer sonst noch im weiten Asien am Kochtopf sitzt, schnetzeln eine unglaubliche Vielfalt an Tieren ins Essen, darunter Schlangen, Skorpione, Vogelküken, Insekten und Wasserwanzen. Das sind alles Küchen mit Fleischtradition. Mongolen, Nepalesen und Tibetaner erwähnen wir lieber gar nicht erst. Da gibt es praktisch nur Fleisch und Fett zu essen, weil da nichts anderes wächst.

Auf die Inder ist auch kein Verlass

Haben wir ein Land in Asien vergessen, eine Hochkultur nicht erwähnt? Richtig – Indien. Aus Indien stammt alle östliche Weisheit, und wiederum eine der raffiniertesten Küchen der Welt. Genauer gesagt sind es mehrere Küchen, darunter fleischlastigere und vegetarische.

Doch die Hochkultur selbst und die Haupt-Religion, der Hinduismus, kennen kein absolutes Fleischverbot. Das heißt: Wer Fleisch und Fisch essen muss oder will, weil seine Lebenssituation das verlangt, oder weil er einer entsprechenden Kaste angehört, der isst Fleisch und Fisch. Nur Rindfleisch ist tabu, weil Kühe als heilige Tiere gelten. Wobei in vedischer Zeit bis zur Zeitenwende viel Fleisch gegessen wurde, übrigens auch Rindfleisch.

Das ist alles. Ach ja, Zahlen: Unter den Hindus gelten nicht mehr als 40 Prozent als Vegetarier. Und nicht alle Inder sind Hindus, es gibt etwa 20 Prozent Moslems und weitere Religionen. Weil es ein Riesenland ist und Befragungen schwierig sind, geht man von Schätzungen aus: Insgesamt sollen nicht mehr als ein Viertel der 1,1 Milliarden Inder Vegetarier sein. Der Rest nicht.

Fleischloses Asien? Weniger als die halbe Wahrheit

Fassen wir also zusammen: In keiner der großen asiatischen Religionen und Philosophien, ob Hinduismus, Buddhismus, Daoismus oder Shintoismus, gibt es ein absolutes Fleischverbot. Es gibt nur Askese-Vorschriften für Priester, Mönche oder besondere Sekten, Gruppen oder Schichten von Menschen. Und es gibt keine einzige Hochkultur in Asien und der Welt, die sich komplett vegetarisch ernährt hätte, gar über Jahrhunderte, oder die dem gesamten Volk Fleisch verboten hätte.

Herr Lemke weiß das alles. Warum erweckt er dann den Eindruck, dass es anders ist? Wahrscheinlich liegt das an seiner Mission. Er will ja, dass die ganze Welt zum Vegetarismus konvertiert. Dazu gibt er seinen Rat: Die Menschheit sollte sich am besten an den Speisevorschriften  japanischer Klöster orientieren. Vielleicht rät er das auch den Japanern selbst, denn er lehrt unter anderem an einer japanischen Universität. Und beklagt in seinen Schriften, dass gerade die Japaner immer mehr „mcdonaldisiert“ werden, anstatt sich an ihren alten Mönchen orientieren. Man muss befürchten, dass die Japaner dazu keine Lust haben – wer will schon fasten wie ein Mönch?

Die Weisheit des Ostens

Aber wenn man ein wenig Nebel versprüht und von asiatischer Weisheit und antiken Hochkulturen raunt, zieht die Nummer zumindest im Westen besser, und Herr Lemke ist ja durchaus pragmatisch, wie dem Interview zu entnehmen ist. Trotzdem: Was fastende Mönche in buddhistischen Sekten essen, ist nicht die ganze östliche Weisheit und schon gar nicht die Küche Asiens.

Es ist noch nicht mal die halbe Wahrheit. Aber man kann es ja mal versuchen – wobei Herr Lemke vielleicht ein wenig darauf spekuliert, dass die meisten Menschen sowieso denken: „Ja, diese Asiaten; leben nur von Reis und Gemüse, und es sind so viele… so viele können sich nicht irren.“

Stimmt. Sie irren sich nicht. Sie sind weise, diese Asiaten. Daher isst seit jeher die überwältigende Mehrheit von ihnen Fleisch.

