Archiv für den Monat: Dezember 2014

Geschmack? Egal, Hauptsache billig! Warum das ZDF Discounter-Würstchen empfiehlt

Journalisten haben dieser Tage eine ausgesprochen schlechte Presse, korrupt und verlogen sollen sie sein. Am ehesten können sie beim Publikum noch mit Nutzwert und Ratschlägen punkten, besonders im Fernsehen steigert nichts die Quote mehr als Verbrauchertipps. Deshalb besteht das Programm zunehmend aus Stiftung-Warentest-Formaten, so will es das Volk der Schnäppchenjäger: Marken-Check beim WDR, Lebensmittel-Check beim NDR, Gesundheits-Check beim BR.

Also wurde auch das Weihnachtsfest dem großen Check unterzogen, nämlich beim ZDF: Der „große Test zum Fest“ nahm sich am 16. Dezember das Weihnachtsessen vor, gemacht von einer internationalen Produktionsfirma mit Riesenaufwand: Auslands-Dreh in Ungarn, aufwendige Kamera, viele Statisten, ein Wettkochen von Hausfrauen aus allen Ecken der Republik, deutschlandweite Verkostung auf Weihnachtsmärkten. Kern war das von Sternekoch Nelson Müller kunstvoll zubereitete Weihnachtessen – Gans vom Biozüchter, von Hand geriebene Klöße – gegen ein Gericht aus Tiefkühlware, mit Knödeln aus der Fertigpackung.

Gourmet-Angeber, Bio-Fuzzis und der harmlose Verbraucher

Man sitzt fassungslos davor. Was soll das? Besteht für irgendjemanden der geringste Zweifel daran, dass ein frisch und handwerklich auf höchstem Niveau von einem Sternekoch zubereitetes Festessen dem Zeug aus der Packung überlegen ist? Oder umgekehrt: Ist wirklich jemand der Meinung, dass industrieller Fertigfraß besser wegkommen kann?

Scheinbar schon. Ganze ZDF-Etagen müssen es so sehen, sonst hätten sie das Geld für diese Hochglanz-Produktion nicht bewilligt. Ja, es sieht so aus, als ob die Nation tief verunsichert ist: Kann es sein, dass frisch gekochtes Essen aus teuren Rohstoffen wirklich besser schmeckt? Dass man es überhaupt herauskennen kann, im direkten Vergleich? Oder wollen diese Sterneköche, Gourmet-Angeber und Bio-Fuzzis den harmlosen Verbraucher nur über den Tisch ziehen? Muss nicht endlich bei einem professionellen Test die Wahrheit ans Licht kommen – dass es gar keinen Unterschied gibt zwischen kulinarisch perfektem Essen und Billig-Fertigware?

Anders als unter diesen Leitfragen lässt sich die Sendung der Reihe „ZDFzeit“ nicht erklären. So kommt es auch mehrfach im Sprechertext: „Schmeckt das Fertiggericht genauso gut?“ „Lohnt sich das aufwändige Selberkochen?“ Die meinen das wirklich so, in Mainz. Und es tritt ein mit Rotwein angesetztes, raffiniert mit Portwein, Orangensaft, Zimt, Nelken, Wacholder und Lorbeer gewürztes und in köstlichem Gänseschmalz angeschwitztes Delikatesskraut von Nelson Müller gegen gemeinen Kohl aus dem Glas an. Derlei wird oft mit billigem Essig, Aromastoffen und Zucker ins Glas gepresst.

Beim Testessen im Studio gewinnt das Kraut des Sterne-Profis. War klar. Könnte aber neben Volksverdummung auch eine Verschwendung von Gebührengeldern sein, wenn man mich fragt. Dazu darf man sich kurz vor Augen führen, wie das ZDF selbst seine Sendereihe beschreibt, und wie viel Geld es im Schnitt pro Folge ausgibt:

Unter dem Label „ZDFzeit“ laufen am Dienstag um 20.15 Uhr große Primetime-Dokumentationen. Neben investigativen und analytischen Stoffen gibt es verbrauchernahe und informative Themen. „ZDFzeit“ bietet rund 35 Produktionen pro Jahr bei Durchschnittskosten von zirka 240.000 Euro.