©Johanna Bayer

GEO 3/2015 – das Interview mit Harald Lemke online

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Vom Essen nichts Neues. Aber das ist gar nicht so schlecht: ZDF, STERN und ZEIT im Januar.

 

Man hat sich bei mir beschwert: bitte Bilder, auch mal was gut finden, keine Kommentare zu veralteten Artikeln. Bei letzterem ging es um den Artikel in der SZ zu Essen mit Kindern, von 2012. Man wolle Aktuelles, wurde mir gesagt. Selbstverständlich mache ich das sofort, möchte aber vorher zu bedenken geben, dass im Netz bei Ernährungsthemen kaum was absteht. Das ist anders als beim Essen. Denn online werden selbst die ältesten Kamellen immer wieder aufgewärmt, das ist ja auch das Problem.

Die Familien-Kolumne von Frau Schnitzler ist praktisch unvermeidlich: Gibt man „Essen mit Kindern“ bei Google ein, kommt der Wahnsinns-Artikel gleich auf der ersten Seite. Außerdem ist das Thema ein Dauerbrenner, und überhaupt: Über Geschmacksbildung und die Vermittlung von Esskultur in Familien kann man eigentlich nie genug schreiben.

Aber weil ich natürlich auf meine Leser eingehen möchte (das sei sehr wichtig beim Bloggen, hat man mir gesagt), mache ich sofort was Aktuelles und finde was gut. Nur das mit den Bildern ist schwierig – ich wollte ja eigentlich gar keine machen, weil ich weiß, dass gute Fotos von Essen ungefähr so aufwendig sind wie ein Drei-Gänge-Menü. Fürs erste will ich meine Leser aber wenigstens in den anderen Punkten zufrieden stellen und kommentiere etwas Aktuelles aus dem Januar 2015. Was daran positiv ist, wird ausdrücklich lobend erwähnt.

Die ZEIT erledigt ein für alle Mal alle Ernährungsdiskussionen

Weil das Jahr neu war, kam auch die ZEIT auf eine – für sie – neue Idee: Schluss mit der Ernährungshysterie. Also nichts mehr mit Gesundessen, Korrektessen, Ökoessen, Frei-Von-Essen, Wenigeressen. Dazu gab es im Magazin vom 15. Januar 2015 es ein großes Interview, in dem die Soziologin Elisabeth Räther den amerikanischen Gesundheitsforscher David Katz abfragt. Ja, abfragt. Es ist kein Gespräch. Sie fragt einfach einen Katalog von Kampfbegriffen ab, die in der Ernährungsdebatte so kursieren. Übergewicht. Gesundes Essen allgemein. Gemüse. Fleisch. Obst. Rotes Fleisch. Schweinefleisch. Weißmehl. Zucker. Wasser. Salz. Gluten.

David Katz „hat die Antworten“, verspricht die Redaktion. Hat er tatsächlich, aber er gibt sich bei allen Reizwörtern sehr bedeckt, bleibt bei allgemeinen Ratschlägen und Tipps, sagt nichts Riskantes und am Ende kommt raus, dass richtige Ernährung ganz einfach ist: Keine Fertiggerichte, kein Fastfood, sondern richtiges Essen, also naturbelassen, vielseitig, viel Gemüse, wenig Fleisch, außerdem Obst, Nüsse, Vollkorn. Und Übergewicht vermeiden. Ein Twitter-Kollege vermerkte: Erkenntniswert null.