Supermarkt-Wurst schlägt Metzger- und Bioware – sagt das ZDF

Für diese stattliche Summe ist dann auch ein Test mit vier Sorten Wiener Würstchen drin, da am Heiligen Abend bei vielen Deutschen Würstchen mit Kartoffelsalat auf den Tisch kommen. Testsieger: die Wiener aus dem Discounter, die billigste Massenware von Netto. Und das nicht etwa, weil sie den Testessern im Studio am besten schmecken.

Wie bitte? Ja, richtig gelesen. Nochmal zum Mitdenken: Es gewinnen die billigen Supermarkt-Wiener, die nicht einmal besonders gut schmecken. Geschmacklich am besten schneiden nämlich die Würste vom Metzger ab. Das erscheint logisch, da sie wohl handgemacht, individuell gewürzt und abgeschmeckt sind. Aber die Kunst des Metzgers landet nur auf dem zweiten Platz, vor den Wienern aus teurem Biofleisch, die Platz 3 bekommen. Schlusslicht sind die Würste aus dem Glas.

Was aber bewegt das ZDF zu seinem Urteil? Die Supermarkt-Würstchen enthalten minimal mehr Muskelfleisch im Fleischanteil als die Metzger-Wiener, rechnet ein Lebensmittelchemiker vor laufender Kamera aus. Und obwohl der Mann selbst diesen Unterschied im O-Ton als „gering“ bezeichnet, zieht er den Schluss, dass die Fleischqualität der Discounter-Würstchen am höchsten war. Dann präsentiert das ZDF die Zahlen: 79,5 Prozent Muskelfleisch im Metzger-Würstchen, dann geht es aufwärts zu 84 Prozent bei den Bio-Wienern und 86 Prozent Muskelfleisch im siegreichen Discounterwürstchen.

Was heißt hier eigentlich Qualität?

Es ist also wirklich nur ein geringer Unterschied, und alle getesteten Würste erfüllen mit einem Muskelfleischanteil von über 75 Prozent die Qualitätsanforderungen aus den Leitsätzen des Lebensmittelhandbuchs. Minimal mehr davon im Discounterprodukt heißt aber nicht, dass das Fleisch, das drinsteckt, das allerbeste Muskelfleisch war. Da kommt es ja auch auf das Tier und die Haltungsbedingungen an. Oder dass überhaupt ein möglichst hoher Muskelfleischanteil bedeutet, dass das ganze Würstchen automatisch gut ist. Hat nicht doch eher der Metzger die beste Qualität geschaffen, weil seine Würste nicht nur die Material-Vorgaben des Handwerks erfüllen, sondern auch richtig gut schmecken? Er hat vielleicht im vorgeschriebenen Rahmen andere Fleischteile genommen, echte Gewürze und etwas mehr Speck – das nämlich gibt den besseren Geschmack! Und darauf, auf den Geschmack, kommt es beim Essen schließlich an. Nicht umsonst zählt die Bewertung des Geschmacks üblicherweise am meisten bei solchen Prüfungen, etwa bei der Stiftung Warentest.

Billiger als eine Kugel Eis oder ein Überraschungs-Ei

Nicht aber beim ZDF. Denn der Sender kommt mit dem Preishammer: Die Supermarkt-Würste sind unschlagbar billig, 49 Cent pro 100 Gramm, also für ein Paar Wiener. Das ist weniger als eine Kugel Eis oder ein Überraschungs-Ei. Die Wiener vom Metzger und die Bio-Würste kosten mehr als das Doppelte, 1,19 und 1,39 Euro pro 100 Gramm. Was absolut gesehen nicht die Welt ist, vor allem zu Weihnachten. Aber für das ZDF schon – billig punktet.

Jetzt drängt sich die Frage auf: Was glaubt das ZDF-Team, warum die Supermarkt-Ware so billig ist, und die mühsam in Handarbeit gewursteten Metzger-Wiener oder die Bio-Würste teurer? Kein Wort verlieren die Macher der Sendung über den gnadenlosen Preiskampf der Discounter und seine Folgen. Dabei sind die ekelhaften Bilder aus dem Schweineknast von Adriaan Straathof in Sachsen-Anhalt kurz zuvor durch die Medien gegangen. Das ist der holländische Großmäster, dem Amtstierärzte am 10. Dezember 2014 in Sachsen-Anhalt den Laden geschlossen haben, wegen kranker Schweine, Kadaver im Hof und zu schlechter Bedingungen für die Tiere.

Fleisch von Straathof und Konsorten

Betriebe dieser Art und Größe gibt es in Deutschland viele, vor allem im Norden und im Osten. Sie liefern ihr Fleisch über große Fleischvermarkter an Wurstfabriken, die für Discounter daraus die immer geschmacksgleiche Ware machen. Und dann singt das ZDF ein Loblied auf die Supermarkt-Wurst und empfiehlt sie ausgerechnet zu Weihnachten. Wie blind. Im Ankündigungstext zur Sendung versteigt sich die Redaktion sogar zu der Aussage: „In Sachen Fleischqualität schlägt Billigwurst die Bioqualität.“ Das ist schon allerhand, wenn man bedenkt, dass die Discounter ihre Würste mit Fleisch aus den Monster-Mästereien à la Straathof machen. Und Biobetriebe nicht.

Natürlich kann man nicht ausschließen, dass der Metzger sein Fleisch ebenfalls von Straathof und Konsorten bezieht. Aber man kann seinen Metzger fragen. Jeder Metzger, der etwas auf sich hält, wird Wert darauf legen, dass sein Fleisch von anständigen Schlachtereien und Bauern kommt. Die Bio-Verarbeiter sowieso. Man kann sich die Lieferanten und den Schlachthof auch mal ansehen. Und wenn einem die Antworten des Metzgers nicht gefallen, kauft man halt woanders ein. Sofern es noch eine Alternative gibt – wenn nämlich alle die Billig-Wurst im Supermarkt kaufen, sterben die kleinen Metzger aus. Das ist in Nord- und Ostdeutschland flächendeckend schon im Gange, sagt der Bundesverband der deutschen Fleischwarenindustrie. Schöne Aussichten: Fragwürdige Massentierhaltung und Billigware mit Einheitsgeschmack für alle.

Die heimliche Hauptbotschaft: Billig ist auch sehr lecker

Bei den Gänsen für den Weihnachtsbraten ist dem ZDF die tierfreundliche Haltung immerhin eine teure Dreh-Reise nach Ungarn wert, wo es, wie überall, gute und nicht so gute Gänsehalter gibt. Viel Erhellendes kommt beim anschließenden Testessen aber nicht heraus. Denn die Studiogäste erkennen zwar alle, dass auf dem rechten Teller die teuren Bio-Produkte und das Handgemachte liegen. Und auf dem linken das Rotkraut aus dem Glas, die aus der Packung angerührten Knödel und die Frostgans. Aber auch dieses Ergebnis war, siehe oben, eigentlich von vorneherein klar, und rechtfertigt vielleicht nicht unbedingt 240.000 Euro aus Gebührengeld.

Was rechtfertigt sie dann? Vielleicht die Schlussbotschaft, die dem ZDF wichtig genug war, um eine aufwändige Produktion darum herum zu konstruieren. Die Studio-Testesser landen nämlich am Ende bei einem versöhnlichen Unentschieden: Kann man alles essen. Einer sagt: „Wenn ich den rechten Teller nicht kennen würde, fände ich links sehr lecker!“

Und das ist die Aussage, die nach dem ganzen Aufwand übrig bleibt: Es ist in Ordnung, Wiener Würstchen im Supermarkt zu kaufen, eine Tiefkühl-Gans zu nehmen und dazu Rotkraut aus dem Glas und Knödel aus der Tüte zu servieren. Auch wenn es nicht so gut schmeckt – aber wir sind das ja eh gewöhnt und können es kaum unterscheiden! Außerdem ist es viel billiger und kostet viel weniger Zeit. Und das ist gut so. Also kaufen Sie ruhig beim Discounter und machen Sie sich keinen Stress, ist ja Weihnachten.

Wenn nicht zu Weihnachten – wann dann?

Aber Leute, ganz ehrlich, ist das die richtige Botschaft? Natürlich ist es in Ordnung, wenn es absolut nicht anders geht. Und natürlich kann man das alles essen. Im ersten Weltkrieg haben die Leute Kitt aus den Fensterrahmen gekratzt und Mehl mit Sägespänen gestreckt. Ging auch. Aber als journalistische Schlussfolgerung, als Sendungsaussage eines anspruchsvollen Formats ist so etwas irrelevant, farblos, zahnlos und so unter Niveau wie nur irgend denkbar. Es klärt nicht auf, hilft nicht weiter, bewegt nichts, bringt keinen Mehrwert und keine neue Information.