Die große Entspannung

Naja, so hart wollen wir mal nicht sein. Denn wir schauen diesmal ja explizit auf das Gute: Positiv betrachtet ist dieses Interview nämlich ein Plädoyer für die große Entspannung beim Essen, was eigentlich richtig ist. Wenn man sonst keine Probleme hat, heißt das, also kein Übergewicht, oder Diabetes, zum Beispiel. Diese neue Gemütlichkeit beim Essen ist gerade sehr angesagt, speziell bei der ZEIT. Die hat im eigenen Hause eine Trendwende eingeläutet, nachdem sie jahrelang die vegetarische Welle herbeigeredet und einen Ratgeber zu „gesunder Ernährung“ mit Gemüse, Obst, Nährwerttabellen, Verbrauchertipps und Einkaufsratgebern nach dem anderen geliefert hat. Im Klartext: In der ZEIT der letzten Jahre wimmelte es von Bewusst-, Korrekt- und Gesundessern, Vegetariern und ökologischen, sozialen, gesundheitlichen und verbraucherorientierten Bedenkenträgern.

Das hat sich gedreht. Jetzt geht es der ZEIT vor allem um Unkompliziertes, um Natürliches, Bodenständiges, um Wohlfühlgewicht und Wohlfühlessen. Einer der Kronzeugen der neuen Richtung ist neben David Katz der amerikanische Food-Journalist Michael Pollan, dessen Credo lautet: „Iss nichts, was Deine Oma nicht als Essen erkannt hätte!“.

Pollans Maximen hat die ZEIT im Jahr 2014 großzügig, na, sagen wir mal – verarbeitet, in einem Sonderheft der Reihe ZEIT-Wissen. Und das Interview mit David Katz im ZEIT-Magazin vom 15. Januar 2015 sollte jetzt wohl ein für alle Mal die fruchtlosen Debatten beenden, die in Deutschland von den Noch-Angespannten geführt werden.

Der große Zampano aus Übersee

So ganz gelingt das nicht. Vor allem, weil David Katz ein Präventionsforscher ist, also ein Gesundheitsforscher. Er steht einem Präventionszentrum an der Universität von Yale vor, das sich mit Gesundheitsfragen aller Art beschäftigt, darunter Entspannung, Yoga, Schmerz, aber auch Übergewicht, Sport, Bewegung, Arbeitsmedizin. Er macht einfach alles und ist von Haus aus Kardiologe.

Nicht, dass ihn das disqualifiziert. Im Gegenteil, er kann Studien eigentlich beurteilen und die wissenschaftliche Lage zur Gesamtproblematik überblicken. Genau das tut er auch in dem Gespräch, er äußert sich immer allgemein zu Gesundheitsfaktoren und ordnet alles vernünftig ein. Übergewicht? Großes Problem, müssen wir vermeiden. Vegan? Kann man machen, man muss aber aufpassen. Fleisch? Lieber weniger, und wenn, dann von Weidetieren. Dabei zieht er sich sehr diplomatisch aus der Affäre. Ob seine Ratschläge wirklich zum Beispiel das große Gesundheitsproblem in den USA – Übergewicht – beseitigen, also beim Abnehmen helfen, oder beim Halten von Normalgewicht, und ob er Erfolge hat, das sagt er nirgendwo.

Aber Frau Räther will das auch gar nicht wissen. Sie möchte dem deutschen Publikum einfach einen Zampano aus den USA präsentieren, der alles weiß, alle Rätsel der Ernährungsforschung gelöst hat und zu allem etwas sagen kann.

Natürlich ist das nicht so. Und natürlich ist das nicht der böse Wille oder die Schuld von David Katz. Es ist nur Teil der ZEIT-Strategie – die neue Normalität beim Essen stärken und Schluss machen mit Hysterie, mit endlosen Diskussionen, Hypochondrie und Haarspalterei.

Was die ZEIT nicht sagt

Vom Grundsatz her ist das natürlich nicht so schlecht. Deshalb bin ich mir auch nicht sicher, ob ich jetzt wirklich sagen soll, dass das Ansinnen der ZEIT im Kern unlauter ist. Es ist zu platt, ebenso wie die platten Fragen von Frau Räther. Es ist auch unfair den Ernährungsmedizinern und ernsthaften Forschern – in den USA, aber auch in Europa – gegenüber, die sich mit Millionen von Übergewichtigen, Diabetikern und gefährlichen Folgekrankheiten herumschlagen.