Im besten Fall ist dieses Fazit eine Nullaussage. Eigentlich aber ist der „Billig schmeckt auch“-Freifahrtschein in mehrfacher Hinsicht ethisch fragwürdig. Und zwar bezogen auf die eigene Esskultur, das eigene Konsumverhalten, den Umgang mit Gästen, mit den Tieren und der Umwelt. Wenigstens einmal im Jahr könnte man sich doch, zu Weihnachten, zum Fest der Liebe, ein bisschen mehr Mühe geben, und zum Beispiel echte Qualität kaufen. Dazu selbst kochen – und sich im neuen Jahr vornehmen, beides öfter zu tun. Es gibt keinen besseren Zeitpunkt.

©Johanna Bayer

Link zur ZDF-Sendung „Der große Test zum Fest“ Video und Ankündigungstext

Beschreibung des ZDF-Formats auf der ZDF-Seite

Nach dem Fest ist vor dem Fest – wer wirklich Erhellendes über Gänse erfahren und für nächstes Jahr planen will, kann auf Peter Posses Ungarnblog reisewege-ungarn.de nachlesen. Er hält ein Plädoyer für Frischware aus dem Osten.

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

Knapp daneben bei Pasta und Wein – warum der Arche-Küchenkalender meinen kulinarischen Kompass durcheinander bringt

 

Bei mir wurde werksseitig ein Gerät mitgeliefert, das immer läuft, ich nenne es meinen kulinarischen Kompass. Vielleicht ist es auch eine Art Geigerzähler oder eine Alarmanlage, ein Rauchmelder oder ein Radar, ehrlich gesagt weiß ich es nicht genau.

Jedenfalls lässt sich das Ding weder von mir noch von anderen manipulieren und läuft komplett autark: Es sucht ständig den kulinarischen Horizont ab und schlägt aus, wenn die Richtung nicht stimmt oder wenn Nebelschwaden aufsteigen, die die Orientierung schwer machen.

Noch versuche ich herauszufinden, auf was genau es reagiert und ob es richtig eingestellt ist, werksseitig, meine ich.

Dazu gehören kleine Versuchsläufe, wie neulich beim Arche-Küchenkalender. Den schenke ich mir jedes Jahr zu Weihnachten. Er ist wunderhübsch gestaltet, es gibt für jede Woche eine Literaturstelle, in der es irgendwie um Essen geht, dazu Rezepte zum Nachkochen.

Ich liebe diesen Kalender, der von Sybil Gräfin Schönfeldt zusammengestellt wird, der „Grande Dame“ der Esskultur, wie der Verlag schreibt. In der Tendenz sind Rezepte und Literatur zwar eher norddeutsch bis ostdeutsch-pommersch, sowie stark angelsächsisch und amerikanisch beeinflusst, außerdem bäuerlich und einfach.

Aber gut, für Rezepte in einem Kalender geht zumindest letzteres nicht anders, in der Kürze kann man keine zweitägigen Gourmet-Prozeduren beschreiben.

Gazpacho ohne Knoblauch – das kann nicht sein

Manchmal aber bringt die Gräfin das Gerät durcheinander, den kulinarischen Kompass. So bei der Behauptung, die Franzosen rümpften bei rohen Zwiebeln die Nase, denn die hätten in der feinen Küche nichts zu suchen.

Nicht, dass ich jetzt nur wegen des ausschlagenden Geräts die 800 Seiten meines Bocuse-Kochbuchs auf rohe Zwiebeln durchgekämmt hätte. Aber auf Anhieb finde ich bei Bocuse eine Salade Niçoise mit rohen Zwiebeln, Tomatensalat mit rohen Zwiebeln und einen Text speziell darüber, in welcher Form Zwiebeln – roh, gedünstet, gebraten – in der Küche verarbeitet werden.

Ich lerne: Wo rohe Zwiebeln reingehören, sind sie drin, auch und gerade in der französischen Haute Cuisine. Die Gräfin schätzt aber wohl generell die Würzknollen nicht. Denn sie schafft es auch, Rezepte für Ratatouille und Gazpacho ohne eine Spur von Knoblauch anzugeben. Im Fall der Gazpacho ist das einigermaßen bemerkenswert, denn diese Gemüsekaltschale hat ihren Ursprung in einer arabischen Knoblauchsuppe.