Und sollte ich sagen, dass David Katz privat ein Ernährungskonzept kommerziell vermarktet, das er mit seiner Frau entwickelt hat? Auf der dazugehörigen Webseite ist gleich gar kein rotes Fleisch vorgesehen, es gibt ausschließlich Rezepte mit Geflügel und Fisch, an Fettquellen vor allem Pflanzenöl und möglichst wenig Tierisches. Das Ganze sieht genauso aus wie alle amerikanischen Diätkonzepte der letzten 40 Jahre.

Seitdem ist in den USA das Problem Übergewicht explodiert.

Katz selbst hält seine Kost für „mediterrane Ernährung“, die angeblich aus wenig Fleisch und wenigen Milchprodukten, aber viel Obst, Gemüse, Nüssen, Vollkorn, Fisch und etwas Wein besteht – was erwiesenermaßen so nicht stimmt.

Die ZEIT gibt diese Vorstellung kritiklos und unhinterfragt wieder. Aber was sie nicht sagt, ist, dass Katz im Grunde ein klassischer amerikanischer Anti-Fett-Vertreter ist, der Angst vor Fleisch sowie tierischen und gesättigten Fettsäuren hat und allgemein zum Fettsparen rät. Er hat weder das Rätsel Übergewicht gelöst noch kann er sagen, welches die gesunde Ernährung für alle ist. Die gibt sowieso nicht. Frau Räther fragt ihn das aber: „Welche simplen Regeln für gesunde Ernährung gibt es?“

Alles super. Echt.

Vor allem der letzte Punkt – es gibt nicht die eine gesunde Ernährung für alle – ist auch gar nicht neu. Außer für die ZEIT-Redakteure, vielleicht. Natürlich stammt das auch nicht von mir, ich habe es abgekupfert: von den besten deutschen Ernährungsexperten, denen die ZEIT keinen großen Bahnhof macht. Ansonsten weiß man das alles, was die ZEIT da aus den USA ran schleppt, in Europa schon längst, und zwar besser als Herr Katz.

Hören wir also mit dem Guten auf – mit einem Hoch auf die alte europäische Esskultur! Richtiges Essen, gut gekocht, mit natürlichen Produkten, wie Oma es gemacht hat, die es am besten wusste.

Und simple Regeln sind natürlich auch gut. Vor allem für die, die sonst kein Gesundheitsproblem haben. Natürlich kommt es auch darauf an, welche Regeln das sind. Aber das mit der Entspannung beim Essen und bei Diskussionen darüber – das ist super. Echt.

©Johanna Bayer

DIE ZEIT – Magazin: Man ist, was man isst – das Interview mit David Katz

 

Das ZDF über Discounterware: Nach 40 Jahren endlich was gemerkt

Ich wollte ja auch mehr auf das Gute hinweisen, vielmehr: Ich sollte. Leider kam mir eine Folge der ZDF-Reihe Lebensmittel-Check dazwischen, die hat der Sender im Januar aufgelegt. Diesmal zu Discounter-Produkten: „Wie gut sind Discounter-Lebensmittel?“ Allerdings war darin nicht alles ganz schlecht. Es gab nämlich auch eine Überraschung: Nach dem Weihnachts-Check, in dem die billigen Dosenwürstchen gelobt wurden – verrissen auf Quarkundso.de – gab der Sender jetzt den Discountern bei Fleisch und Eiern eine volle Breitseite.

Es war exakt das Gegenteil dessen, was dieselbe Redaktion zu Weihnachten als frohe Botschaft verkündet hat: Waren im Dezember die Netto-Würste noch Testsieger, da unschlagbar billig, hieß es jetzt, im Januar, dass die Discounter nur durch einen gnadenlosen Preiskampf mit Niedrigstpreisen locken können. Ihre Knebelverträge ringen die Landwirte nieder, so dass die armen Bauern nur dank der staatlichen Subventionen mithalten können – auf Kosten des Steuerzahlers, der Tiere und der Umwelt.

Wir wollen das jetzt ausdrücklich begrüßen. Das war gut. Vor allem das mit den Subventionen und der Lage der Bauern, darüber wird viel zu wenig diskutiert. Dass die Filmautorin dieselbe ist wie in der Weihnachtsfolge, die Produktionsfirma auch, und sogar der Redakteur der Folge wieder Philipp Müller heißt, verbuchen wir jetzt – da wir es positiv sehen wollen – nicht unter wirrer Leitung und fehlender Linie. Sondern unter Lernprozess. Jetzt rumzumäkeln, von wegen die linke Hand weiß nicht, was die rechte tut, und wer so etwas als Redaktionsleitung abnehmen könne, wenn dieselben Leute mal A und mal B sagen, so kurz hintereinander zu demselben Thema, in derselben Sendereihe… nein, das wäre kleinlich. Also – weiter so, ZDF! Prima! Macht doch dazu mal eine ganze Sendung, zu den Bauern und den Subventionen.

Was gibt es eigentlich bei Discountern?

Wenn ich aber nicht wenigstens kurz etwas zum Rest der Sendung sage, gibt es bestimmt auch Beschwerden. Daher: Dieser Discounter-Check war ein atemloser Ritt durch das Sortiment von Aldi, Lidl, Netto und Penny, quer durch alle Warengruppen von Milch über Fisch, Käse und Kaffee bis hin zu Gemüse.

Das Ergebnis ist, dass die Discounter durch ihren hohen Warenumsatz in Punkto Frische nicht schlecht, ihre Grundlebensmittel wie Milch oder Mehl oft gut, ihre Fertiggerichte hingegen oft mies oder gar Verbrauchertäuschung sind; und dass es aber ab und zu auch Schnäppchen gibt, darunter Markenprodukte oder Länder-Spezialitäten. Am Ende fasst Nelson Müller nochmal zusammen und erklärt, man könne Grundlebensmittel wirklich gut im Discounter kaufen, aber

“… sobald es ein bisschen anspruchsvoller wird – ein gutes Fleisch oder mal eine besondere Zutat – das gibt es nicht im Discounter.”

Überraschung! Hat noch keiner gemerkt. Gut, dass das ZDF nach 40 Jahren Aldi & Co. endlich Klarheit geschaffen hat. Ich wiederhole mich ungern, aber was der treuherzige Müller da für viel Geld zum Besten gibt, ist kaum die hohen Produktionskosten oder die GEZ-Gebühr wert.

Und eines steht fest: Gespannt sein auf die Fortsetzung dieser Check-Reihe darf man nicht.

©Johanna Bayer

ZDF im Januar 2015: Wie gut sind Discounter-Lebensmittel?

ZDF lobt Discounter-Würstchen in Weihnachtssendung – verrissen auf  Quarkundso

 

Der STERN über gemischtessende Paare: falsche Zahlen, keine Quelle

Spannendes verhieß der Stern im Januar 2015. Im Heft warnte man vor einer schweren Spaltung der Republik – derzeit würden viele Beziehungen auf eine harte Probe gestellt, wenn ein Partner Vegetarier sei und der andere nicht. Ein Betroffener berichtet von seiner Ehe mit einer Vegetarierin. Burger und Beefsteak verdrückt der Mann nur noch heimlich, Wochenendtouren von Frau und Kindern nutzt er, um einsame Fleischorgien zu feiern. Am Familientisch gibt es dann Tofubrösel.

Der Artikel ist ganz lustig. Aber wer, der sich für Essen interessiert, möchte etwas von einem Mann lesen, der als Kind im Wienerwald gefüttert wurde, liebend gerne Buletten-Brötchen isst und Maggi-Tütenbolognese für eine kulinarische Geheimwaffe hält? Damit outet sich der Familienvater nämlich in seinem Bericht.

Nun gut, ich gehöre wohl auch nicht zu seiner Zielgruppe. Wirklich ärgerlich sind aber die falschen Zahlen im Artikel: Rund 7 Millionen Vegetarier in Deutschland gäbe es bereits, Tendenz steigend, heißt es da. Das wären fast 10 Prozent. Quelle? Fehlanzeige, die gibt der Stern nicht an. Nun liegen aber die wissenschaftlich seriös ermittelten Zahlen, darunter vom Max-Rubner-Institut und von den Universitäten Göttingen und Hohenheim, bei 2 Prozent Vegetariern und Veganern zusammen. Das sind noch unter 2 Millionen, fast viermal weniger als der Stern behauptet.