Eine Gazpacho ohne Knoblauch auch nur zu denken, erlaubt das Gerät vom System her nicht, da erscheint immer „Error“.

Ein bisschen in Richtung meiner Rubrik „Bad Taste“ geht so was ja schon. Ebenso wie das gräfliche Rezept für „Asia-Gurken“ mit Zucker und Currypulver, oder „Pute in Früchten“, das ist Putenbrust mit Obst im Reisrand. Zu einer Literaturstelle aus Südamerika, wohlgemerkt.

Da rückt der Zeiger des Geräts schon bedenklich in den roten Bereich vor, dorthin, wo deutsche Plumpsküche, Ruhrgebiet, Nachkriegskochbuch, Toast Hawaii und die 60er Jahre stehen.

Da muss ich gleich die Reset-Taste „Esskultur“ drücken.

 

Nudeln mit Wein. Aber mit welchem?

Gemeldet hat sich das Gerät auch im Juli 2014, als die Gräfin Bodo Kirchhoff zitiert. Der lebt teilweise am Gardasee, weswegen die dortige Küchen- und Weinkultur erfreuliche Spuren in seinen Büchern hinterlässt. Ausgewählt ist für die Woche vom 21. bis zum 27. Juli 2014 eine Passage aus Kirchhoffs Roman „Die Liebe in groben Zügen“:

„Als es dunkelte, war er wieder im Haus und machte sich Maccaroni, nur in Butter und Parmesan gewälzt, dazu ein Wein, den der künstlerische Metzger anbot, Cà dei Frati.“

Oh toll, freue ich mich, als ich das lese, Cà dei Frati! Kenne ich, schöne Luganas, sogar etwas lagerfähig, habe gerade einen getrunken, von 2009, hier steht die leere Flasche noch in meiner Küche, weil sie so dekorativ ist.

 

Deutsche lieben nasse Lappen auf dem Teller. Italiener nicht.

Im Begleittext schwärmt die Gräfin von Kirchhoffs „schlichtem wie köstlichen Nudelgericht“, und gibt, wie immer, ein Rezept an. Neben Butter und Parmesan kommt jetzt Rosmarin ins Spiel.

Okay, das ist noch auf Linie, obwohl bei Kirchhoff davon nichts steht. Aber dann empfiehlt sie: „Mit grünem Salat servieren und einen Rotwein dazu trinken“.Ca dei Frati in Gröbenzell

Da stutze ich. Grüner Salat, davon stand auch nichts bei Bodo Kirchhoff, und in der italienischen Küche, um die es hier ja geht, verabscheut man nasse Lappen auf dem Teller, anders als in Deutschland.

Immerhin muss man einräumen, dass das Rezept für deutsche Leser gedacht ist. Und der Wurm muss schließlich dem Fisch schmecken, nicht dem Angler – gerade in der Küche. Daher also der Salat, na gut.

Was aber ist das mit dem Rotwein? Cà dei Frati ist Spezialist für Weißweine, eben die Luganas, der Winzer ist international dafür bekannt. Und überhaupt – zu Pasta mit Butter und Parmesan gehört doch ein Weißwein?

Erst recht, wenn es grünen Salat dazu geben soll? Wie kommt die Gräfin auf Rotwein?

 

Ausflug ins kulinarische Klischee

Gleich lese ich in italienischen Rezepten nach und finde nur Weißwein zu diesem Nudelgericht, die Makkaroni werden sogar darin gekocht oder geschwenkt. Jetzt muss ich nachdenken. Zuerst schlage ich den verstehenden Ansatz ein: Eine Kalenderredaktion zielt natürlich auf möglichst viele Käufer und Normalesser ab.

Die wiederum glauben, dass Italiener immer nur Nudeln essen und dazu Rotwein trinken.

Von den Franzosen denken sie ja auch, dass die nur von Baguette, Käse und Rotwein leben. Mit der schweren Fleisch- und Butterküche nebst trockenen Weißweinen in fast ganz Frankreich konfrontiert, trifft die deutschen Touristen der Schlag.

Die authentische Fleischküche in Italien ignorieren sie folgerichtig und bestellen stur Pizza und Nudeln. Die haben die Lokale wiederum nur der Touristen wegen auf der Karte.