Zufällig stehen diese Angaben – über 7 Millionen bzw. 10 Prozent Vegetarier – in verräterischer Deutlichkeit auf der Seite des VEBU, des Vegetarierbundes Deutschland. Ob der Stern….? Aber die Hamburger Qualitätsjournalisten antworten, wie ich schon weiß, auf Leserzuschriften nicht so gerne, insbesondere, wenn sie Fragen nach Quellen enthalten. Also kann ich darüber nur spekulieren, dass der Stern vom VEBU ungefiltert abgeschr… aber nein. Das wäre wieder zu viel gemeckert, außerdem nur eine Wiederholung der Sache mit Plasberg, breitgetreten von Quarkundso. So viel wiederholen will ich mich nicht, immer über dasselbe meckern auch nicht.

Toleranz beim Essen hat ihre Grenzen

Also schaue ich lieber auf das Positive, dass nämlich die Geschichte des heimlichen Fleischessers versöhnlich endet: Die Liebste erklärt sich bereit, auch mal in einen Burger zu beißen, und überhaupt wirbt man am Ende für Toleranz mit Andersessern. Das finde ich gut!

Leider wäre ich selbst da ein Fall für die Nachschulung. Eine Beziehung mit einem Vegetarier oder gar Veganer kann ich mir zum Beispiel gar nicht erst vorstellen. Für mich wäre das ein Ausschlusskriterium. Wenn ich mit jemandem mein Essen nicht teilen kann – ein fabelhaftes Chateaubriand, zum Beispiel, oder Lammkoteletts – dann macht es mir weniger oder gar keinen Spaß mehr.

Zum Glück kann ich mich bei dieser engen Weltsicht darauf berufen, dass das gemeinsame Essen zum Ur-Repertoire des Menschen gehört. Ich bin also nur ein Opfer meiner Gene.

Und damit meine ich natürlich nicht dieses billige Argument mit dem genetisch bedingten Fleischhunger, der uns angeboren ist. Damit kommt ja jeder. Nein, ich meine speziell das Teilen von Essen. Das war, sagen Anthropologen, der eigentliche Motor der menschlichen Evolution, was das Hirnwachstum und das beim Menschen so ausgeprägte Sozialverhalten angeht. Und auch Motor der gesamten weiteren Kulturentwicklung, nämlich des Handels. Deshalb hat das gemeinsame Mahl auch in allen Gesellschaften einen so zentralen Stellenwert, es ist tief in uns verwurzelt. Essen abzulehnen, wenn man zu Gast ist, ist weltweit ein Affront, nichts anzubieten als Gastgeber ebenfalls. Gemeinsames Essen ist Hochzeitsritus, Vertragsbestandteil, heilige Handlung und Bindemittel seit, man muss es sagen, Jahrmillionen.

Lieber gemeinsam essen – zur Sicherheit

Ich kenne ein Paar, bei dem die Frau nach 35 Jahren Ehe zur Veganerin wurde. Ein Jahr später fiel der Mann tot um, plötzlicher Herztod. Ich weiß jetzt nicht, ob das irgendwie in einem Zusammenhang steht. Aber sicherheitshalber würde ich allen Menschen empfehlen, das zu essen, was ihre Liebsten auch essen. Das funktioniert und ist von der Natur so vorgesehen. Bestimmt verweist der Stern auch deshalb in seinem Artikel auf Single-Portale, bei denen man den Partner nach den Essgewohnheiten aussuchen kann.

©Johanna Bayer

STERN: Steak oder Liebe? Artikel über gemischtessende Paare

Der PR-Lapsus von Frank Plasbergs “Hart aber fair”, breit getreten auf Quarkundso.de – und nach dem Bericht die Entschuldigung der Redaktion von “Hart aber Fair”

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach hier ins Sparschwein stecken. Wer draufklickt, landet bei PayPal.