Doch andererseits ist die Gräfin auf keinen Fall eine Normalesserin – sie hat Preise von Fachgesellschaften bekommen, sie muss sich auskennen. Stimmt mein kulinarischer Kompass nicht oder kann es sein, dass die Gräfin hier ins Klischee verfällt?

Vielleicht ist auch alles ganz anders – vielleicht haben Praktikanten den Kalender geschrieben, oder, o Graus, eine Ökotrophologin! Ist doch üblich: Ein bekannter Autor gibt seinen Namen her, niedere Chargen kolportieren was zusammen, ein Lektor schaut drüber, fertig.

Drin ist das, von dem man annimmt, dass es der Leser so erwartet.

 

Post vom Gardasee: Bodo Kirchhoff schreibt eine E-Mail

Jetzt will ich es wissen – welchen Wein hatte Bodo Kirchhoff im Sinn bei dieser Passage?

Vielleicht wusste das die Gräfin von ihm persönlich, empfiehlt deshalb den Roten und Bodo Kirchhoff mag das halt so? Dann hätte alles seine Richtigkeit.

Entschlossen rufe ich bei der Frankfurter Verlagsanstalt an, die Bodo Kirchhoff vertritt. Der Praktikant stammelt am Telefon verwirrt, das mit dem Wein sei die komplizierteste Anfrage, die er je bekommen habe (warum eigentlich?). Die könne nur Bodo Kirchhoff selbst beantworten. Ob ich meine Anfrage nochmal schriftlich per E-Mail schicken könne, er würde sie an Bodo Kirchhoff weiterleiten (ja, kann ich).

Gleich schicke ich noch eine Mail an den Arche-Verlag in Frankfurt und frage, ob die Gräfin alles selbst schreibt. Ja, sie schreibt alles selbst, ob ich eine spezielle Frage hätte? Da schweige ich lieber vorsichtig, denn ich hoffe auf Infos aus erster Hand.

Und dann kommt sie, die Mail vom Gardasee, von Bodo Kirchhoff persönlich: Cà dei Frati, Lugana. Weiß. „Natürlich“, bemerkt er dazu.

Gottseidank – das Gerät läuft einwandfrei, mein kulinarischer Kompass ist wieder eingenordet. Sofort mache ich mir Makkaroni, wälze sie in Butter und Parmesan und trinke dazu einen trockenen Weißwein. Ohne jeden Salat.

©Johanna Bayer

 

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Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

 

1x Nachschlag, bitte! ARD-Redaktion von „Hart aber fair“ entschuldigt sich

Nachtrag zum Artikel vom 24.11.2014: Frank Plasberg hat sich nach dem Beitrag von Quarkundso.de entschuldigt.

Das heißt natürlich, seine Redaktion hat das getan. Der Beitrag auf „Quark und so“ ist letzte Woche durch das Netz gewandert und auch bei der Redaktion von „Hart, aber fair“ angekommen. Der Mediendienst Turi hatte mit Verweis auf quarkundso.de getitelt: „Verfaktencheckt  Frank Plasberg mit PR-Material erwischt“, auch das PR-Magazin hat in seiner Medienschau auf quarkundso.de verwiesen.

Heute, am 2.12.2014, steht auf der Webseite von „Hart, aber fair“ beim Faktencheck zur Sendung „Mit der Kuh per Du“ vom 10.11.2014 ein neuer Text:

„Vegetarier, Veganer und Gesundheit

Michael Miersch war irritiert über Aussagen von Prof. Claus Leitzmann über den besseren Gesundheitszustand von Vegetariern, die „hart aber fair“ in einem Einspieler gezeigt hatte.

In unserer Sendung ist uns ein Fehler unterlaufen. Das Filmzitat von Professor Claus Leitzmann, in dem dieser Vegetarismus als besonders gesund einschätzt, stammte weder von uns noch war es aus einer anderen journalistisch unabhängigen Quelle. Es war Filmmaterial, das uns der Vegetarierbund Deutschland (VEBU) zur Verfügung gestellt hatte. Material aus nichtjournalistischen Quellen wird bei hartaberfair aber eigentlich nicht verwendet. In den seltenen Ausnahmen, in denen dies aus redaktionellen Erwägungen doch geschieht, wird die Quelle deutlich gekennzeichnet. Dies war hier nicht der Fall und damit ein Fehler. Wir bedauern das. Die hartaberfair-Redaktion!“

Danke für die Klarstellung – war recht hart, ist jetzt aber fair.